Fünf Mythen um Friedrich Wilhelm von Brandenburg | Geschichte | DW | 16.02.2020
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Preußische Geschichte

Fünf Mythen um Friedrich Wilhelm von Brandenburg

Er ging als der "Große Kurfürst" in die Geschichte ein. Nun, zum 400. Geburtstag von Friedrich Wilhelm von Brandenburg, bricht eine Biografie mit überlieferten Mythen um den Regenten. Die DW sprach mit Autor Jürgen Luh.

Reiterstandbild von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg vor dem Charlottenburger Schloss (picture alliance/akg-images)

Reiterstandbild des Kurfürsten im Ehrenhof des Charlottenburger Schlosses in Berlin

Friedrich der Große mag der bekanntere von beiden sein, aber viele der preußischen Errungenschaften gehen bereits auf seinen Urgroßvater zurück - zumindest dem Mythos nach. Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), so heißt es, lebte religiöse Toleranz, führte eine militärische Disziplin ein und begründete eine effektive Bürokratie. Als der "Große Kurfürst" zählt Friedrich Wilhelm von Brandenburg bis heute neben seinem Enkel, Friedrich Wilhelm I., und dessen Sohn, Friedrich II. - genannt "der Große" - zu den bedeutendsten Hohenzollern.

Groß war in jedem Fall das von ihm regierte Territorium, denn die einzelnen brandenburgischen Länder reichten von Ostpreußen über die Mark Brandenburg bis hin nach Kleve im Westen. Jürgen Luh, Historiker bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, begegnet in seiner Biografie "Der Große Kurfürst" (2020) dem überlieferten Bild des Regenten mit Skepsis. Der "Hohenzollern-Verehrung" früherer Geschichtsschreiber setzt Luh einen unvoreingenommenen Blick in die Quellen entgegen. Der Historiker möchte in seiner Biografie so zu einer "neuen Betrachtung" eines nur vermeintlich unfehlbaren Kurfürsten gelangen.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg

Ein Porträt von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1663)

Mythos 1: Friedrich Wilhelm von Brandenburg ist der Gründungsvater Preußens

Nach dem Tod des Vaters übernimmt der 20-Jährige als Kurfürst im Heiligen Römischen Reich die Regierung Brandenburgs. Er bekommt die Titel Markgraf von Brandenburg und Herzog von Preußen und darf als Kurfürst den römischen König wählen. Zu Beginn seiner Regentschaft 1640 hat der Dreißigjährige Krieg schon 22 Jahre lang gewütet. Sein Territorium gleicht dadurch einem teils entvölkerten Landstrich und die Hauptstadt Berlin-Cölln erinnert an ein armes Provinznest. Deutschland selbst existiert nicht als Nationalstaat, wie wir es heute kennen, sondern als Zusammenschluss verschiedener Fürstentümer, Grafschaften, Städte, an deren Spitze ein Kaiser steht.

Gebeutelt vom Krieg, so erklärt Luh, habe "Friedrich Wilhelm versucht, das Land wieder auf die Beine zu stellen". Der Kurfürst baut ein Heer auf, kurbelt die Wirtschaft an und beginnt, kulturelle Sammlungen anzulegen - von Büchern und Gemälden etwa. Bezeichnend für ihn ist, dass er es versteht, Nicht-Preußen in den Aufbau seines Herrschaftsgebietes einzubeziehen. Zum einen holt er durch die Heirat mit der niederländischen Prinzessin Louise Henriette von Oranien-Nassau neben Geld in Form einer hohen Mitgift auch einige ihrer Landsleute nach Brandenburg. Darunter finden sich Handwerker, Baumeister und Kaufleute. Zum anderen nimmt er auch später noch versierte Menschen auf – Menschen, die andernorts verfolgt werden: jüdische Geschäftsleute aus Wien und Hugenotten aus Frankreich.

Friedrich Wilhelms Bemühen gilt jedoch nicht vornehmlich dem Fortschritt seines geografisch verstreuten Territoriums. Er versucht, "sich selbst eine Bedeutung beizumessen und eine Position im Rahmen der deutschen und europäischen fürstlichen Öffentlichkeit zu finden," sagt Luh. Nach Ansicht des Biografen war Friedrich Wilhelm von Brandenburg nicht der Gründungsvater Preußens, sondern wurde erst nachträglich zu diesem ernannt: "Er ist dann derjenige, der zu dem Mann mutiert, der die Voraussetzung geschaffen hat für den Aufstieg Brandenburg-Preußens und damit auch Deutschlands, wenn man so will. Denn Preußen ist später übermächtig im Deutschen Reich." Aufgrund des Testaments von Friedrich Wilhelm hätte sein Land auch zersplittern können. Der Wille des Alten war, dass die Söhne sein Herrschaftsgebiet, das damals noch Brandenburg-Preußen heißt, unter sich aufteilen.

Jürgen Luh, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (privat)

Historiker Jürgen Luh

Mythos 2: Schon die Zeitgenossen sahen in ihm einen "Großen Kurfürsten"

Sucht man im Internet nach dem "Großen Kurfürsten", landet man in der Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia beim Eintrag von Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Dort heißt es, dass jenem im Zuge seiner Erfolge als Führer eines brandenburgischen Heeres gegen die Schweden 1675 der Beiname "der Große Kurfürst" verliehen worden sei.

Der Historiker Luh widerspricht dieser Auffassung. Der Beiname sei keine Fremd-, sondern eine Selbstzuschreibung gewesen. Diese verbreiteten Friedrich Wilhelms Diplomaten auf europäischer Ebene. "In die Welt gesetzt" habe der Regent sie selbst – immerhin während des im Wikipedia-Artikel beschriebenen Kampfes gegen Schweden. Es handelte sich dabei um "Flugschriften in den 1670er Jahren", erklärt Luh. Und weiter: "Er ist in der Welt seiner Zeit – in Europa, in Deutschland – nie als Großer Kurfürst gesehen worden, sondern eher als eine schwierige Person, die zurecht – aus seiner Sicht – nach oben kommen wollte. Dafür hat er sich eingesetzt." Er war also nicht nur der erste Diener seines Staates, wie man vor allem im Zusammenhang mit der Herrschaft seines Urenkels Friedrich II., aber gelegentlich auch im Zusammenhang mit seiner Herrschaft liest, sondern ebenso Diener seines eigenen Rufs und Ansehens.

Infografik - Kurfürsten von Brandenburg - DE

Der Stammbaum der Kurfürsten

Mythos 3: Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hat die Bürokratie eingeführt

Dass Brandenburg 1688 am Ende seiner Herrschaft über eine funktionierende Bürokratie verfügt haben soll, zieht Luh ebenfalls in Zweifel. So steht es beispielsweise in einer ursprünglich 1979 von Barbara Beuys publizierten Biografie über Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Dass das auch andernorts immer wieder zu lesen sei, basiere laut Luh auf den Vorarbeiten der Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Diese habe nach einem Gründungsvater gesucht, bei dem schon alles richtig war. Doch die Quellen geben das nicht her.

Unter Friedrich Wilhelms kurfürstlicher Herrschaft sei die Bürokratie nur in Ansätzen vorhanden gewesen, erklärt der Historiker. Sie habe sich erst später, im Laufe des 18. Jahrhunderts, entwickelt. Unter den Herrschern in Brandenburg-Preußen gilt sein Enkel Friedrich Wilhelm I. als der Erste, der sich auf die Ordnung der inneren Verhältnisse konzentriert hat. Zu Zeiten des Großvaters waren weite Teile Brandenburgs noch unverbunden, eine zentrale Einheit fehlte: "Die brandenburgischen Länder sind auch noch stark genug, sich oftmals dem kurfürstlichen Willen zu widersetzen," so Luh im Interview.

Mythos 4: Der Kurfürst war ein toleranter, umsichtiger und vorausschauender Herrscher

Friedrich Wilhelm war ein sehr gottesfürchtiger Mensch, der sich für seinen reformierten Glauben einsetzte. Er wollte, dass dieser wie der katholische und lutherische Glaube behandelt wird. Seine Toleranz galt zunächst seinen eigenen Glaubensgenossen. Sie zu schützen und zu fördern steht hinter dem "Edikt von Potsdam" (1685). Das aber habe die Reformierten, so Luh, über die anderen Gläubigen in seinen Landen gestellt. In dieser Hinsicht war zumindest der Inhalt der Verordnung wenig tolerant.

Bezieht man die Eigenschaft der Umsicht auf das Vermögen, gut zu wirtschaften, hält Luh Friedrich Wilhelm dessen zweite Frau Dorothea entgegen. Sie sei, im Gegensatz zum Gemahl, die bessere Ökonomin gewesen. Sie wusste ihr Geld geschickt einzusetzen und zu vermehren. Sie sei es auch gewesen, die ihn hin und wieder aus der Depression gerissen habe, in die er verfiel, wenn er nicht erreichte, was er sich vorgenommen hatte. Politisch musste der Kurfürst hingegen häufig lavieren zwischen den Mächten Frankreich und den Niederlanden im Westen und den Habsburgern im Reich. Der oftmals als Stratege dargestellte Herrscher konnte sich häufig schlecht entscheiden und gelegentlich auch mal nicht beherrschen. Sein Gemütszustand gilt heute unter Forschern als schwankend.

Seine Testamente bezeugen, dass Friedrich Wilhelm am Ende seines Lebens sein Land unter seinen Söhnen aufteilen wollte. Das macht deutlich, dass er, anders als vielfach behauptet, nicht daran dachte, vorausschauend die Grundlage für das spätere Preußen zu legen. Luh meint, "sein Glück war im Grunde, dass sein Sohn sein Testament kassiert hat. Friedrich, also Friedrich III. als Kurfürst und Friedrich I. als König, hat das Vorhaben wieder rückgängig gemacht."

Porträt von Friedrich II. (picture-alliance/akg-images)

Friedrich der Große, Urenkel des Kurfürsten von Brandenburg, 1781 porträtiert von Anton Graff

Mythos 5: Erst sein Urenkel brachte die Kartoffel nach Deutschland

In den Köpfen der Menschen hat sich über die Jahrhunderte die Geschichte von der Kartoffel verankert, die Friedrich der Große in Deutschland einführte, um die Menschen satt zu machen.

Jürgen Luh kann diesen Mythos nach seinen Recherchen für die Biografie des Urgroßvaters widerlegen: "Die Kartoffel wurde vorher schon als Nahrungspflanze in Bayern angebaut und Kurfürst Friedrich Wilhelm hat sie schon als Zierpflanze im Lustgarten vor dem Berliner Schloss gehabt." Es stimmt aber, dass der Urenkel den Anbau der Kartoffel durch entsprechende Befehle beförderte.

Jürgen Luh: Der Große Kurfürst. Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Sein Leben neu betrachtet. 336 S., München 2020, ISBN: 978-3-8275-0096-0

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