″Sweet Caroline″: Fangesänge, Hymnen und andere Fußballhits | Musik | DW | 30.07.2022
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Fußball und Musik

"Sweet Caroline": Fangesänge, Hymnen und andere Fußballhits

England und Deutschland stehen im Finale der EURO 2022. Die Fußballerinnen haben die Welt begeistert. In England werden sie - wie die Männer - mit einer Hymne gefeiert.

Die englische Nationalspielerin Chloe Kelly läuft mit der englischen Fahne über das Spielfeld und freut sich. (Manchester City FC)

Die englische Nationalspielerin Chloe Kelly freut sich über den Einzug ins EM-Finale

"England Lionesses" - die englischen Löwinnen - werden die Spielerinnen des englischen Nationalteams genannt. Nachdem ihre männlichen Kollegen es 2021 bis ins Finale der EURO 2020 gebracht haben (das sie unglücklich im Elfmeterschießen gegen Italien verloren haben), stehen nun auch Englands Fußballfrauen gegen Deutschland in einem EM-Finale. Ihre Hymne: "Sweet Caroline" von Neil Diamond. Der Song stammt aus dem Jahr 1969 und hat seit der letzten Herren-EM Englands Hymne Nummer 1 "Three Lions - Football's Coming Home" aus dem Stadion verdrängt.

Bis heute weiß niemand so genau, wie das passieren konnte - vielleicht liegt es an seinem Ohrwurmcharakter, oder daran, dass der Song seit Jahren in Après-Ski-Hütten oder auf Partymeilen als Stimmungskracher von DJ Ötzi bekannt ist. Der Zauber dieses Songs: die langsame Steigerung der Melodie, der Text: "Hands, touching hands, Reaching out, touching me, touching you" und dann der Ausbruch im Refrain, wo zwischen das "Sweet Caroline" und das "Good times never seemed so good…(So good! So good! So good)!" noch ein kräftiges "Oh! Oh! Oh!" geschmettert wird. Das Lied ist so fröhlich, dass auch die Fans gegnerischer Mannschaften mit einstimmen. 

Emotionen pur

Fußball und Musik gehören schon immer zusammen. Die richtige Kombi bedeutet: Emotionen pur. Besonders berühmt sind die englischen Fangesänge. Die Premier League gehört zu den stärksten Ligen Europas - England ist das Mutterland des Fußballs und gilt auch als Wiege des Fangesangs.

Grundlage eines richtigen Kurvenklassikers ist eine bekannte Popmelodie wie "Yellow Submarine" von den Beatles, "Que Sera Sera" von Doris Day oder "Go West" von den Pet Shop Boys. Die Lieder werden mit frischen Texten ausgestattet, die je nach Spielstand auch mal variieren können. Selbst in deutschen Fankurven gehören die umgetexteten Poplieder aus England zum festen Repertoire, etwa bei Schalke 04, wo es auf die Melodie von "Go West" heißt: "Steh auf, wenn du ein Schalker bist."

Ein Fußballfan mit grün-weiß-orange geschminktem Gesicht schwenkt eine irische Flagge und singt, im Hintergrund die Zuschauerränge mit singenden Fans.

Die emotionalen Iren ließen sogar Kommentatoren verstummen

Einen der eindrucksvollsten Auftritte von Fußballfans konnten wir bei der Herren-EM 2012 erleben. Vorrundenspiel zwischen Spanien und Irland. In der 87. Minute liegt Irland hoffnungslos 0:4 zurück. Einige irische Fans stimmen ihre Hymne "The Fields Of Athenry" an, ein Lied über die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert. Immer mehr stimmen mit ein und klatschen - und schließlich singen 20.000 im Stadion von Danzig, über den Schlusspfiff hinaus. Selbst Fernsehmoderatoren sind so ergriffen von dem Moment, dass einige von ihnen einfach den Mund halten.

Vereinshymnen aus dem Mutterland der Popmusik

Kein Fußballverein ohne eigene Hymne. Auch hier sind die Engländer federführend. Pop- und Rocksongs werden zu Fußballhymnen, britische Bands schreiben direkt eigene Songs. Beste Beispiele: "Three Lions (Football's Coming Home)" von den Lightning Seeds. Oder die Königin aller Fußballhymnen: "You'll Never Walk Alone" von Gerry and the Pacemakers.

Die Band stammt aus Liverpool, hat den damals schon 18 Jahre alten Song 1963 gecovert und ihn zum Nummer 1 Hit gemacht. Irgendwann nahmen sich die Fans des FC Liverpool den Song vor und begannen ihn im Stadion zu singen. Inzwischen wird das Lied in vielen Fußballarenen gesungen, egal ob Sieg oder Niederlage.

Oder zwischendurch, wenn die Fans etwas ganz besonders bewegt: So haben im März 2016 Fans aus Dortmund für nasse Augen gesorgt, nachdem in den Zuschauertribünen ein Unglück passiert war. Während des Fußballspiels war ein Fan an einem Herzinfarkt gestorben. Das Spiel lief zwar weiter, aber 81.000 Menschen im Stadion sangen die melancholische Hymne für diesen einen Fan.

Nur kurze Zeit später drückten die Dortmunder Fans nochmal auf die Tränendrüse. In der Hinrunde des Europa League-Viertelfinales empfing Borussia Dortmund den FC Liverpool und dessen Trainer, Dortmunds Ex-Trainer Jürgen Klopp. Als "Kloppo" mit seiner Mannschaft in seinem alten Stadion einlief, sangen die Dortmunder und die Liverpooler Fans zusammen "You'll Never Walk Alone".

Borussia Dortmund Fans und FC Liverpool-Fans im Stadion halten ihre Fanschals hoch und singen.

Gänsehautmoment im Dortmunder Stadion

Loo Lo-Lo-Lo-Lo-Looo Looo

Spätestens seit der EM 2008 ist dieser Song aus den Fußballstadien nicht mehr wegzudenken: "Seven Nation Army" von der US-Band The White Stripes (2003). Belgische Fußballfans haben ihn während der Champions League-Saison 2003/2004 ins Stadion von Brügge gebracht.

Die Fans der gegnerischen Mannschaften fanden das Lied gut, nahmen es mit und verbreiteten es. Italienische Fans grölten es schon zur WM 2006. Zwei Jahre später fand die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz statt. Dort wurde der Song bei jedem Einmarsch der Mannschaften gespielt. Et voilà - der nächste Fußballklassiker war geboren. Für jeden Bierzustand, der Text ist nicht so wichtig, "Loo Lo Lo" reicht.

Tooooor!

Wenn ein Tor fällt, wird nicht nur in allen Stadien mit Hilfe des Stadionsprechers gefeiert. Kleine musikalische Einspieler verstärken den Siegestaumel noch - und können die Gästemannschaft schonmal aus der Fassung bringen. Beim 1. FC Köln, so lacht ganz Deutschland, spiele man Karnevalsmusik. Kölner Fans lachen auch, "wenn dat Trömmelche jeht" (wenn die kleine Trommel ertönt). Dann nämlich sieht es gut aus für den FC.

Fans schwingen im Stadion die Flaggen des 1. FC Köln.

Die Kölner Südkurve feiert den 1. FC Köln

Die Mainzer spielen auch einen Karnevalsklassiker: Den Narrhalla Marsch. Beim FC Bayern erklingt "Seven Nation Army", bei Bayer Leverkusen gibt es Status Quo's "Rockin' All Over The World", in Mailand tönt Van Halens "Jump" aus den Lautsprechern. In St. Pauli und in Salzburg läuft "Song 2" von Blur. Ein großer Torjubel-Klassiker in vielen Ländern ist "Chelsea Dagger" von den Fratellis und der VFB Stuttgart lässt, wie der niederländische Verein Vitesse Arnheim das Punkbrett "Bro Hymn" von Pennywise laufen.

Krönung der Fußball-Musik: Singende Fußballer

Grölende, betrunkene Fans sind schon schwer zu ertragen. Kein Satz jedoch kann böse genug sein um zu beschreiben, was dem menschlichen Ohr in der Kategorie "singende Fußballer" schon angetan wurde. In den 1960er und 70er-Jahren mussten alle großen deutschen Fußballstars mal ran, von Franz Beckenbauer bis Gerd Müller.

Deutsche Fußballer im Tonstudio, mit Kopfhörern und Textzetteln, 1973.

Bernd Franke, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Jupp Heynckes, Jupp Kapellmann und Franz Beckenbauer im Tonstudio

Die verschiedenen deutschen Nationalteams wurden vor jedem internationalen Turnier ins Studio gezwungen, um mit Schlagerstars wie Udo Jürgens, Peter Alexander oder gar Nicole ein Fußballlied zu singen. Damit mussten sie auch live im Fernsehen auftreten und sorgten für unvergessene Momente. Ungelenk und komplett am Takt vorbei agierten sie wie ein verwirrter Männerchor, der nur einen Gedanken im Kopf hat: Flucht. Manche Spieler hatten sogar Rasseln in der Hand oder schnippten tapfer mit.

Der erste Hit der deutschen Nationalelf ist von 1974. Das Lied "Fußball ist unser Leben" hat sicher nichts damit zu tun, dass Deutschland in jenem Jahr auch Weltmeister geworden ist. Die Peinlichkeiten hörten in den 90ern auf. Für deutsche Rock- und Popstars wurde es hip, sich einen Spieler rauszupicken und mit ihm einen Song aufzunehmen. So hat die Rockband Sportfreunde Stiller 2004 dem Stürmerstar Roque Santa Cruz, der acht Jahre bei Bayern spielte, mit "Ich, Roque" ein Denkmal gesetzt. Mesut Özil war 2010 mit dem deutschen Soulsänger Jan Delay im Studio und rappte auf den Song "Large": "Alle Kidz finden Mesut derbe, … was geht ab, yo?" Der Kölner Star Lukas Podolski hat 2016 mit einer lokalen Popband einen Song aufgenommen, in dem er am Ende beisteuert: "Liebe deine Stadt".

Auch international hat es schon kultverdächtige Hits gegeben. So hat Kevin Keegan, der englische Stürmerstar aus den 1970ern, einen richtigen Charterfolg gelandet - mit dem schwülstigen Popsong "Head Over Heels In Love". Auch Portugals Superstar Cristiano Ronaldo war sich nicht zu schade für sowas und sang den Bossa Nova-Song "Amor Mio". Es bleibt nach dem Popularitätsschwung, den der Frauenfußball durch die EURO 2022 erlebt, sicher nur eine Frage der Zeit, wann sich eine Fußballerin ans Mikrofon stellt.


Dieser Artikel erschien erstmals 2016. Anlässlich der EURO 2022 wurde er aktualisiert.

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