EU testet Lügendetektor an Außengrenzen | Europa | DW | 13.11.2018
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Europäische Union

EU testet Lügendetektor an Außengrenzen

Mit künstlicher Intelligenz und einem Lügentest will die Europäische Union die Zoll- und Polizeibeamten entlasten und Kriminalität bekämpfen. Kritiker bezweifeln, dass die Testergebnisse zuverlässig sind.

Wer in die Europäische Union einreist, wird an der Grenze keinen Menschen aus Fleisch und Blut mehr antreffen, sondern einen computeranimierten Polizeibeamten - das ist der Plan. Der Avatar soll einerseits eingescannte Reiseunterlagen prüfen, wie den Reisepass, das Visum und den Nachweis über die nötigen finanziellen Mittel. Andererseits soll er Fragen eines Zollbeamten stellen, wie beispielsweise nach dem Inhalt des Koffers oder dem Grund der Reise. Die Antworten werden von einer Kamera aufgezeichnet und analysiert. Eine neu entwickelte Software soll an den Gesichtsausdrücken der Interviewten erkennen können, ob sie die Wahrheit sagen.

Unterstellt das Computerprogramm dem Reisenden keine Lügen, fällt die anschließende Kontrolle durch einen echten Grenzbeamten kurz aus. Andernfalls ist eine umfangreiche Prüfung vorgesehen. Im kommenden Jahr soll die Software an einzelnen Übergängen entlang der EU-Außengrenze in Ungarn, Lettland und Griechenland getestet werden.

Grenze Slowenien - Stau (Getty Images/AFP/J. Makovec)

Die neue Software soll helfen, Staus an Grenzübergängen zu reduzieren

Der computeranimierte Grenzbeamte inklusive automatisiertem Lügendetektortest ist Teil des Forschungsprojekts iBorderControl, an dem unter anderem die ungarische Polizei, der lettische Grenzschutz und die Leibnitz Universität Hannover mitarbeiten. Ziel ist es, Kontrollen bei der Einreise in die EU schneller und sicherer zu machen. Jährlich reisen etwa 700 Millionen Menschen in die EU ein, Tendenz steigend. Illegal die Grenze passierende Migranten und Kriminelle sollen durch das neue IT-System leichter ausfindig gemacht werden können.

"Wissenschaftlich bedenklich"

Unabhängige Experten bezweifeln, dass das 4,5 Millionen Euro teure Projekt ein Erfolg wird. Es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis, dass sich an Gesichtsausdrücken und Mimik Lügen erkennen ließen, sagt Bennett Kleinberg. Er ist Professor am Kriminalwissenschaftlichen Institut des University College London. Mit der verwendeten Technik ließe sich lediglich erkennen, ob ein Mensch gestresst sei oder nicht.

Stress sei auf Reisen oft nicht zu vermeiden, beispielsweise wenn ein Anschlussflug erreicht werden muss oder man mit Kindern unterwegs sei, so Kleinberg. Das berge die Gefahr, vielen Menschen bei der Einreise Lügen zu unterstellen und sie besonderen Überprüfungen zu unterziehen, obwohl sie dem Avatar gegenüber ehrliche Angaben gemacht hätten. "Diese Herangehensweise ist wissenschaftlich bedenklich", sagt der Kriminologe. In einem ersten Test an 30 Probanden entlarvte die Software lediglich 76 Prozent aller Lügen.

Datenschutz und Ethik auf dem Prüfstand

Von Reisenden, die durch den Lügendetektortest fallen, sollen zusätzliche biometrische Daten erhoben werden, wie Scans der Handflächenstruktur oder eine digitale Gesichtserkennung. Das Institut für Rechtsinformatik der Leibniz Universität Hannover analysiert mögliche Risiken für den Datenschutz, aber auch ethische und grundrechtliche Fragen. Schon der ethische Aspekt der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine stelle eine wesentliche Herausforderung dar, erläutert Rechtsprofessorin Tina Krügel.

Computeranimation iBorderCtrl Grenzbeamter (Eurodyn/iBorderCtrl)

Einmal freundlich, einmal ernst: Der animierte Grenzbeamte soll auf die Antworten der Reisenden reagieren können

"Bei der Befragung durch einen Avatar wird eine Person mit einer Situation konfrontiert, mit der sie nicht vertraut ist", so Krügel. "Es ist wichtig, dass der animierte Grenzbeamte entsprechend auf eine Person reagieren kann und den kulturellen Hintergrund berücksichtigen kann." Und weiter: "Mit der Risikobewertung am Ende der Befragung wird eine automatisierte Einzelfallentscheidung getroffen, die ebenfalls eine Reihe datenschutzrechtlicher und ethischer Fragestellungen mit sich bringt." Eine europarechtliche Grundlage gäbe es für den Einsatz des Avatars aktuell nicht, so die Juristin.

Während der neunmonatigen Testphase sollen ausschließlich Reisende dem Lügentest unterzogen werden, denen die Einreise in die EU bereits gestattet wurde. Die Teilnahme ist freiwillig. Anschließend wird der Feldversuch evaluiert - untersucht werden sollen vor allem die technische Leistung und die Alltagstauglichkeit. Die Ergebnisse werden dann der Europäischen Kommission übergeben, die gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten entscheiden muss, ob der Lügendetektor Teil der Einreiseprozedur in die EU werden soll.

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