EU-Energiepolitik basiert auf alten Zahlen | Wissen & Umwelt | DW | 25.11.2013
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Wissen & Umwelt

EU-Energiepolitik basiert auf alten Zahlen

Die EU arbeitet bei ihren Energieszenarien mit veralten Zahlen. Das fanden Forscher des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heraus. Sie fordern Korrekturen.

Die langfristige Energiestrategie der EU basiert auf dem sogenannten Grünbuch und der Energy Roadmap 2050. Forscher des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin nahmen die Zahlen und Projektionen der EU genauer unter die Lupe:

In ihrer Studie stellten die DIW-Forscher fest, dass die Szenarien der EU-Kommission noch in "wesentlichen Teilen auf veralteten Kostenschätzungen und nicht ausgereiften Technologien beruhen". Es sei dringend notwendig, dass die EU-Kommission mit aktuellen Zahlen realistische Szenarien entwickelt.

Professorin Claudia Kemfert, Leiterin der DIW-Abteilung für Energie, Verkehr und Umwelt ist eine der vier Autoren der Studie. Sie und ihre Kollegen sehen systematische Fehleinschätzung bei den Planungen der EU-Kommission. "Die Kostensenkung bei den erneuerbaren Energien wurde beispielsweise nicht eingerechnet. Außerdem sieht man, dass bei der Atomkraft und bei der Technologie der CO2-Abscheidung die Kosten deutlich unterschätzt wurden", so Kemfert im DW-Interview.

Photovoltaik zwei Drittel günstiger als prognostiziert

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) (Foto: Gero Breloer dpa/lbn)

Umweltökonomin Claudia Kemfert

Besonders deutlich wird die falsche Einschätzung bei der Photovoltaik: Die EU-Kommission geht bei ihrer bisherigen Prognose davon aus, dass die Installation einer Photovoltaikanlage heute bei über 3000 Euro pro Kilowatt liegt und im Jahr 2050 bei 1300 Euro pro Kilowatt. Nach DIW-Angaben liegen die Kosten für Großanlagen jedoch schon heute bei unter 1000 Euro pro Kilowatt. "Die Studie für das EU-Grünbuch rechnet mit Kosten für Photovoltaik im Jahr 2050, die höher sind, als das, was wir heute schon haben. Hier ist dringend eine Korrektur notwendig, ebenso bei der Windenergie", so Kemfert.

"Kosten für Atomkraft explodieren"

Besonders auffällig sei auch die "Kleinrechnung" bei den Kosten der Atomenergie von der EU, so die Forscher. "Nirgendwo auf der Welt wurde ein Atomkraftwerk unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gebaut, sagt DIW-Forschungsdirektor Christian von Hirschhausen. Zudem berücksichtige die Schätzung nicht die Kosten für "Rückbau der Anlagen und die Endlagerung des Atommülls, ganz zu schweigen von den enormen Kosten möglicher Großunfälle, wie in Fukushima oder Tschernobyl." Gegen solche Schäden würden sich die Unternehmen nicht ausreichend versichern. "Das finanzielle Risiko wird vom Staat - also von uns allen - getragen", so von Hirschhausen.

AKW-Baustelle in Flamanville (2013). (Foto: Charles Platiau/ Reuters)

Mindestens viermal teurer als veranschlagt: AKW-Bau Flamanville in Frankreich

Nach DIW-Angaben werden von der EU-Kommission auch die Kosten für den Bau von Atomkraftwerken als viel zu niedrig angesetzt. "Die Kosten von Atomkraft explodieren aufgrund der erhöhten Sicherheitsanforderungen, das muss man korrigieren", so Kemfert. Nach DIW-Berechnungen liegen die Investitionskosten von Atomkraftwerken heute zwischen 5000 und 7000 Euro pro Kilowatt und würden auch bis 2050 nicht sinken. Die EU rechnet dagegen mit Kosten von derzeit 4300 Euro pro Kilowatt, die bis 2050 auf 3600 Euro pro Kilowatt sinken.

Kohlekraft mit CO2-Speicher nicht in Sicht

Als unrealistisch bezeichnen die Forscher auch die EU-Prognosen zum Ausbau der CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage). Bei dieser Technologie soll das klimaschädliche Kohlendioxid zum Beispiel am Kohlekraftwerk abgetrennt und dann in den Boden verpresst werden. Nach EU-Prognose könnte 2020 ein Prozent des Strombedarfs in der EU mit dieser Technik erzeugt werden, 2050 18 Prozent.

Nach Angaben des DIW steht dieses optimistische Vorhersage im Widerspruch zur bisherigen Entwicklung: "Weltweit gibt es keine Vorhaben, die wirtschaftlich betrieben werden, das lässt erheblich zweifeln an dieser Technologie", so Energieökonomin Kemfert. Als großes Hindernis dieser Technologie werden die hohen Kosten, ungeklärte Risiken bei der CO2-Einlagerung und auch der europaweite Widerstand gegen diese Technik gesehen.

Infografik Kosten Stromproduktion Europa

Experten sind sich einig: Klimafreundlicher Strom ist mit Wind- und Sonne am günstigsten.

Neues Szenario für EU-Energiepolitik

Die EU-Komission reagierte auf die Kritik der Berliner Forscher. "Die EU-Kommission plant ein neues Energieszenario", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber Deutschen Welle. Darauf aufbauend soll der Rahmen für eine Klima- und Energiepolitik bis 2030 entwickelt werden. Für Energieforscher steht die notwendige Strategie bereits fest. „Erneuerbare Energien werden immer preiswerter und sind zumindest wirtschaftlicher als Atomenergie, da ist die Alternative klar“, so Kemfert.

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