EU-Drogenbericht: Mehr Todesfälle, dafür weniger Heroinnutzung | Wissen & Umwelt | DW | 06.06.2019
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EU-Drogenbericht: Mehr Todesfälle, dafür weniger Heroinnutzung

2018 starben in Europa rund 8200 Menschen an einer Überdosis, wie es im Europäischen Drogenbericht heißt. In den USA ist diese Zahl zehnmal höher. Was ist dort schiefgelaufen und was machen die Europäer anders?

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Cannabis - pro und contra

Ein sommerlicher Morgen in Bonn: Drogenabhängige treffen sich in einem lebendigen, lichtdurchfluteten Café unweit vom Hauptbahnhof. Zusammen trinken sie Kaffee für 50 Cent, plaudern und rauchen Zigaretten. Einige lesen drinnen Zeitungen, während andere an Picknicktischen auf der Terrasse sitzen. Viele kennen sich und kommen jeden Tag zum Essen oder auch zum Duschen.

Wenn sie irgendwann ihre Drogen nehmen wollen - in der Regel Heroin, Kokain, Amphetamin und andere Pillen - dürfen sie das in einem sterilen Raum im Hinterhof des Cafés tun. Danach müssen sie nicht in der Nähe bleiben, wenn sie es nicht wollen. Und es wird sie niemand bei der Polizei anzeigen.

Mitarbeiter wie Maik Schütte, der Koordinator des Kontaktcafes, scherzen mit den Kunden. Die Arbeit macht ihm Spaß, er ist seit zehn Jahren in dem Café. Das Kontaktcafe biete eine angenehme Umgebung für interessante Menschen, sagt er. Und er weiß, dass er ihnen hilft. Das Cafe ist einer von 24 sicheren Orten in Deutschland, wo Drogenabhängige sich Spritzen setzen können.

Zur Mittagszeit essen viele die warmen 50-Cent-Mahlzeiten, die dort täglich serviert werden. Heute gibt es Suppe und Brot. Wenn ihnen das Angebot nicht gefällt, können sie in ein ähnliches Café gehen, das von einer anderen Organisation für Drogenabhängige in Bonn betrieben wird. Die Kunden haben also die Wahl. 

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Eine Zigarre mit einer Flasche Brandwein. (imago)

Alkohol und Zigaretten können auch Einstiegsdrogen sein.

Europa heute und seine Drogen

Die derzeit gelebte Normalität in Bonn ist ein Spiegelbild dessen, was sich auch durch den diesjährigen Bericht der EU-Drogenagentur EMCDDA zieht. Bemerkenswert ist vor allem, was nicht in dem Bericht steht, nämlich dramatische Meldungen über einen rasanten Anstieg des Drogenkonsums.

Der aktuell veröffentlichte Bericht erzählt die vergleichsweise zahme Geschichte von Drogenabhängigkeit in Europa im Jahr 2018. Zwar ist die Zahl der Todesfälle durch Überdosierung leicht angestiegen - im vergangenen Jahr starben etwa 8.200 Menschen an einer Überdosierung, rund 300 mehr als 2017 -, gleichzeitig nimmt aber der Heroinkonsum ab. Auch die Ausbreitung von HIV ist in den letzten zehn Jahren um 40% zurückgegangen.

Marijuana ist laut Bericht die am häufigsten konsumierte Droge. Auch der Kokainkonsum nimmt zu. Ferner stellt der Bericht eine "Uberisierung" des Kokainhandels fest. Das heißt: Nutzer und Händler verabreden sich per Handy-Apps, um die Übergabe zu verabreden.

Wie erwartet waren die meisten der 8.200 Überdosen auf Opioide zurückzuführen. Bemerkenswerterweise ist hier weiterhin Heroin an erster Stelle. Fentanyl oder Oxycodon, die in den USA zur derzeitigen Opioid-Krise geführt haben, spielen in Europa noch keine so große Rolle. 

Für die Schmerzbehandlung zugelassene Opioide können bei Missbrauch stark süchtig machen, wie die aktuelle Situation in den Vereinigten Staaten zeigt. Dort sind 2017 etwa 70.000 Menschen durch eine Überdosis Oxycodon oder Fentanyl gestorben. Dieser Trend hat Europa bisher nicht so stark erreicht, aber das könnte sich nach Ansicht des Berichts ändern, wenn die Europäische Union ihre Drogensituation nicht genau im Blick behält. 

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Medizinisches Cannabis (picture-alliance/AP Photo/J. Chiu)

Marijuana ist die beliebteste Droge in Europa.

Drogenpolitik in Europa - ein Rückblick

Nachdem sich das aus Afrika stammende HIV/Aids-Virus in den 1980er Jahren in New York City ausbreitete, erforderte dies auch eine Neubewertung der Drogenpolitik. Drogenabhängige zu kriminalisieren und in Entziehungskuren zu schicken reichte nicht aus, um die Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Wer Drogen konsumieren wollte, tat dies im Verborgenen meist unter unhygienischen Bedingungen.

Daraus entsprang die Idee, sichere Injektionsräume wie das Bonner Kontactcafe einzurichten. Auf dem Höhepunkt der Epidemie spielte die Schweiz eine Vorreiterrolle. Danach setzte sich das Konzept zögerlich in ganz Europa durch.

Der Sozialwissenschaftler Henrik Jungaberle sagt, dass Deutschland zwar den Anschein erwecke, an der Spitze einer fortschrittlichen Drogenpolitik zu stehen, tatsächlich aber habe es die meisten seiner Rezepte von den Schweizern abgeschaut. Die Schweiz verfolgt ein vierteiliges Modell mit folgenden Schwerpunkten: Prävention, Therapie, Schadensbegrenzung und Unterdrückung.

Anfang der 1990er Jahre hatte die Schweiz die höchsten HIV-Raten in Westeuropa zu beklagen. Trotz starker Widerstände erlaubte die Stadt Zürich am Platzspitz, einem zentral gelegenen Park, den Drogenkonsum. Sie richtete einen "Toleranzraum" ein. Im sogenannten "Needle Park" ("Nadelpark") konnten Drogenabhängige sich in der Öffentlichkeit mit sauberen Nadeln Heroin spritzen

Das führte aber auch dazu, dass Zürich zu einem Anziehungspunkt für Drogenabhängige aus der ganzen Schweiz und sogar aus dem Ausland wurde. Über 1000 Süchtige drängten sich im Höhepunkt der Drogenszene jeden Tag auf dem Platzspitz. Dem setzten Stadtverwaltung und Polizei 1992 ein Ende. Aber die Idee, dass Drogenabhängige sichere und saubere Orte brauchen, blieb im Bewusstsein. So wurden entsprechend geschützte Konsumorte eingerichtet. 

Die Schweiz konnte wohl in der "pragmatischen Drogenpräventionspolitik" deshalb führend werden, weil die Regierung des Landes keine weltweite Führungsrolle einnehmen wollte, meint Jungaberle. Pragmatische Drogenpolitik sei jedenfalls etwas, das sich am besten ohne große öffentliche Aufregung umsetzen lasse.

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So habe zum Beispiel Deutschland die mittlerweile sichersten Injektionsräume Europas. Aber keine der großen politischen Parteien habe den Drogenkonsum zu einem zentralen politischen Thema in ihren Kampagnen gemacht, sagte Jungaberle. Hätte Bundeskanzlerin Merkel eine drogenkonsumfreundliche Politik formuliert, hätte sich ihre Christdemokratische Partei (CDU) mit Sicherheit dagegen ausgesprochen, sagte er. Stattdessen habe die Bundesregierung unter Merkel die Reformen leise eingeführt und das Thema dadurch entpolitisiert. 

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EU und USA - unterschiedliche Strategien

Mittlerweile verfolgt der größte Teil Europas eine ähnliche Politik wie die Schweiz. Obwohl Länder wie Portugal schwere Drogenepidemien erlebt haben, die mit der aktuellen Situation in den USA durchaus vergleichbar sind, haben die meisten europäischen Länder versucht, ihr Chaos im Laufe der Jahre zu beseitigen.

Die Gesetzgeber begannen eine radikale Drogenpolitik, die die Konsumenten entkriminalisieren sollte. Zuvor hatten sie eine ganz andere Strategie verfolgt, ähnlich wie derzeit in den USA: Kriminalisierung und Inhaftierung. Mittlerweile liegt die Rate an Drogentoten in Portugal wieder auf dem Niveau des restlichen Europas. Die USA hingegen setzten in ihrer Drogenpolitik auf "Abstinenz", kombiniert mit Strafverfolgung und Inhaftierung von Dealern und Süchtigen.

Paradox dabei: Für Ärzte und Klinikärzte gelten deutlich lockerere Verschreibungsvorschriften für Opioide wie Oxycodon als in Europa. Oxycodon ist sogar das am häufigsten verschriebene Schmerzmittel in den USA. Die aggressiven Vermarktungsmethoden des Herstellers Dow sind derzeit Thema von Gerichtsprozessen. 

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