eSport-Profi: ″Athlet, nicht nur Nerd″ | Sport | DW | 18.07.2018
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eSport

eSport-Profi: "Athlet, nicht nur Nerd"

Der schnelle Finger am Abzug reicht nicht, um beim Ego-Shooter-Spiel Counter Strike Karriere zu machen, sagt Tizian Feldbusch. Der 22 Jahre alte Deutsche macht sich gerade in der Profi-Szene einen Namen.

E-Sport Counter Strike auf der ESL Cologne 2018 | Tizian Feldbusch (Berlin International Gaming)

Counter-Strike-Profi Tizian Feldbusch (l.) in Aktion beim ESL One Cologne 2018

Töten oder getötet werden - so wirkt Counter Strike, eines der erfolgreichsten Ego-Shooter-Spiele, auf den Laien. Doch hinter dem digitalen Blutvergießen verbirgt sich ein Strategiespiel: Die Spieler müssen sich auf ihre Teamkollegen verlassen, sie navigieren durch eine virtuelle Welt, deren Details sie auswendig gelernt haben, sie eignen sich Ressourcen an, schalten die gegnerische Mannschaft einen nach dem anderen aus und versuchen natürlich, bis zum Ende zu überleben. Erst seit 2012 gibt es Counter Strike Global Offensive (CS:GO). Doch das Spiel wurde sehr schnell so populär, dass Spieler es zu ihrem Beruf machten.
Der deutsche CS:GO-Spieler Tizian "tiziaN" Feldbusch ist einer dieser Profis. Der heute 22-Jährige begann mit 12 Jahren zu spielen, inspiriert und motiviert durch seinen Bruder, der das Spiel bereits kannte. Erst ging es nur darum, den Konkurrenzkampf mit dem Bruder zu gewinnen, dann aber das Spiel wirklich zu beherrschen. Mit 16 wurde Tizian von seinem ersten Team verpflichtet. Heute spielt er CS:GO bei Berlin International Gaming (BIG), einem Team, das 2017 ins Leben gerufen wurde und sich zum Marktführer im deutschen eSport entwickeln will.

"Eine der besten Erfahrungen meines Lebens"

Mit dem Einzug ins Finale der ESL One Cologne 2018, das als wichtigstes eSport-Turnier Europas gilt, sorgte die Mannschaft Anfang Juli für Furore. Auch wenn sich das Team am Ende nicht den Turniersieg sichern konnte, war es für Tizian ein Riesenerfolg. Die Veranstaltung war zudem ein Beleg für das Wachstum und das Potenzial von Counter Strike in Deutschland. Drei Tage lang war die Halle in Köln mit je 15.000 Zuschauern ausverkauft. "Die Arena, die Fans und das Gefühl, dort zu spielen, war eine der besten Erfahrungen meines Lebens", sagt Tizian der DW.

Gewinnen erfordert Teamwork

eSport-Wettkampf auf diesem Niveau bedeutet harte Arbeit. Tizian verbringt acht bis zehn Stunden am Tag vor dem Computer. Den Vormittag beginnt er mit einer individuellen Aufwärmübung, anschließend studiert er Spielverläufe. Nachmittags trifft er sich mit seinen Teamkollegen, um gemeinsam über Strategie und Praxis zu diskutieren.

Auf den ersten Blick scheint es bei Counter Strike nur auf das Geschick anzukommen, mit dem der einzelne Spieler schießt und sich auf dem Spielfeld bewegt. In seinem Kern ist das Spiel jedoch ein Mannschaftssport, bei dem Strategie und Planung zwei Schlüssel zum Erfolg sind. "Man braucht gute Einzelspieler", sagt Tizian. "Aber sie müssen sich an das Team anpassen und können nicht einfach alleine spielen."

25.000 Dollar im Monat

Die finanzielle Grundlage des eSports hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Tizian erinnert sich an die Anfänge von CS:GO, als es noch schwierig war, eine zahlungskräftige Mannschaft zu finden. Damals spekulierten die Spieler auf die Preisgelder und hofften, mit guten Leistungen das Interesse eines der wenigen großen Teams zu wecken. Heute, so Tizian, könnten die meisten Teams ihren Spielern Gehälter zahlen. Manche verdienten 25.000 Dollar (umgerechnet rund 21.500 Euro) pro Monat oder mehr. In Kombination mit Preisgeldern und Einnahmen aus den Sozialen Medien "kann man ein gutes Leben haben, während man sein Hobby genießt", sagt Feldbusch.

ESL One Cologne 2018 (picture-alliance/dpa/H. Kaiser)

ESL One Cologne 2018 - drei Tage ausverkaufte Halle, je 15.000 Zuschauer

Das Ende der Fahnenstange ist dabei für Spieler wie Tizian noch lange nicht erreicht. eSport-Spitzenverdiener bei Spielen wie League of Legends können im Jahr rund eine Million Euro an Preisgeldern einstreichen.

Akzeptanz fehlt

Wenn Talente gefördert werden sollen, muss auch jemand in sie investieren. In diesem Punkt hinkt Deutschland noch deutlich hinter anderen Ländern z.B. aus Skandinavien hinterher. Spieler aus Schweden, Norwegen und Dänemark sind in der Counter-Strike-Profiszene stärker vertreten. Für Feldbusch hat dies vor allem mit der Unterstützung zu tun, die sie in ihren Heimatländern erhalten, in denen eSport eine größere Akzeptanz genießt als hierzulande. So gebe es in Skandinavien richtige eSport-Akademien. "Es ist einfacher, seine Träumen zu erfüllen, wenn man in diesen Ländern geboren wird", sagt Tizian. Es gebe zwar auch in Deutschland viele Spieler, "aber nicht die gleiche Unterstützung für jene, die es nach ganz oben schaffen wollen".

Ist Counter Strike Sport?

Der Profi glaubt, dass es helfen würde, wenn eSport offiziell als Sportart anerkannt würde. Anfang Februar hatte die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD diese Absicht bekundet. Ein entsprechendes Gesetz wurde bisher jedoch nicht verabschiedet. Komme es dazu, so Tizian, könnte dies einen enormen Schub geben, auch in Sachen Talentförderung. Wenn eSport offiziell als Sportart anerkannt würde, könnten die Klubs den Status gemeinnütziger Vereine beantragen. Dann müssten sie weniger Steuern zahlen. Man könnte für sie spenden und das Geld steuerlich absetzen.

Das Wachstum von eSport sei "unbestreitbar", sagt Tizian. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zum Mainstream wird." Die Counter-Strike-Spieler wehren sich gegen das seit Jahren vorherrschende negative Image, dass ihr Sport Gewalt verherrliche. Sogar für Amokläufe wurde das Computerspiel verantwortlich gemacht. Tizian Feldbusch hofft, dass er eines Tages so wahrgenommen wird, wie er selbst sich sieht: als einen Athleten und nicht nur als "Nerd, der den ganzen Tag vor dem PC sitzt".

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