Es lebe die App! | Digitales Leben | DW | 12.09.2013
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Digitales Leben

Es lebe die App!

Es ist schön, wenn man sich mit Freunden trifft und Geschichten aus dem letzten Urlaub erzählt. Aber Vorsicht, wenn man seine Geschichte ausschmücken will: Das Smartphone entlarvt jede Urlaubslüge. Und nicht nur das.

In den Dolomiten war es richtig schön, erzählen Jens und Karen beim Abendessen. Tolle Touren, tolle Hütten. Und alles bei bestem Wetter. Klar, die höchsten Routen gingen ja bis 3.800 Meter, da habe man man schon gespürt, wie die Luft dünner wird. Bei diesen Worten stutzt Frank. Die Dolomiten seien doch gar nicht so hoch. Drei Leute am Tisch zücken augenblicklich ihre Mobiltelefone und googeln. Schnell kommt die Runde dem flunkernden Jens auf die Schliche – der höchste Gipfel der Dolomiten ist gerade mal 3.300 Meter hoch. Egal, klingt trotzdem klasse, und nächstes Jahr kommen alle mit. Man stößt fröhlich auf den nächsten Urlaub an.

Klaus ist Lehrer. Der kann nur in den Ferien mit. Schon daddeln vier Hände auf den Displays ihrer Mobiltelefone herum und suchen nach Terminen. Selbstverständlich hat Klaus eine Ferienkalender-App.

Am anderen Tischende entbrennt eine Diskussion darüber, ob Petras neues Rad nun ein Elektrofahrrad oder ein Pedelec ist. Nach einem schnellen Blick ins mobile Internet kennt die Runde den Unterschied. Und Pedelec-Fahrerin Petra kann bei der nächsten Radtour beweisen, dass ihr Motor nur dann angeht, wenn sie auch was tut. Schon ist sie in der Gunst ihrer sportlichen Freunde wieder gestiegen.

Siri bleibt nüchtern

Als die Frage aufkommt, ob man denn am kommenden Wochenende einen Kurztrip nach Holland machen soll, rufen zwei ihre Wetter-App auf, Jens ist etwas fortschrittlicher und fragt Siri (das Sprachinterface seines iPhones), ob man am Wochenende in Renesse einen Regenschirm braucht. Susanne findet das lustig und will von Jens wissen, was man Siri noch alles fragen kann. Schon beginnt in der Runde ein heiteres Siri-Veräppeln. "Willst du mich heiraten?" spricht Jens in das Mikrofon. "Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange", antwortet die Software. Schallendes Lachen am gesamten Tisch. Was haben die Leute, die das programmiert haben, wohl geraucht? Schon kommt der nächste Brüller: "Wo gibt's hier was zu kiffen?" Siri: "Ich habe deine Frage nicht verstanden." Am Tisch besitzen vier Leute ein Gerät, auf dem Siri läuft. Das sorgt für große Heiterkeit.

Als sich die Situation beruhigt, stellt Karen ihr Smartphone vor eine Kerze und drückt auf das Kamera-Symbol. Schon erscheint die Kerze auf dem Display. Karen lässt die Kamera laufen. Jetzt sind da zwei Kerzen, eine echte und eine digitale. Hübsch.

Petra bekommt eine What's app-Nachricht von ihrer Tochter; sie möchte von ihrer Party abgeholt werden. Petra kann aber nicht mehr fahren und bestellt ihr ein Taxi – mit der "mytaxi"-App. Als Klaus feststellt, dass das Bier alle ist, schaut er bei "aroundme" nach, wo der nächste offene Kiosk ist. Heute abend ist Champions League, unter den Freunden sind mindestens drei Bayern-Fans, die immer wieder verstohlen auf ihr Handy gucken. Vier Tore fallen, jedes wird dezent kommentiert.

Fantasie

Plötzlich springt Ulrike auf und rennt zu einem der Lautsprecher, aus dem den ganzen Abend schon leise Hintergrundmusik tröpfelt. Alle sollen sofort ganz ruhig sein, befiehlt sie, hält ihr Handy an den Lautsprecher und drückt auf den Shazaam-Button. Ulrike wollte diesen Song schon immer haben. Die Software erkennt das Lied und leitet Ulrike direkt weiter zu iTunes, wo sie das Lied kaufen und runterladen kann.

Vor zwanzig, ach was, vor zehn Jahren noch waren solche Abende nur in der Fantasie vorstellbar. Da hätte man Tränen gelacht bei der Vorstellung, dass man sich eines Tages mit seinem Telefon über das Wetter unterhalten kann. Dass Handys Musik erkennen können. Dass man mit diesen kleinen Apparaten von überall aus ins Internet gehen kann. Ohne Kabel oder irgendein Kästchen, das irgendwo rumsteht und blinkt. Das war damals genau so ein Quatsch wie 3D-Drucker, die funktionstüchtige Waffen drucken können. Oder Wandteppiche aus Licht, auf denen man Fernsehen gucken kann. Nun, das gibt's alles schon. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass das Beamen bereits mit ein paar Molekülen funktioniert hat. Wirklich, mit Molekülen? Oder waren es doch nur einzelne Atome? Beamen? Das kann man googeln. Ich greife zu meinem Smartphone.

Silke Wünsch, Redakteurin. Foto und Copyright Christel Becker-Rau

Silke Wünsch ist Redakteurin der Seite "Digitales Leben". Eines Tages wurde sie gefragt, ob sie diese Seite gerne betreuen möchte. Sie sagte: "Nun, ich bin bei Facebook und liebe hübsche Computer aus Cupertino, warum eigentlich nicht?" Und schon hatte sie den Job. An dieser Stelle schreibt sie über die schrägen Seiten des Digitalen Lebens, kommentiert das Treiben des Netzvolkes und wundert sich über die Skurrilitäten, die dieses komische Internet so spannend machen.

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