„Es gibt nichts Schlimmeres, als ausgegrenzt zu werden“ | Publikationen | DW | 16.08.2018
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X | XENOPHOBIE (Weltzeit 2|2018)

„Es gibt nichts Schlimmeres, als ausgegrenzt zu werden“

In Frankreich werden alle WM-Spieler gleichermaßen bejubelt. Wenn der Erfolg aber ausbleibt, greifen allzu oft rassistische Reflexe. Ein Skandal. Und in Deutschland entspinnt sich eine wahnwitzige Debatte um Mesut Özil.

Sonntagabend, 18.54 Uhr, Champs de Mars in Paris. Auf der gigantischen Leinwand am Fuße des Eiffelturms flimmert die Übertragung des WM-Finales und es ist der große Moment gekommen: Der Schlusspfiff ertönt und in Paris bricht ein Vulkan aus. Es ist eine Eruption der Freude. Frankreich ist Weltmeister. In dieser einen Sekunde manifestiert sich die ganze emotionale Kraft des Fußballs. Laura ist Pariserin, trägt heute natürlich ihr blaues Nationalmannschafts-Trikot. Am DW-Mikrofon lässt sie ihren Gefühlen freien Lauf. „Wahnsinn. Die Mannschaft hat es vorgelebt, sie war eine Einheit und zeigte echten Zusammenhalt. Sie ist ein Vorbild für das ganze Land.“

Joscha Weber, Teamleiter Sport Online

Joscha Weber, Teamleiter Sport Online

Da ist sie wieder, die Analogie zwischen Nationalelf und Nation. Die französische Mannschaft, ein gut harmonierendes, multiethnisches Ensemble als Sinnbild für eine ebenso bunte und erfolgreiche Nation? Der Vergleich hinkt.

Denn schon in der Final-Nacht entlädt sich in Paris und weiteren Städten Frankreichs sozialer Frust. Randalierer, viele von ihnen aus den Banlieues und nicht wenige mit Migrationshintergrund, zerstören Geschäfte, zünden Autos an. Inmitten der Stunde des Jubels wird die Grande Nation an ihre großen gesellschaftlichen Probleme erinnert. Dass junge Menschen mit schwarzer Hautfarbe oder arabisch klingendem Namen abseits des Fußballplatzes weit weniger gute Aufstiegschancen haben. Die französische Weltmeister-Elf ist eher die Projektionsfläche eines Frankreichs, wie es sein könnte: einig, gleich, erfolgreich.

„Eine Ohrfeige für das angeblich liberale Deutschland.“

Titelbild Weltzeit 2|2018; mit Ausgabennummer (DW)

Dieser Beitrag stammt aus dem DW-Magazin Weltzeit

Und was passiert, wenn der Erfolg ausbleibt, zeigt sich am Beispiel Deutschland. Auf das krachende Aus der deutschen Nationalelf in der Vorrunde folgt eine wahnwitzige Debatte um Mesut Özil: Der Türke ist schuld. In den Sozialen Medien und auch von Verantwortlichen des DFB wurde der Mittelfeld-Regisseur zum Sündenbock erklärt, obwohl einige Teamkollegen deutlich schlechtere Leistungen boten. Natürlich hatte sich Özil mit seinem ominösen Erdogan-Treffen und dem bockigen Schweigen danach selbst keinen Gefallen getan. Aber die massenhaften diskriminierenden Beleidigungen gegen den in Gelsenkirchen geborenen Sohn türkischer Eltern sind eine Ohrfeige für das angeblich liberale Deutschland. Sie zeigen, dass Rassismus leider immer noch nicht verbannt ist – weder aus der Gesellschaft, noch aus dem Fußball.

Wir müssen mehr dagegen tun

Hakenkreuze im Fanblock, Bananen, die auf Fußballer aus Migrantenfamilien niederregnen, Schmähgesänge von den Rängen, Spieler, die Konkurrenten der Herkunft wegen den obligatorischen Handschlag verweigern – Rassismus gibt es nach wie vor im internationalen Fußball, allen PR-Kampagnen und Bemühungen zum Trotz. „Das Problem ist immer noch da. Wir müssen mehr dagegen tun“, sagte Gerald Asamoah auf dem Global Media Forum. Als Nationalspieler und Profi unter anderem bei Schalke 04 musste er sich Affenlaute und rassistische Gesänge anhören, heute kämpft er gegen Diskriminierung im Fußball. „Es gibt nichts Schlimmeres, als ausgegrenzt zu werden, den Schmerz, nicht dazuzugehören. Ich selbst habe drei Kinder und deshalb tue ich alles dafür, dass sie nicht dasselbe durchmachen müssen wie ich.“

Gegen Diskriminierung im Fußball: Gerald Asamoah

Gegen Diskriminierung im Fußball: Gerald Asamoah

Nur wenige kämpfen mit solcher Überzeugung für die Selbstverständlichkeit der Gleichberechtigung im Fußball. So erlebte auch die WM in Russland wieder üble Fälle von Diskriminierung: Der Brasilianer Fernandinho wurde für sein Eigentor im Viertelfinalspiel gegen Belgien mit dem Tode bedroht und rassistisch beleidigt. Und der Schwede Jimmy Durmaz wurde in den Sozialen Medien nach einem Foulspiel an Deutschlands Timo Werner (dem das Siegtor durch Toni Kroos folgte) als „Selbstmordattentäter“ beleidigt und erhielt ebenfalls Morddrohungen. 

Es ergibt sich ein Bild: Wenn eine ethnisch bunt gemischte Mannschaft Erfolg hat und Titel holt, sind auch Spieler wie Kylian Mbappé oder Paul Pogba gefeierte Stars, deren Trikots zu den meistverkauften zählen. Wenn ein Team aber ausscheidet und versagt, greifen bei manchen „Fans“ alte, rassistische Reflexe: Spieler aus Einwandererfamilien stehen viel schneller in der Kritik und werden sogar mit dem Tode bedroht. Und das im Jahr 2018. Ein viel größerer Skandal als das frühe Ausscheiden eines Weltmeisters.

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