″Es gibt nicht die Araber, sondern ganz verschiedene Geschichten und Meinungen″ | Meine Oma, das Regime und ich: Deutschland | DW | 21.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Arabische Welt

"Es gibt nicht die Araber, sondern ganz verschiedene Geschichten und Meinungen"

Den Deutschen die arabische Welt erklären - kaum einer ist dafür wohl so qualifiziert wie der preisgekrönte deutsch-arabische Journalist Jaafar Abdul Karim. Die DW hat mit ihm über sein neues Buch und mehr gesprochen.

DW: Am Dienstag erscheint Ihr Buch "Fremde oder Freunde: Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt". Wie ist die Idee entstanden zu diesem Buch? Was möchten Sie den Lesern mit dem Buch vermitteln?

Jaafar Abdul Karim: Die Idee ist entstanden, da ich mit meiner arabischsprachigen Talk-Show Shababtalk und als Reporter in vielen arabischen Ländern unterwegs bin - im Irak und Irak-Kurdistan, im Sudan, in Mauretanien, im Libanon, in Marokko, Katar, Ägypten, Jordanien - und über verschiedene Themen berichtet habe, die auch hier in Deutschland auf großes Interesse gestoßen sind. Und da ich auch in Deutschland viel über die arabische Community berichte, weil ich auch Zugang und Einblick habe zu den Menschen, die jetzt auch hier auf großes Interesse stoßen und Leute wissen möchten, wer diese Menschen sind. Welche Kultur sie haben, welchen Background sie haben.

In dem Buch wollte ich zusammenzufassen, was Menschen heute interessiert – den Leser auf eine Entdeckungsreise durch die arabische Welt nehmen.

Ich berichte zum Beispiel über eine junge Frauenrechtlerin aus Jordanien und Homosexuelle, die um ihre Rechte kämpfen, aber auch darüber, wie es arabischen Migranten und Flüchtlingen in Deutschland geht – welche Herausforderungen gibt es für sie im Alltag, wenn sie Teil der deutschen Gesellschaft werden wollen.

DW: Das Buch setzt sich vor allem zusammen aus vielen persönliche Geschichten von Leuten, denen Sie begegnet sind in den arabischen Ländern und Deutschland. Welche Geschichte hat Sie am meisten persönlich bewegt?

Als ich im Sudan eine Frau getroffen habe, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden ist – das hat mich wütend gemacht. Ihr wurde etwas angetan, gegen ihren Willen, worunter sie ihr ganzes Leben lang leiden wird. Und es gibt immer noch Leute, die das in Ordnung finden.

Was mich auch beeindruckt hat: eine junge Frau, die ich in Jordanien getroffen habe, bringt anderen Frauen Kampfsport bei, damit sie sich wehren können gegen sexuelle Belästigung oder wenn sie bedroht werden. Solche Geschichten geben mir dann immer wieder Hoffnung.

Für mich ist ein zentrales Thema, dass man das Recht hat, so zu sein, wie man sein will. Dass niemand das Recht hat, zu bestimmen, wie jemand anders leben soll.

Jaafar Abdul-Karim (DW)

Jaafar Abdul-Karims DW-Sendung Shababtalk sendete auch eine Folge aus den Ruinen von Mossul im Irak

DW: Sie leben in Deutschland, berichten sehr viel für die arabische Welt und über Ereignisse in der arabischen Welt. Wie bleiben Sie in Kontakt mit den Geschehnissen vor Ort? Wie behalten Sie das Gefühl dafür, was die Leute dort bewegt?

Dadurch, dass ich immer wieder vor Ort bin. Ich bin mit Shabab Talk ja fast einmal im Monat in einem arabischen Land. Das finde ich wichtig - auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort zu sein, wo sie leben, wo sie fühlen, wo ihr Leben stattfindet - nicht über die Menschen zu sprechen, sondern direkt mit ihnen. Das war mir auch bei dem Buch wichtig – vor Ort mit den Leuten zu sprechen.

DW: In Ihrem Buch berichten Sie über Begegnungen in der arabischen Welt und in Deutschland. Das Buch richtet sich an ein deutschsprachiges Publikum. Ich hatte das Gefühl, dass das Buch zum Teil einen wesentlich kritischeren Blick wirft auf die arabischen Länder und deren Kultur als auf Deutschland. Besteht da nicht die Gefahr, dass man rechtspopulistischen und extremistischen Kräften Aufwind gibt?

Das finde ich nicht – ich habe bewusst versucht, in meinem Buch keine Vergleiche zu ziehen zwischen unterschiedlichen Ländern oder Bewertungen abzugeben – nicht zu sagen, das Land ist besser, das ist schlechter. Das Buch heißt ja "Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt". Es wird nicht verglichen, sondern die jeweilige Realität und Lebenswirklichkeit widergespiegelt.

DW: Wie berichtet man für ein deutsches Zielpublikum über Probleme innerhalb der arabischen Community, ohne dabei zur Stigmatisierung der arabischen Welt und von Menschen mit arabischen Wurzeln beizutragen?

Damit beschäftige ich mich tagtäglich. Mir es ist wichtig, klar zu sagen, dass es eben nicht die arabischen Länder gibt und dass es nicht die Araber gibt, sondern ganz verschiedene Geschichten und Meinungen.

Wenn ich über Frauen berichte, die durch Tradition und Religion sich dem Mann unterordnen müssen, dann werde ich von konservativen Muslimen kritisiert.

Und wenn ich über Rassismus gegenüber arabischen Migranten berichte, dann bekomme ich Hassnachrichten von Rechtspopulisten.

Mir ist es wichtig, dass ich mich davon nicht beeinflussen lasse. Ich will den Journalismus machen, an den ich glaube - das heißt, fair zu berichten, faktisch zu sein, gut zu recherchieren und Menschen eine Stimme zu geben, die gerade keine Stimme haben. Und da muss ich damit rechnen, dass dann von allen Seiten Kritik kommt und auch Drohungen.

Wir dürfen nicht aufhören, kritisch über die arabische Community zu berichten, weil es eventuell die Rechtspopulisten ausnutzen könnten. Wir müssen kritisch gegenüber allen berichten.

Der DW-Journalist und Moderator Jaafar Adbul Karim erreicht mit seiner gesellschaftskritischen Talk-Show Shababtalk ein Millionenpublikum in der arabischen Welt. Er arbeitet zudem als Kolumnist für den "Spiegel" und die "Zeit". Am 21. August erscheint sein Buch "Fremde oder Freunde?".

Die Redaktion empfiehlt