Erster Kinofilm über Homosexualität: ″Anders als die Andern″ | Filme | DW | 28.06.2019
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Filmgeschichte

Erster Kinofilm über Homosexualität: "Anders als die Andern"

Vor 50 Jahren protestierten Homosexuelle auf der Christopher Street für ihre Rechte. Der erste Film zum Thema Homosexualität wurde bereits vor 100 Jahren gedreht - in Deutschland. Hier ein Blick in die Filmgeschichte.

Es sind gleich mehrere Ereignisse, die im Sommer 2019 an den Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung erinnern. Der "Christopher Street Day" (CSD), der Tag, an dem Homosexuelle aller Schattierungen auf die Straße gehen, um an jene legendären Schwulen-Proteste in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969 zu erinnern, ist längst zum weltweiten Phänomen geworden.

In ein paar Tagen, am 6. Juli, jährt sich zum 100. Mal die Eröffnung des "Instituts für Sexualwissenschaft" von Magnus Hirschfeld in Berlin. Der Arzt und Sexualreformer Hirschfeld war der erste, der die "Förderung wissenschaftlicher Forschung des gesamten Sexuallebens und Aufklärung auf diesem Gebiete" (Magnus Hirschfeld) auf eine institutionelle Grundlage stellte. Hirschfeld, selbst homosexuell, nutzte für die Verbreitung seiner Thesen auch gerne das Medium Film.

"Anders als die Anderen" brachte Thema "Homosexualität" ins Kino

Und ebenfalls vor 100 Jahren kam der erste Spielfilm in die Kinos, der sich sehr offen und direkt mit dem Thema "Homosexualität" beschäftigte: "Anders als die Anderen", ein Film des in Wien geborenen Regisseurs Richard Oswald.

Oswald galt als Spezialist in Sachen "Aufklärungsfilm", einer damals populären Spielart des frühen Kinos. So hatte der Regisseur bereits Filme über Themen wie Prostitution, Vergewaltigung und Abtreibung gedreht.

Filmszene aus Anders als die Andern von Richard Oswald mit Conradt Veidt und Magnus Hirschfeld (Edition Filmmuseum/film & kunst GmbH)

Conrad Veidt (l.) und Magnus Hirschfeld in "Anders als die Anderen"

Für "Anders als die Anderen" sicherte sich Oswald die Mitarbeit von Magnus Hirschfeld. Der Wissenschaftler trat im Film auch als Schauspieler auf. "Anders als die Anderen" erzählt die Geschichte eines Violinisten, der ein Verhältnis zu einem seiner Schüler hat und daraufhin von einem Stricher erpresst wird.

Es kommt zu einem Gerichtsverfahren, bei dem Magnus Hirschfeld als er selbst auftritt und ein flammendes Plädoyer für die Abschaffung des Paragraphen 175 hält (seit 1872 waren sexuelle Handlungen männlicher Partner unter Strafe gestellt). Der Film endet mit dem Selbstmord des von Conrad Veidt dargestellten Musikers, der nach dem Prozess, der ihm gesellschaftliche Ächtung bringt, keine Zukunft mehr für sich sieht.

Magnus Hirschfeld erkannte die Popularität des Mediums Film sehr früh

"Hirschfeld sah den Film als wichtiges Medium für die Wissenschaft an - die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kino - um damit ein größeres Publikum zu erreichen", erklärt die Publizistin Sabine Schwientek, die gerade eine umfassende Biografie über den Schauspieler Conrad Veidt vorgelegt hat und auf dessen Mitwirkung in "Anders als die Anderen" ausführlich eingeht.

Regisseur Richard Oswald 1918 (gemeinfrei)

Regisseur Richard Oswald

"Die Überlegung war anfangs, ob man einen Dokumentarfilm auf rein wissenschaftlicher Basis zum Thema macht oder ob man exemplarisch ein fiktives Schicksal darstellt, das auf realen Ereignissen basiert und das dann einem Publikum nahebringt", erzählt Schwientek im Gespräch mit der Deutschen Welle. Letztendlich habe man sich damals entschieden, eine Mischung aus beidem zu machen.

Der Film wurde nach seiner Premiere (28. Mai 1919) zu einem Erfolg beim Publikum - führte aber auch zu einem großen Skandal. Entstanden in einer Zeit, in der es in Deutschland keine Film-Zensur gab, rief Oswalds Werk entrüstete Reaktionen der konservativen und rechtsnationalen Presse hervor. Sehr schnell wurden Rufe nach Einführung einer Film-Zensur laut.

Die rechtskonservative Presse hetzte gegen Oswalds Film 

Die Monatszeitschrift "Kothurn" bezeichnete "Anders als die Anderen" damals als "öde(n), phantasielose(n) Kitsch, aufgeputzt mit ernsthaften wissenschaftlichen Forschungen, (…ein) Film als Mülleimer für alle Tagesabfälle."

Nicht weniger drastisch formulierte es ein Professor der Kunstgeschichte in "Das Kino in Gegenwart und Zukunft": "Ganz neuerdings sind es die perversen Erscheinungen des Sexuallebens, die sich als Inhalt von Aufklärungsfilmen besonderer Beliebtheit erfreuen." Noch perfider der Kommentar der "Deutsche(n) Zeitung": "Sollen wir Deutschen uns denn von den Juden verseuchen lassen?"

Eine Ballszene mit homosexuellen Männern in Anders als die Anderen (Edition Filmmuseum/film & kunst GmbH)

Eine Ballszene mit homosexuellen Männern in "Anders als die Anderen"

Offenbar hatte "Anders als die Anderen" mit seiner melodramatisch packenden Erzählweise, seiner Thematik und dem offenen Umgang mit Homosexualität eine "konservative Schmerzgrenze" (Schwientek) überschritten. "Die Reaktionen müssen extrem heftig gewesen sein", sagt Sabine Schwientek.

Heute könne man sich soetwas nicht mehr vorstellen, allerdings: "Wenn man sieht, wie lange es dann gedauert hat, bis der Paragraph 175 dann abgeschafft wurde (…), dann kann man sich das vielleicht doch annährend vorstellen, wie extrem die Reaktionen waren, als der Film 1919 veröffentlicht wurde, das war spektakulär."

Regisseur und Schauspieler sahen sich üblen Schmähungen ausgesetzt

Homosexualität sei damals ein absolutes Tabuthema gewesen, so Schwientek: "Es kam zu großen Tumulten während der Aufführung." Schon während der Dreharbeiten habe es harsche Kritik sowohl an Richard Oswald als auch an Conrad Veidt gegeben. Beide seien von verschiedenen Seiten bedroht worden: "Der Film hat große Wellen ausgelöst."

Film Anders als die Andern von Richard Oswald (Edition Filmmuseum/film & kunst GmbH)

Im Stumm-Film "Anders als die Anderen" wird viel diskutiert - die Zwischentitel treiben die Handlung voran

Die Kritik an "Anders als die Anderen" sei vor allem aus dem rechten Lager gekommen. "Die haben die Thematik des Films zum Anlass genommen, um ihre antisemitischen Parolen zu propagieren, denn sowohl Richard Oswald als auch Magnus Hirschfeld und der Darsteller des Liebhabers, Kurt Sivers, waren Juden." Es sei damals Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung gemacht worden.

Die rechten Kreise setzten sich schließlich durch. Im Mai 1920 wurde eine Filmzensur eingeführt. Das hatte zur Folge, dass auch Oswalds Film verboten wurde. Die Kopien wurden vernichtet. Erhalten blieben nur Fragmente. Erst viele Jahre später wurden diese restauriert und mit dokumentarischem Material ergänzt und als DVD veröffentlicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfilmte ausgerechnet Veit Harlan den Stoff

Es war dann ausgerechnet der als Propaganda-Regisseur der Nazis bekannte Veit Harlan ("Jud Süß") der sich nach dem Krieg an eine Neuverfilmung des Stoffes wagte und während der Vorbereitungen zum Film "Anders als du und ich (§175)" auch Kontakt zu Richard Oswald wegen der Rechte am Titel aufnahm.

Buchcover Conrad Veidt Dämon der Leinwand von Sabine Schwientek (Schüren)

Ein Kapitel der neuen Conrad-Veidt-Biografie behandelt den Film "Anders als die Anderen"

Richard Oswald starb 1963 in Düsseldorf. Sein Film "Anders als die Anderen" gilt als wichtigster Stummfilm zum Thema Homosexualität - und ist in seiner liberalen Grundeinstellung noch heute von verblüffender Aktualität. Knapp 100 Jahre später hat übrigens der in Hollywood arbeitende deutsche Regisseur Roland Emmerich die Ereignisse, die 1969 zum Christopher Street Day führten, verfilmt. Sein Werk "Stonewall" kam 2015 weltweit in die Kinos.

Das Buch "Dämon der Leinwand" von Sabine Schwientek über den Schauspieler Conrad Veidt, der die Hauptrolle in "Anders als die Anderen" spielt und später durch den Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" weltberühmt wurde und in Michael Curtiz Kultfilm "Casablanca" noch einen denkwürdigen Auftritt hatte, ist im Schüren Verlag erschienen, 296 Seiten. ISBN 978-3-7410-0330-1. Das Fragment des Oswald-Films liegt auf einer DVD der Edition Filmmuseum vor.

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