Erste Stadt in Deutschland erlaubt Elektro-Tretroller | Wirtschaft | DW | 10.12.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Öffentlicher Verkehr

Erste Stadt in Deutschland erlaubt Elektro-Tretroller

Die elektrischen Minifahrzeuge sind international beliebt, aber in Deutschland noch verboten. Das liegt daran, dass es keine entsprechenden Regeln gibt. Das soll sich nun ändern. Bamberg probiert die E-Tretroller aus.

Elektrotretroller (Stadtwerke Bamberg)

Bambergs Bürgermeister Andreas Starke (SPD) zeigt sich begeistert von den Elektro-Tretrollern

Ausgerechnet Bamberg will den Anfang machen mit den Elektro-Tretrollern in Deutschland. Da ist ein holpriger Start programmiert, denn die Weltkulturerbe-Altstadt mit ihrem historischen Kopfsteinpflaster ist eine Herausforderung für die einspurigen E-Kleinstfahrzeuge. An diesem Samstag werden sie den Bürgern öffentlich vorgestellt.

"Wir haben dafür von der Stadtverwaltung eine Sondergenehmigung erhalten", sagt Jan Giersberg, Sprecher der Stadtwerke Bamberg. Zunächst ist für ein paar Stunden ein Platz im Zentrum gesperrt, auf dem die Neugierigen die Fahrzeuge ausprobieren können. Die sind auf 20 Stundenkilometer ausgelegt. Danach sollen weitere Sondergenehmigungen eingeholt werden, damit der Testbetrieb auf den Rest der Stadt ausgedehnt werden kann.

Mehr dazu: Berlin - das Testgebiet für E-Roller

Giersberg hofft, dass mit den Elektro-Vehikeln schließlich "die letzten Lücken im öffentlichen Nahverkehr geschlossen werden, wie etwa die Strecken zwischen der Bushaltestelle und dem Zielort". Für die Stadt könnte das eine Verkehrsentlastung bedeuten - die Firma, die die Geräte verleiht, rechnet über eine App bei den Benutzern ab: einen Euro Grundgebühr und 15 Cent für jede Minute. Abends werden die E-Tretroller vom Betreiber eingesammelt und aufgeladen. Am nächsten Morgen stehen sie dann wieder bereit. Ein bisschen wird es aber noch dauern, bis es für alle so weit ist.

Mikro-Mobilität mit Hindernissen

Denn holprig sind auch die nationalen Rahmenbedingungen, um die Elektro-Flitzer auf die öffentlichen Straßen in Deutschland zu bringen. Ohne Sondergenehmigungen in den Kommunen läuft nichts. Es fehlt einfach an einer behördlichen Regelung für die kleinen elektrischen Fortbewegungsmittel. In Anbetracht des bemerkenswerten internationalen Hypes um die kleinen E-Flitzer wirkt das verschlafen.

Bird, das Startup aus Kalifornien, das auch für die Geräte und die Logistik in Bamberg sorgt, gibt es erst seit 2017 - es soll aber schon über eine Milliarde Wert sein. Die Daimler-Tochter MyTaxi hat in diesen Tagen einen großen Einsatz von Elektro-Tretrollern in Lissabon gestartet.

Vorstellung der Bird E-Scooter in Bamberg (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Die Stadt Bamberg will die kleinen E-Flitzer im ganzen Stadtgebiet erlauben

Streit um die gesetzlichen Regelungen für die Mini-E-Mobilität

"Wir warten auf die Ergänzung der Straßenverkehrsordnung, damit wir richtig loslegen können", sagt Giersberg. Im Frühjahr 2019 soll es soweit sein, sagt das Verkehrsministerium in Berlin. Ein Verordnungsentwurf der Bundesregierung ist seit kurzem im Umlauf. Darin steht, dass die Benutzer der Gefährte einen Führerschein brauchen, mindestens 15 Jahre alt sein müssen und das Elektro-Fahrzeug versichert sein muss. Der Geschwindigkeitsbereich der Elektrokleinstfahrzeuge - so der bürokratische Name für die kleinen Mobilitätshelfer - wird auf mindestens 12 und höchstens 20 Km/h begrenzt. Dadurch sollen Konflikte mit Radfahrern vermieden werden, mit denen sich die Mini-Kraftfahrzeuge die Wege teilen sollen.

Mehr dazu: Taiwans smarte E-Scooter in Berlin

Das Bundesverkehrsministerium, das den Entwurf vorbereitet hat, will auch, dass die Gefährte eine Lenkstange, zwei Bremsen, Blinker und Vorder- sowie Rücklichter haben. Das bedeutet: Nur Tretroller dürfen auf die Straße. Weitere Innovationen wie E-Skateboards und Einräder dürfen weiterhin nicht benutzt werden. 

Video ansehen 01:44
Jetzt live
01:44 Min.

E-Scooter für Los Angeles

Matthias Gastel, Vekehrsexperte der Bundestagsfraktion der Grünen, hat lange darauf gewartet, dass die Bundesregierung den Einsatz von Elektrokleinstfahrzeugen regelt. Jetzt ist er enttäuscht.

"Der Entwurf zeigt, dass das Verkehrsministerium äußerst ängstlich zur Sache gegangen ist", sagt er.

Er stört sich daran, dass die Regelungen nicht europäisch abgestimmt seien - wenn jemand beispielsweise mit seinem E-Scooter im Gepäck mit dem TGV aus Paris nach Karlsruhe fahre, dann dürfe er ihn in Deutschland höchstwahrscheinlich nicht benutzen. Dass jemand im Straßenverkehr die Verkehrsregeln kennen müsse, sei nachvollziehbar, "aber dass man für den Elektrotretroller einen Mofa-Führerschein braucht, nicht". Außerdem findet Gastel die geforderte Ausstattung der Roller übertrieben. Ihm sei unklar, wie zum Beispiel die Blinker sinnvoll an einem Tretroller angebracht werden könnten. 

Gastels Kritik werden von vielen Fachpolitikern, aber auch von Verkehrsverbänden und E-Mobility-Anbietern geteilt. Und sie scheint anzukommen: Das Verkehrsministerium hat angedeutet, dass es noch einmal über den Verordnungsentwurf geht. Auch an einer Verordnung für Lenkstangen-freie Geräte werde inzwischen gefeilt.

Mit 20 Sachen durch die Fußgängerzone?

Für Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), geht die geplante Verordnung in die richtige Richtung. "Ich finde es angemessen, dass die Geräte als Kraftfahrzeuge behandelt werden und nicht gleich jede Form elektrischer Fortbewegungsmittel erlaubt wird." Brockmann tendiert zur Vorsicht bei der neuen Technik. Untersuchungen und Studien, aus denen sich ablesen lässt, welches Gefährdungspotential die E-Tretroller für Fahrzeugführer und Passanten haben, gebe es noch nicht, stellt der Unfallforscher fest. "Aber 20 Stundenkilometer, stehend auf einem einspurigen Fahrzeug - das ist ganz schön schnell."

Elektrotretroller (UDV))

Unfallforscher Brockmann findet es richtig, dass nicht gleich jedes elektronische Fortbewegungsmittel erlaubt wird

Die Bamberger sehen der Premiere der deutschen Elektro-Tretroller-Premiere im Alltagsverkehr durchaus aufgeschlossen entgegen. "Ich finde die Idee sehr gut, da könnte ich die zwei Kilometer von meinem Büro bis zum Rathaus fahren, wenn es etwas zu erledigen gibt", meint ein Sozialarbeiter, der sein Büro nahe der Fußgängerzone hat. Es gibt aber auch Skepsis.

Eine Dozentin der Bamberger Uni winkt ab: "Die Strecken kann man doch auch laufen und ich glaube nicht, dass in das Gewusel mit den vielen Touristen auch noch die ganzen kleinen E-Fahrzeuge reinpassen. Das könnte gefährlich werden!" Aus den USA kommen Berichte über Unfälle und Prozesse nach Vorfällen mit den elektrischen Rollern. Stadtwerke-Sprecher Giersberg beschwichtigt. Man wolle die neue Technik ganz behutsam einführen und testen, betont er. "Wir wollen sicher gehen, dass die E-Scooter hier wirklich reinpassen."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema