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Erste russische Zahlungsausfälle

11. April 2022

Erstmals seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine konnten russische Unternehmen ihre Schulden bei internationalen Gläubigern nicht bedienen. Gleichzeitig kündigt Moskau an, vorerst keine Anleihen mehr zu begeben.

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Russland Novosibirsk | 100 Jubiläum der Transsibirischen Eisenbahn
Züge der russischen Eisenbahn im sibirischen NowosibirskBild: picture-alliance/dpa/Sputnik/A. Kryazhev

Bei einer von der Russischen Eisenbahn ausgegebenen Anleihe sei ein Zahlungsversäumnis ("failure to pay") festgestellt worden. Das teilte der für Europa zuständige Ausschuss der International Swaps and Derivatives Association (ISDA), dem einige der weltgrößten Investmentbanken angehören, am Montag mit.

Es handelt sich demnach um eine Zinszahlung für ein Darlehen in Höhe von 250 Millionen Schweizer Franken mit Fälligkeit 2026. Bank of America, Goldman Sachs und JPMorgan Chase sind einige der Ausschussmitglieder, die einen Zahlungsausfall sehen.

Die westlichen Sanktionen gegen Russland nach der Invasion in der Ukraine am 24. Februar haben die dortige Wirtschaft unter Druck gesetzt. Seither wird gerätselt, ob Unternehmen und Staat ihren Zahlungsverpflichtungen noch nachkommen können und ob den westlichen Kreditgebern hohe Abschreibungen drohen.

Technische Probleme wegen der Sanktionen?

Die Eisenbahn erklärte, sie habe versucht, die am 14. März fällig gewordenen Zinszahlungen zu leisten. Sie sei aber aufgrund "rechtlicher und regulatorischer Verpflichtungen innerhalb des Korrespondenzbankennetzes" dazu nicht in der Lage gewesen, heißt es in einer Mitteilung, die von der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange veröffentlicht wurde.

Der Kreml erklärte, Russland habe die notwendigen Mittel, um seine Schulden zu bezahlen. "Es kann nur eine technische, von Menschen verursachte Zahlungsunfähigkeit geben", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zu Reportern. "Es gibt keine objektiven Gründe für einen solchen Ausfall. Russland hat alles, was es braucht, um alle seine Verpflichtungen zu erfüllen."

Auch Minenbetreiber Alrosa kann nicht zahlen

Ahnlich lautet die russische Begründung für eine ausgebliebene Zinszahlung der russischen Unternehmensgruppe Alrosa, einem der größten Diamantenproduzenten der Welt. Das Unternehmen konnte eine Zahlung in Höhe von 11,6 Millionen Dollar (10,6 Millionen Euro) nicht begleichen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die russische Agentur Interfax am Montag. Grund für den Zahlungsausfall seien die gegen das Unternehmen verhängten Sanktionen. Der russische Staat hält rund 33 Prozent der Anteile an Alrosa.

Großbritannien hatte Alrosa bereits am 24. März sanktioniert, vergangene Woche folgte das US-Finanzministerium. Die Auswirkungen dieser Sanktionen machten die Tilgung der Schulden "technisch unmöglich", obwohl die finanziellen Mittel zur Verfügung stünden, erklärte Alrosa gegenüber Interfax. Ob die Unternehmensgruppe die Zinszahlung für einen 2024 fälligen Kredit in Rubel leistet oder keinerlei Rückzahlung stattfindet, blieb zunächst unklar.

Steigender Druck

Die USA erhöhten zuletzt den wirtschaftlichen Druck auf Russland wegen der Invasion in der Ukraine. Das Finanzministerium hinderte die russische Regierung vergangene Woche daran, fällige Zahlungen von mehr als 600 Millionen Dollar an ihre Gläubiger aus den bei US-Banken gehaltenen Devisenreserven zu leisten.

Die von der russischen Zentralbank gehaltenen Reserven waren nach Kriegsbeginn eingefroren worden, doch durfte Moskau bislang für Zahlungen auf in Dollar lautende Staatsanleihen noch darauf zurückgreifen.

Mit der Blockade soll der Kreml zu einer Entscheidung gezwungen werden: Die Dollar, auf die er im Inland zugreifen kann, entweder für Zahlungen an seine Gläubiger zu nutzen oder für andere Zwecke wie die Finanzierung des Krieges einzusetzen.

Keine neuen russischen Anleihen

Russland gab angesichts der Sanktionen bekannt, vorerst keine Staatsanleihen mehr zu begeben. In einem in der Nacht zum Montag veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung Iswestija kündigte der russische Wirtschaftsminister Anton Siluanow an, dass im weiteren Verlauf des Jahres keine Anleihen platziert werden.

Nach Einschätzung des Ministers reichen die Einnahmen unter anderem aus dem Verkauf von Öl und Gas aus, um die laufenden Ausgaben des Staates zu decken. Der Minister verwies auf die hohen Kosten, die derzeit mit einer weiteren Schuldenaufnahme für den russischen Staat verbunden wären. Die "wären astronomisch", daher mache eine solche Maßnahme keinen Sinn. Damit bezog sich Siluanow vermutlich auf die hohen Zinsen, die der russische Staat derzeit bieten müsste. Darüber hinaus ist Russland aufgrund westlicher Sanktionen von einem großen Teil der Finanzwelt ausgeschlossen, was den Käuferkreis stark einschränkt.

Am Wochenende hat die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) die Kreditwürdigkeit Russlands abermals abgestuft und die Bewertung auf "Selective Default" gesenkt. Damit wird ein teilweiser Zahlungsausfall gekennzeichnet. Zuvor hatte Russland, dessen Devisenreserven wegen der westlichen Sanktionen weitgehend blockiert sind, die Rückzahlung von zwei Anleihen in Rubel und nicht wie vorgesehen in Dollar beglichen.

Mit der Abstufung hat S&P darüber hinaus die Bewertung der russischen Kreditwürdigkeit eingestellt. Zuvor hatten bereits die beiden anderen führenden Ratingagenturen Moody's und Fitch die Bewertungen des Landes eingestellt. Hintergrund sind Sanktionen der Europäische Union, die es den Agenturen verbieten, die Kreditwürdigkeit Russlands künftig zu bewerten.

bea/hb (rtr, dpa, afp)