Erntedank | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 01.10.2013
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Alltagsdeutsch – Podcast

Erntedank

In Deutschland wird es – wie in vielen Regionen – gefeiert: das Erntedankfest. Es hat eine jahrtausendealte Tradition. Von den Nationalsozialisten wurde es als Propagandaveranstaltung missbraucht.

Sprecher:
Es ist Herbst. Die Felder und Äcker sind leer. Die Ernte ist abgeschlossen. In den Kirchen schmücken die verschiedensten Früchte die Altäre, manchmal sind Brote, Honig und Wein dabei. Kinder staunen über die bunte Vielfalt und viele Erwachsene freuen sich, etwas aus dem eigenen Garten mitgebracht zu haben. Es ist die Zeit des Erntedanks. Das Erntedankfest gilt als eines der ältesten Feste. Es ist – wie der Name schon sagt – ein Dank für die zum Leben notwendige Nahrung, die die Erde hervorgebracht hat, und für die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern. Außerdem wird jedes Jahr daran erinnert, dass für eine gute Ernte aber noch mehr notwendig ist als menschliche Arbeit: nach weltlicher Deutung gutes Wetter, nach religiöser Auffassung eine göttliche Kraft, die für eine reiche Ernte gesorgt hat. Wann und wo das erste Erntedankfest stattgefunden hat, ist nicht genau überliefert. Der deutsche Volkskundler Alois Döring hat sich umfassend mit dem Thema beschäftigt und hat festgestellt:

Alois Döring:
„Es gibt seit Jahrtausenden weltliche und religiöse Feiern zum Thema ‚Erntedank’. Das heißt, Traditionen reichen zurück etwa in die heidnische Antike, in römische oder griechische Antike. Oder dann eben in die jüdischenTraditionen. Seit dem Mittelalter gibt es dann auch christliche Traditionen und Überlieferungen zur Feier von Erntedank und eines Erntefestes.“

Sprecher:
Der Brauch, für eine gute Ernte zu danken, ist etwa 5000 Jahre alt. Alois Döring erklärt, dass es die Tradition des Erntedanks auch in der Antike gab, der Epoche der Römer und Griechen. Da diese Völker mehrere Gottheiten verehrten, galten sie – nach christlicher Auffassung – als Heiden, als Ungläubige. Und mancher jüdische Brauch ähnelt christlichen Traditionen. So werden im Judentum beim sogenannten „Laubhüttenfest“ Sträuße geflochten, die heutigen Erntekronen ähneln. Dabei wird das letzte geerntete Getreide zu einer Krone zusammengebunden. Christlich-religiöse Erntedankfeste sind seit dem 3. Jahrhundert belegt. Im Mittelalter, das etwa um 500 nach Christus begann, haben sie sich weiterentwickelt. Auch weltliche Erntedankfeste sind nachgewiesen. In ländlichen Gegenden war es etwa üblich, dass der Gutsbesitzer seine Erntehelfer zum Essen einlud, wenn das letzte Getreide in die Scheunen gebracht, eingefahren, wurde. Jahrhundertelang wurde unter einer sehr großen Erntekrone gefeiert, gesungen und getanzt. Einen einheitlichen Termin für das Fest gab es zunächst nicht. So volkstümlich harmlos blieb das Fest nicht, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Sie gaben ihm einen deutsch-nationalistischen Anstrich, wie Volkskundler Alois Döring erklärt:

Alois Döring:
„Ja, in der Nazi-Zeit wurde natürlich dann das Erntedankfest ganz im Sinne der NS-Blut- und Boden-Ideologie zum Fest des deutschen Bauern, der deutschen Volksgemeinschaft umfunktioniert. Es wurde ein großes zentrales Erntedankfest eingeführt auf dem Bückeberg bei Hameln. Und in den Jahren darauf, wo dann aus dem ganzen Reich die Bauernschaften zusammengezogen wurden, um entweder, wenn Hitler selbst sprach oder dann JosefGoebbels oder andere NS-Größen, ihnen zuzujubeln.“

Sprecher:
Die sogenannte Blut- und Boden-Ideologie war ein wichtiger Bestandteil des nationalsozialistischen Gedankengutes. Das Blut stand dabei für die angeblich reine deutsche Rasse, der Boden für die Landwirtschaft. Nur wer „reines Blut“ hatte, durfte Bauer sein. Nach nationalsozialistischer Ideologie sollte die „arische Rasse“ durch den Kampf mit dem harten Boden gestärkt werden. Ganz im Sinne dieser Ideologie gab es eine zentrale Feier, zu der aus dem gesamten „Deutschen Reich“ alle Bauern kamen. Sie wurden – wie eine Armee – an einer Stelle zusammengezogen. Der Ort dieser Massenveranstaltung war eine Anhöhe nahe der niedersächsischen Stadt Hameln: der Bückeberg. Gewählt wurde dieser offenbar wegen seiner Lage an der Weser, einem Fluss, dessen Quelle und Mündung in Deutschland liegen. Außerdem galt Niedersachsen als reine Agrarregion. Als Termin für das Reichserntedankfest legten die Nationalsozialisten den ersten Sonntag nach dem sogenannten Michaelistag am 29. September fest. Das Reichserntedankfest war eine der größten Massenveranstaltungen in der Nazi-Zeit. Mehr als eine Million Menschen nahmen daran teil, unter anderem um dem „Führer“ Adolf Hitler sowie seinem Reichspropagandaminister Josef Goebbels ihre Verehrung auszudrücken, ihnen zuzujubeln. Natürlich erfuhren alle über den Rundfunk von dem Ereignis:

O-Ton:
„Hier sind sie heute wieder zusammengeströmt, die Bauern und die Arbeiter, die aus den Dörfern und die aus den Städten. Die braungebrannten, kernigen Bauernburschen und die Mädchen in ihren alten Trachten …“

Sprecher:
Ideologische Begriffe wie kernig und braungebrannt drücken aus, dass die jungen Bauern, die Burschen, kräftig und gesund sind. Und die Mädchen wahren traditionelle Werte, denn sie tragen Kleidung, die für die Region typisch ist, eine Tracht. Das Erntedankfest hat trotz dieser ideologischen Deutung durch die Nationalsozialisten bis heute seine eigentliche Bedeutung beibehalten. In der evangelischen Kirche in Deutschland wird Erntedank seit 1773 auch am Sonntag nach dem Michaelistag gefeiert. Die katholische deutsche Bischofskonferenz legte erst 1972 den ersten Sonntag im Oktober als Termin fest. Allerdings besteht in beiden Fällen die Möglichkeit, ein Datum frei zu wählen. Viele Erntedankfeste sind inzwischen auch mit einer bestimmten wohltätigen Intention, Absicht, verbunden, wie Alois Döring sagt:

Alois Döring:
„Die Intention ist heute also sehr stark auch ausgerichtet – gerade der kirchlichen Erntedankfeiern – in Richtung auf Ökologie, Umwelt, aber auch auf soziale Fragen: Also nicht nur in Gedanken bei den Hungernden zu sein, sondern auch Hilfe zu leisten, dass man etwa Basare macht, wo dann die Erlöse etwa Projekten in der Dritten Welt zu Gute kommen.“

Sprecher:
Laut Alois Döring wird inzwischen nicht mehr nur eine gute Ernte gefeiert, sondern es wird auch daran gedacht, dass Menschen etwa in der sogenannten Dritten Welt Hunger leiden müssen. Man ist allerdings nicht nur in Gedanken bei den Hungernden, man denkt nicht nur an sie, sondern will aktiv helfen. So werden Erntegaben wie beispielsweise Blumen, Obst, Gemüse auf einem Basar verkauft. Der Gewinn, der Erlös, wird dann für bestimmte Projekte gespendet. Aus dem Fest des Dankes ist – zumindest im religiösen Bereich – auch ein Fest der sozialen Verantwortung geworden.




Fragen zum Text

Es ist eine Tradition des Erntedanks, …
1. immer am 29. September zu feiern.
2. mit Tänzen um Regen zu bitten.
3. aus dem Getreide, das zuletzt geerntet wurde, eine Krone zu binden.

Was stimmt nicht? Die Nationalsozialisten …
1. erlaubten „nicht reinrassigen“ Bauern, die Felder zu bestellen.
2. machten aus dem Erntedankfest eine Massenveranstaltung.
3. vereinnahmten das Erntedankfest für ihre ideologischen Zwecke.

Kirchliche Erntedankfeiern …
1. werden veranstaltet, um Geld für den Erhalt von Kirchengebäuden zu sammeln.
2. sind ausschließlich dafür da, Gott für eine gute Ernte zu danken.
3. haben heutzutage auch einen sozialen Aspekt.


Arbeitsauftrag
Was verbindet ihr mit dem Erntedankfest? Wie wird es in eurem Land gefeiert? Welche Bräuche gibt es? Vergleicht diese mit Bräuchen in Deutschland.

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