Ernst Ludwig Kirchner berauschte sich am Fremden - ohne je zu reisen | Kunst | DW | 18.11.2018
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Ausstellung

Ernst Ludwig Kirchner berauschte sich am Fremden - ohne je zu reisen

Der Mann reiste nicht, er träumte sich die Welt herbei: Ernst Ludwig Kirchners Bilder, Skulpturen und Graphiken feiern das Exotische fremder Kulturen, wie eine große Schau jetzt in Bonn zeigt. Titel: "Erträumte Reisen".

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle versammelt rund 220 Werke Kirchners (1880-1938), Gemälde und Grafiken ebenso wie Skulpturen und Fotografien. Kirchner gründete 1905 die Dresdner Künstlergruppe "Brücke" mit. Die Nazis verfemten seine Kunst später als "entartet". Heute gilt Kirchner als einer der wichtigsten deutschen Expressionisten.

Das Gros der in Bonn gezeigten Werke entstammt dem Kirchner Museum im schweizerischen Davos. Dort hat Kirchner 20 Jahre seines Lebens verbracht. Hier entstand sein lange verschmähtes Spätwerk, eingebettet in eine grandiose schweizerische Bergwelt. Hier beendete der Künstler 1938 sein Leben mit einem Kopfschuss.

Farbfreude

Die Schau zeichnet Kirchners Schaffen anhand wichtiger Lebensstationen nach. So wird sichtbar, was ihn beschäftigte - die Frauen (in Dresden), die Stadt (in Berlin) und die Natur (in Davos). Allenfalls die Berliner Phase mit ihren berühmten Stadtansichten kommt etwas kurz.

Kirchners Gemälde sind schön anzusehen, denn sie strotzen vor Farbfreude. Doch damit nicht genug. Schon das wandfüllende Triptychon der "Badenden" am Eingang belegt Kirchners künstlerische Absicht: Der Reigen nackter Frauen spiegelt seine Suche nach dem Natürlichen und Spontanen.

Das Fremde als ästhetischer Anlass

Das Bild Alpleben zeigt einen Blick in die Schweizer Berge (Kirchner Museum Davos )

Kirchners Spätwerk huldigt der Schweizer Bergwelt

Doch auch das Exotische zieht sich wie ein roter Faden durch Kirchners Werk: Mal sind das dunkelhäutige Menschen, mal ein afrikanischer Hocker, dann wieder eine Zeichnung nach einem Bronzerelief aus Benin. "Kirchner reiste nicht ", erklärt Kurator Thomas Sadowsky, "er war ein theoretisch Reisender." Zwar habe das Reisen damals zum Selbstbild des modernen Künstlers gehört. Doch Kirchner schlenderte lieber durch Völkerkundemuseen und besuchte Völkerschauen. So begegnete er dem Fremden und nahm dies, wie Sadowsky sagt, zum "ästhetischen Anlass". Weiter als bis in die Schweiz oder Fehmarn indes kam er nicht.

Mit Gemälden, Skizzenbüchern und Skulpturen huldigt die Bonner Ausstellung schließlich auch dem farbtriefenden Spätwerk Kirchners. Es ergötzt sich an den Naturschönheiten der Bergwelt wie auch der alpinen Schweizer Volkskultur. Der Künstler schlägt in dieser Phase neue Wege ein, versucht sich in flächiger Malerei, die Anleihen bei Künstlerkollegen wie Picasso nimmt. Und er schreibt, wie erst viel später bekannt wurde, unter dem Pseudonym eines erdachten Kritikers, wohlwollende Kritiken über seine Kunst. "Wir möchten hier den anderen Kirchner zeigen", sagt die Ko-Kuratorin Katharina Beisiegel vom Art Centre Basel. Einen spannenden Blick auf den Expressionisten erlaubt die Bonner Schau allemal.

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