Ernst Lothar: ″Der Engel mit der Posaune″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Ernst Lothar: "Der Engel mit der Posaune"

Liebesgeschichte, Kriegsdrama, Familientragödie in einem. Wer Österreichs wechselhafte Historie verstehen will, muss Ernst Lothars Generationenroman lesen. Er spiegelt die politischen Umbrüche von 50 Jahren.

Stolz thront er über der Straße, schmückt die Fassade des Stadtpalais' der Klavierfabrikantenfamilie Alt – der namensgebende Engel. Einerseits ist er Verkünder des Vergangenen und andererseits ein Vorbote des Kommenden. Ein Sinnbild Österreichs – prachtvoll, imposant und geprägt von Widersprüchen. 

"Er blies eine Posaune, und diese Posaune war ein merkwürdiges Instrument. Mit einem dünnen langen Rohr, das der Steinmetz um so viel zu lang gemacht hatte wie den nackten Arm, der sie hielt, zu kurz, richtete sie sich speergleich empor, und der schmale Teller an ihrem Rand trug auch nicht viel dazu bei, sie als Trompete erkennen zu lassen; sie sah eher wie eine Waffe aus. Der Engel allerdings, an dem man einen Flügel, den rechten, und den dicksten Körper sah, der je auf rundgeballten Steinwolken geschwebt haben mochte, erwies sich als ein richtiger österreichischer Barockengel. Er blies aus beiden Backen."

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"Der Engel mit der Posaune" von Ernst Lothar

Kleine und große Dramen

Wie in ein Puppenhaus blickt Ernst Lothar in dieses Stadtpalais hinein – erzählt Etage für Etage die Geschichte seiner Bewohner. Er erzählt die kleinen und großen Dramen, die sich hier über mehrere Generationen abspielen – im Leben der Menschen wie auch im Land, in dem sie verwurzelt sind. Der Roman spiegelt die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen Österreichs von 1888 bis 1938. 

Porträt Ernst Lothar (picture-alliance/IMAGNO/B. Pflaum)

Der Österreicher wurde einst für seine beißenden Theaterkritiken und detailgenauen Romane gefeiert. Heute ist er fast vergessen.

Da ist die Liebesgeschichte zwischen der jungen Henriette von Stein und dem Kronprinzen Rudolf. Die junge Frau ist zu stolz, um ein Leben als adlige Mätresse zu führen. Stattdessen nimmt sie den reichen aber ungeliebten Franz Alt zum Mann. Just am Tag ihrer Hochzeit bringt sich der Kronprinz vor lauter Verzweiflung um. Ein Leben lang wird Henriette dieser großen Liebe nachtrauern. 

Ernst Lothar porträtiert nachdenkliche Söhne, die als Firmenerben eine glatte Fehlbesetzung sind, und hochmoralische Beamte, die penibel jede Regel des Kaiserreichs einhalten und denen das Monokel vor Entrüstung herunterfällt, wenn sie an das Ende der k. u. k.-Monarchie denken. Ängstliche Bewahrer des verblassenden Austria-Glanzes, ungestüme Draufgänger, die beim "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland Hitler zujubelten. All diese Typen und Charaktere bevölkerten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Straßen Wiens.  

Adolf Hitler Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938 in Österreich (picture-alliance/dpa)

1938 jubelten tausende Österreicher Hitler zu, als er in Wien einmarschierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängte das Land die einstige Begeisterung für den Nationalsozialismus.

Die Seele Österreichs

Mit reichlich Lust am historischen Kolorit und Kitsch schrieb Ernst Lothar sein Buch tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt im amerikanischen Exil. Der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts war 1938, als die Nazis in Wien einmarschierten, mit seiner Familie geflohen. In Amerika musste er wie viele Emigranten die bittere Erfahrung machen, dass die Erfolge aus der Heimat nichts wert waren. Genau diesen Frust schrieb er sich von der Seele – und hatte Erfolg! 

Fünf Romane voller Heimweh entstanden in den Exiljahren. Sie wurden allesamt erst in englischer Übersetzung veröffentlicht und erzielten erstaunlich hohe Auflagen. Sein größter Erfolg wurde sein letztes Buch, das er fern der Heimat schrieb und in den USA schon 1944 publizierte: "Der Engel mit der Posaune". Mag es daran liegen, dass Ernst Lothar wie kaum ein anderer die Widersprüche seines Landes zu Papier bringen konnte? Erst durch diesen heute fast vergessenen Autor lernten die Amerikaner die gespaltene Seele Österreichs kennen. 


Ernst Lothar: "Der Engel mit der Posaune". Der Roman erschien zuerst 1944 in New York auf Englisch, 1946 auf Deutsch im Schoenhof Verlag, Cambridge, M. A., und 1963 im Paul Zsolnay Verlag. 

Der 1890 in Brünn geborene österreichische Schriftsteller und Regisseur Ernst Lothar musste nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 an das nationalsozialistische Deutschland aus seiner Heimat fliehen. Er erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft und kehrte 1946 zunächst als Theater- und Musikbeauftragter des US Departements of State nach Österreich zurück. Doch seine einst geliebte Heimat war dem jüdischen Autor fremd geworden. Die Erfahrung des weiter bestehenden Antisemitismus findet in seinem Roman "Die Rückkehr" und in seiner Autobiographie "Das Wunder des Überlebens" ihren Niederschlag. Lothar stirbt kurz nach seinem 84. Geburtstag in Wien.

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