Erneuerbare Energien: China übernimmt Europas Vorreiterrolle | Wissen & Umwelt | DW | 26.01.2018
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Wissen & Umwelt

Erneuerbare Energien: China übernimmt Europas Vorreiterrolle

Deutschland und die EU waren lange Vorreiter bei den erneuerbaren Energien, doch inzwischen ist China ganz weit vorne. Die EU wünscht sich wieder eine Führungsrolle. Was wäre zu tun?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt weltweit voran. Vor allem Wind- und Sonnenkraft erleben einen anhaltenden Boom und sind gegenüber fossilen Energien inzwischen konkurrenzfähig. Nach Angaben der internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) werden die Kosten hier auch noch weiter sinken, bei der Photovoltaik in den nächsten drei Jahren im globalen Durchschnitt sogar noch um rund 50 Prozent.

"Diese neue Dynamik signalisiert eine signifikante Veränderung des Energiesystems", sagte Adnan Amin, Generaldirektor von IRENA bei der Vorstellung des aktuellen Berichts zur Kostendynamik in Abu Dhabi. "Die Entscheidung für erneuerbare Energien bei der Stromerzeugung ist nicht nur umweltbewusst, sondern es ist eine überwiegend kluge wirtschaftliche Entscheidung. Regierungen auf der ganzen Welt erkennen dieses Potenzial und treiben die CO2-armen Energiesysteme voran."

China übernimmt Führung bei den Erneuerbaren von Europa 

Mit großen Schritten geht vor allem China bei den Zukunftstechnologien voran und baut wie kein anderes Land auf der Welt die Wind- und Solarkraft aus. "China übernimmt diese Führungsrolle, da es die enormen Marktchancen erkennt und die wirtschaftlichen Vorteile", sagt die Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die zugleich die Bundesregierung im Sachverständigenrat berät.

Nach Angaben von Bloomberg New Energy Finance hatte China im letzten Jahr 133 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert, so viel Geld wie nie zuvor. Mehr als die Hälfte davon investierte China in die Solarkraft. Laut Chinas Energieagentur (NEA) wurden so 2017 Photovoltaik-Kraftwerke mit einer Leistung von 53 Gigawatt in China neu aufgestellt, mehr als die Hälfte der weltweit installierten Kapazität. Deutschland, einst Vorreiter bei der Photovoltaik, hatte 2017 nach Schätzungen knapp zwei Gigawatt neu installiert.

China hat mit seiner Wachstumspolitik Deutschland und Europa als Vorreiter bei den Erneuerbaren inzwischen klar abgelöst. Europas Investitionen gingen zudem seit 2011 kontinuierlich zurück und so haben sich laut Bloomberg New Energy Finance zwischen 2011 und 2017 die Investitionen sogar mehr als halbiert, auf zuletzt 57 Milliarden Dollar. 

"Die EU hatte bis etwa 2011 eine klare Führungsrolle. Durch eigenes aktives Verschulden der Politik wurde sie abgegeben", sagt Energy Watch Group Präsident Hans-Josef Fell. "Es wurde eine Politik zum Schutz der Atomkraft, der Kohle-, Erdöl- und Erdgaswirtschaft gemacht, gegen die erneuerbaren Energien."

Kann Europa wieder aufholen?

"Ich möchte, dass Europa im Kampf gegen den Klimawandel führend ist", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker vor dem EU-Parlament im letzten Jahr und stellt sich klar hinter das Klimaabkommen von Paris. EU-Parlament, EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten diskutieren derzeit intensiv über notwendige Maßnahmen im Rahmen eines umfangreiches Gesetzespaketes unter dem Titel "Clean Energy for All Europeans." 

Der Vorschlag der EU-Kommission sieht unter anderem vor, dass der Anteil von Erneuerbaren am gesamten Energieverbrauch bis 2030 auf 27 Prozent gesteigert werden soll. 2016 lag er nach aktuellen Angaben von Eurostat bei 17 Prozent. 

Letze Woche stimmte das EU-Parlament für die Anhebung des Anteils von Erneuerbaren am Energieverbrauch auf mindestens 35 Prozent.

Entscheidend für die Zukunft der Erneuerbaren in Europa ist nach Einschätzung von Experten vor allem das Bestehen eines dynamischen Heimatmarktes. "Die Technologieführerschaft hat Europa und vor allem Deutschland in der Photovoltaik verloren", sagt Matthias Buck, EU-Energieexperte bei der Denkfabrik Agora Energiewende. Bei der Windkraft sei dagegen Europas Industrie derzeit vorne und bei Offshorewind einige Unternehmen auch Weltmarktführer. 

Das Grundproblem der Branche sei , dass die Märkte in Europa stagnieren oder zurückgehen, sagt Stefan Gsänger, Generalsekretär des Weltwindverbandes (WWEA). "Wir haben in Europa jetzt die niedrigsten Investitionen seit über einem Jahrzehnt. Unter solchen Rahmenbedingungen können natürlich die Unternehmen weder in Masse investieren noch in technologische Innovationen. Als Konsequenz findet dann die Innovation woanders statt." Wenn Europa "ernsthaft um die Führerschaft streiten wollte, dann müsste die EU ein Mindestziel von 50 Prozent erneuerbare Energien am gesamten Energieverbrauch bis 2030 anstreben", gibt Gsänger zu bedenken.

Nordex Windenergie (Nordex)

Derzeit gibt es viele Jobs in der europäischen Windbranche. Bricht der Heimatmarkt weg, dann drohen Entlassungen

Europa könnte nach Einschätzung der Experten die Technologieführerschaft beim globalen Umbau der Energiesysteme zurückgewinnen. "Dafür wäre es aber notwendig, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass die erneuerbaren Energien in ihrem Wachstum nicht behindert werden. Die Branche könnte boomen wenn man sie nicht ausbremst", sagt Kemfert. 

Ein sehr dynamischer Zubau von Erneuerbaren in Europa wie in früheren Jahren würde nach Einschätzung von Experten allerdings nur durch das Abschalten von alten Technologien möglich: "Solange man noch fossile Energien und Atomkraftwerke unterstützt, solange gibt es nicht genügend Märkte und Aufträge für die neuen Energien", beschreibt Fell das europäische Problem.

Ohne Korrekturen wird China dominieren 

Beim Zubau von erneuerbaren Energien hat es China im Vergleich zu Europa einfacher weil dort der Energieverbrauch stetig steigt. "Dort wird in neue Kapazitäten investiert, ohne dass dafür zwangsläufig fossile oder nukleare Kapazitäten vom Netz gehen", erklärt Julian Schorpp vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Brüssel. "In Europa bestehen dagegen Überkapazitäten und der Energieverbrauch soll nach EU-Vorgaben auch noch sinken. Erneuerbare Energien verdrängen also tendenziell andere Kraftwerke vom Markt." 

UN-Klimakonferenz 2017 in Bonn Proteste (DW/K. Wecker)

Erneuerbare statt Kohle und Atom: Demonstrant wirbt auf der Klimademo in Bonn für die Energiewende

Für einen starken Ausbau von erneuerbaren Energien mit entsprechendem Heimatmarkt fehle in Europa der "politische Wille", betont Rainer Hinrichs-Rahlwes, EU-Energieexperte beim Bundesverband Erneuerbarer Energien (BEE).

"Damit Europa seine Chance erhält, führend bei der Energiewende zu sein und einen halbwegs angemessen Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel" zu leisten, müssten sich "die Staats- und Regierungs-Chefs einen Ruck geben und die notwendigen Rahmenbedingungen wieder schaffen und verbessern." 

Für einen beschleunigen Umstieg spreche laut Hinrichs-Rahlwes zudem die ökonomische Vernunft: "Die Kosten sinken rapide und die Technologien sind ausgereift. Wo dies nicht durch Subventionen für fossile und nukleare Energien konterkariert wird, sind Wind und Sonne fast überall die günstigsten Energieformen. Die Vernunft verlangt daher, direkte und indirekte Subventionen für fossile und atomare Energie endlich zu beenden". 

Energieökonomin Kemfert rät der europäischen Politik zu einer "beherzten" Energiewende in allen Bereichen, "nicht nur beim Strom, sondern auch die Abkehr von Benzin und Diesel hin zu Elektromobilität und erneuerbarer Gebäudeenergie". Doch Kemfert befürchtet "ein Agieren weiterhin in Trippelschritten, zwei Schritte vor und drei zurück". Wenn Europa hier nichts korrigiere und nachziehe "wird China es weiter vormachen wie es gehen kann und den Markt dominieren."

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