Eritreas langer Arm in Deutschland | Deutschland | DW | 24.07.2015
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Deutschland

Eritreas langer Arm in Deutschland

Nach Angaben von Dissidentengruppen schikanieren eritreische Dolmetscher ihre Landsleute bei Asylverfahren in Deutschland durch bewusste Falschübersetzungen.

"Er fragte uns: 'Moment mal, wo ist denn der Teil, wo es um die Folter im Gefängnis geht?', und wir sagten ihm: 'Das ist hier nicht drin.' Er war entsetzt." Rut Bahta, Mitbegründerin des in Frankfurt ansässigen eritreischen Dissidentennetzwerks United4Eritrea, sagt, sie könne mehrere solcher Geschichten erzählen.

Ihre Organisation kümmert sich um Neuankömmlinge aus Eritrea. Oft übersetzt sie die Mitschriften der Asylanerkennungsverfahren, die die deutschen Behörden nur auf deutsch verfassen, ins Tigrinische. Und an dieser Stelle, sagt Bahta, stellen viele Asylbewerber fest, dass die vom Staat bestellten Dolmetscher falsch übersetzt oder wichtige Passagen ausgelassen hätten.

"Erst konnte er es gar nicht glauben. Wir mussten eine dritte Person zum Übersetzen hinzuziehen", so Rut Bahta im Gespräch mit DW. "Er war durch Länder wie den Sudan und Libyen gekommen, wo ihn kein Mensch fragte, was er hinter sich hatte. Jetzt war er zum ersten Mal in Europa und glaubte, hier würde alles ordentlich gemacht. Er war völlig schockiert und enttäuscht von den Behörden."

Eine Miniregierung in Deutschland

Flüchtling zeigt seinen Rücken mit Wunden Foto: DW/Meron Estefanos

Viele eritreische Flüchtlinge wurden in ihrem Heimatland gefoltert.

Bahta glaubt, es könne nur eine Erklärung für das geben, was sie für eine bewusste Fehldarstellung hält. Sie und und viele Eritreer in Deutschland sind überzeugt, dass einige der Dolmetscher, die den eritreischen Asylbewerbern in Deutschland zugewiesen werden, entweder der repressiven eritreischen Regierung nahestehen oder sogar auf deren Gehaltsliste stehen.

Bahta hat den Verdacht, dass die eritreische Regierung viele von ihnen dafür entlohnt. "Die eritreische Botschaft ist eine Art Miniregierung auf deutschem Boden. Einige der Flüchtlinge sagen: 'Ich bin 5200 Kilometer weit gereist, und es ist dasselbe Spiel. Gut, ich habe mehr Freiheiten, ich kann auch nicht ohne Grund inhaftiert werden, aber die Angst ist immer noch da.'"

Die Menschenrechtslage in Eritrea, das manchmal als "afrikanisches Nordkorea" bezeichnet wird, ist eine der schlimmsten weltweit. Nach einem im Juni veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen heißt es über das kleine ostafrikanische Land: "Informationen über die Aktivitäten von Menschen, ihre mutmaßlichen Ziele und sogar über ihre angenommenen Gedanken werden verwendet, um sie durch Angst zu beherrschen. Eritrea ist ein Land, in dem willkürliche Inhaftierungen, Folter, Verschleppung und Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren an der Tagesordnung sind."

Es geht um Politik

Die eritreische Politik reicht bis in die Migrantengruppen in Deutschland hinein. Manchmal sind politische Überzeugen so fest verwurzelt, dass sie Generationen überdauern, dass von Söhnen und Töchtern erwartet wird, dass sie politische Überzeugungen entsprechend ihren Familiennamen einnehmen.

Job Maasho, ein 68 Jahre alter Eritreer, der 1982 nach Deutschland kam, hat Asylbewerbern oft beim Umgang mit den deutschen Behörden geholfen, und er hat von vielen Beispielen gehört, bei denen Dolmetscher Neuankömmlinge eingeschüchtern.

"Sie schärfen ihnen zum Beispiel ein, die politische Situation nicht so darzustellen, wie sie ist. Sie sagen ihnen: 'Du darfst das nicht sagen, du musst das so und so sagen'", erklärt Maasho. "Sie versuchen, so wenige Informationen wie möglich weiterzugeben, so dass sie die Politik herauslassen. Sie wollen, dass die Migranten in Deutschland nur als Wirtschaftsflüchtlinge betrachtet werden."

Frostige Asylverfahren

Volles Flüchtlingsboot Foto: picture alliance/dpa/Italian Navy

Ziel Europa, egal wie.

Rut Bahta hatte sich so über die Erzählungen von Einschüchterungsversuchen und falschen Übersetzungen aufgeregt, dass sie selbst an einem Asylverfahren teilnahm. Sie war schockiert von der feindseligen Atmosphäre. "Der ganze Ton war einfach furchtbar", sagt sie. "Der Dolmetscher war wirklich unfreundlich und ist den Asylbewerber hart angegangen. Es war schrecklich. Er war auch sehr verärgert, dass ich dabei war."

Bahta hat gemerkt, dass viele eritreische Neuankömmlinge in Deutschland zu sehr von der Regierung eingeschüchtert sind, von der sie gerade geflohen sind, um das Thema in Deutschland anzusprechen. "Wenn wir ihnen sagen, wir müssen etwas dagegen tun, sind sie immer so überrascht, dass man wirkllich etwas tun kann", sagt sie. "Sie sind schon so verschreckt, dass die Dolmetscher leichtes Spiel mit ihnen haben."

Das Problem verschärft sich noch dadurch, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das die Asylverfahren durchführt, nicht unbedingt informiert ist, wie politisch die eitreische Gemeinschaft ist. "Das Asylverfahren findet in einem hochpolitischen Kontext statt", sagt Eden Mengis, die das Thema als Teil einer Magisterarbeit untersucht hat.

Fehlende Kontrolle

Im Moment können die deutschen Behörden nicht prüfen, ob Dolmetscher Informationen über Flüchtlinge an die etritreische Botschaft weiterleiten. Das könnte weitreichende Folgen haben, da, so Mengis, die eritreische Regierung persönliche Informationen über Flüchtlinge nutzen kann, um gegen deren Verwandte in Eritrea vorzugehen und sie im Grunde genommen zu erpressen. "Wenn eine Flucht glückt und die Regierung davon erfährt, besteht die Gefahr, dass die Verwandten zuhause verhaftet und nur bei Zahlung einer hohen Summe wieder freigelassen werden", sagt Mengis.

Die deutsche Regierung schätzt die augenblickliche Menschenrechtslage in Eritrea als so verheerend ein, dass niemand, der es nach Deutschland geschafft hat, eine Abschiebung befürchten muss. Doch wegen der sogenannten Dublin-Regelung können Flüchtlinge in das EU-Land zurückgeführt werden, in dem sie die EU betreten haben. Für die meisten Eritreer ist das Italien. "Oft werden Menschen nach Italien zurückgeschickt", so Bahta. "Die deutsche Regierung sollte mehr Druck ausüben."

Tatsächlich bestreitet die Bundesregierung aber sogar, dass überhaupt ein Problem existiert, und beharrt, die Dolmetscher würden sorgfältig geprüft. "Das Problem, das Sie beschrieben haben, ist uns als generelles Problem unter eritreischen Dolmetschern nicht bekannt", so BAMF-Sprecher Christoph Sander in einer E-mail. "Wir haben weder von Außenstellen noch aus anderen Quellen Hinweise darauf."

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