Erinnerungen in Klontiere einpflanzen - geht das? | Wissen & Umwelt | DW | 26.09.2019
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Erinnerungen in Klontiere einpflanzen - geht das?

Die chinesische Firma Sinogene verkauft geklonte Haustiere. Im Juni wurde ihre erste Klon-Katze geboren. Bald will Sinogene den Klonen auch Erinnerungen einpflanzen. Ist das Ernst? Oder nur ein Marketing-Ding?

Ein unsterbliches Haustier - diesen Wunsch möchte das chinesische Unternehmen Sinogene für seine Kunden wahr werden lassen. Mit dem Klonen von Haustieren will es "die Liebe zwischen Mensch und Tier verlängern", heißt es auf der Webseite des Unternehmens.

Am 21. Juni wurde Sinogenes erste Klon-Katze geboren. Wie ihr Vorgänger heißt sie Da Suan, chinesisch für Knoblauch. Der Service kostete Da Suans Besitzer umgerechnet rund 32.000 Euro, schreibt die chinesische Tageszeitung Global Times. Auf Sinogenes Website wird auch das Klonen von Hunden und Pferden beworben.

Nun möchte das Unternehmen laut Global Times noch einen Schritt weitergehen und die Erinnerungen des Original-Tiers auf den Klon übertragen. Dazu will es "Künstliche Intelligenz oder Gehirn-Computer-Schnittstellentechnologie" nutzen, kündigte der Geschäftsführer an. Das "oder" lässt bereits erahnen, dass die Pläne eher vage sind. Auf der Webseite wird das Verfahren bisher jedenfalls nicht angeboten.

Neun Jahre alter Star-Hund Guozhi und sein zwei Monate alter Klon

Sinogen hat auch den Hund Guozhi geklont. Guo Zhi hat in zahlreichen Filmen mitgespielt.

Was ist eine Erinnerung?

Die Erinnerungen eines Tiers in ein anderes einpflanzen - ist das überhaupt möglich? Um das zu beantworten müssen wir uns erst einmal fragen, was eine Erinnerung ist, so Jason Kerr, geschäftsführender Direktor am neurowissenschaftlichen Forschungsinstitut caesar.

Erinnerungen wie etwa "den Geruch von Großmutters Gebäck im Jahr 1979 zu übertragen ist nicht möglich", sagt Kerr. Um eine solche Erinnerung übertragen zu können, "müssten wir ihre neuronale Basis verstehen, also wie sie im Gehirn kodiert ist".

Daran seien geschätzt mehrere zehntausend Neuronen beteiligt. Von diesem Verständnis sei die Wissenschaft noch weit entfernt. Auch ein geklontes Haustier würde sich sicherlich nicht an die Stimme des Besitzers oder an sein Lieblingsspielzeug erinnern.

Katze kuschelt sich an einen Mann

Katze kuschelt sich an ihren Besitzer

Gelungene Übertragung bei Schnecken

Zurzeit sei es sogar unmöglich, "den Lernprozess einer Schnecke oder Fliege durch Künstliche Intelligenz zu reproduzieren", sagt Neurobiologe David Glanzman von der University of California (UCLA).

Die Erinnerungen komplexerer Tiere wie Katzen, Hunden und Pferden zu übertragen sei deshalb - zumindest bislang - völlig undenkbar. Denn während eine Schnecke nur etwa 20.000 Nervenzellen hat, besitzt beispielsweise eine Katze mehr als 760 Millionen. 

Trotzdem ist es Glanzman in einem Team von Wissenschaftlern gelungen, eine Art Erinnerung einer Meeresschnecke erfolgreich auf eine andere zu übertragen. Dazu transplantierten die Forscher Informationsträger, sogenannte RNA-Moleküle, von einer Schnecke in eine andere. Durch die fremde RNA zeigte die Empfänger-Schnecke den Rückzugsreflex, der zuvor ausschließlich der Spender-Schnecke antrainiert wurde. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift eNeuro veröffentlicht.

Auch wenn diese Rückzugsreflexe als eine Art von Erinnerung bezeichnet werden können, ist die Wissenschaft noch meilenweit davon entfernt, die gesamten Erinnerungen eines Tiers auf ein anderes zu übertragen. Mit Sicherheit sei dies auch nicht durch Künstliche Intelligenz zu bewerkstelligen, meint Glanzman. Wer immer dies vorschlägt zu tun, versteht seiner Meinung nach nicht "die enorme Herausforderung einer solchen Aufgabe".

Es gibt eine Chance

Kevin Warwick von der Coventry University ist Experte für künstliche Intelligenz. Er ist ähnlicher Meinung, sieht aber auch Potential in dieser Forschung: Man könne "Informationen über eine Abfolge von Bewegungen speichern und dann versuchen, diese zu rekonstruieren", sagt er.

Wenn diese dann einem anderen Gehirn aufgezwungen werden, so Warwick, könne es potentiell zu ähnlichen Bewegungen führen. In der Realität sei dies aber bisher noch nicht geglückt.

Sollte diese Technologie irgendwann erfolgreich sein, könnte sie, so Warwick, beispielsweise Patienten beim Wiedererlernen von Bewegungen nach einem Schlaganfall helfen. 

Die Pläne des chinesischen Unternehmens Sinogenes zur Erinnerungsübertragung entpuppen sich laut Experten also als überwiegend unrealistisch. caesar-Direktor Jason Kerr geht sogar noch weiter. Abgesehen von ethischen Fragen, die diese Forschung aufwirft, sind Sinogenes Pläne "so weit entfernt von der Realität, dass es nur ein Marketing-Trick sein kann", findet er.

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