Erich Maria Remarque: ″Im Westen nichts Neues″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Erich Maria Remarque: "Im Westen nichts Neues"

Es ist der Antikriegsroman par excellence, übersetzt in mehr als 50 Sprachen, weltweit über 20 Millionen Mal verkauft. War Remarque wirklich durch und durch Pazifist – oder gar doch ein Schwindler?

Remarques Buch ist das Porträt einer Generation, die von der Schulbank weg euphorisch an die Front zog und am Ende in einer mörderischen Kriegsmaschinerie umkam. Der Erste Weltkrieg – Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er von vielen Männern regelrecht herbeigesehnt.

Es war die Zeit der großen Umbrüche und Verunsicherungen. Der technische Fortschritt gab den Takt vor – Fabriken, Autos, wissenschaftliche Neuentdeckungen. Die patriarchale Gesellschaft bekam Risse, Frauen rebellierten gegen vorgegebene Rollenbilder, forderten lautstark mehr Rechte. 

Das Alte ging zu Ende, Neues kam im Eiltempo auf die Menschen zu und überforderte – vor allem die Männerwelt. Krieg, so erhofften sie sich, könnte die "reinigende Kraft" sein, den Wandel aufzuhalten. Sie bejubelten den Kriegsausbruch im Sommer 1914 und glaubten fest daran, an Weihnachten wieder zuhause zu sein. Doch es kam anders. 

"Wir lernten, dass ein geputzter Knopf wichtiger ist als vier Bände Schopenhauer. Zuerst erstaunt, dann erbittert und schließlich gleichgültig erkannten wir, dass nicht der Geist ausschlaggebend zu sein schien, sondern […] der Drill."

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"Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque

Alltag im Schützengraben

Das Gemetzel in den Gräben, die Nacht im Granatenhagel, die Langeweile zwischen den Sturmangriffen – all das erlebt Remarques Ich-Erzähler, ein junger Rekrut, hautnah mit. Aus dem feinsinnigen Schüler wird ein abgestumpftes Halbwesen.

"Ein Gefreiter (...) schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme. (...) Das Grauen lässt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt."

Notlüge für den Welterfolg

So drastisch Remarque auch das Kriegsgeschehen schilderte, er selbst musste nur kurz an der Front kämpfen. 1916 wurde er als Schüler zwangsweise eingezogen, kurz darauf verwundet und in ein Lazarett verlegt. Dort lauschte er den Fronterzählungen der Schwerverletzten, machte sich Notizen, aus denen später sein weltberühmter Roman hervorging. Doch um die Vermarktung anzukurbeln, behauptete Remarque, alles selbst erlebt zu haben."Im Westen nichts Neues" kam erst 1929 als Buch heraus und wurde über Nacht zu einem der größten Erfolge der deutschen Literatur. Kritiker auf der ganzen Welt feierten den Roman als "pazifistische Anklage gegen den Krieg". Kurze Zeit später wurde er sogar von Hollywood verfilmt.

Verbrannt und verboten

Rechte Kreise in Deutschland sahen dagegen das Andenken ihrer Soldaten in den Dreck gezogen. 1933, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, wurde Remarques Buch öffentlich verbrannt und verboten. Sein Autor war da schon längst in die Schweiz emigriert.

Deutschland Geschichte Polizeischutz Aufführung Film Im Westen nichts Neues (ullstein bild/Archiv Gerstenberg)

Stinkbomben und Mäuse - bei der Deutschland-Premiere der Romanverfilmung sorgte die NSDAP 1930 für einen Eklat

Bis zu seinem Tod genoss Remarque sein Image als Pazifist und zehrte von seinem frühen Ruhm. Daran anknüpfen konnte er nicht mehr. Erst Jahre später gestand er, schon immer ein unpolitischer Mensch gewesen zu sein. 


Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues (1929), Kiepenheuer & Witsch Verlag

Erich Maria Remarque kam 1898 in Osnabrück als Sohn einer aus Frankreich eingewanderten Familie zur Welt. 1933 wanderte er in die Schweiz aus. Seine Arbeiten wurden unter den Nationalsozialisten geächtet, seine Schriften während der Bücherverbrennung ins Feuer geworfen. Ab 1939 lebte er in den USA, nach dem Krieg abwechselnd in den Vereinigten Staaten und der Schweiz. Er starb 1970 in Locarno.

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