Entschuldigung: Unjournalistische Presseschau | Europa | DW | 25.03.2019
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In eigener Sache

Entschuldigung: Unjournalistische Presseschau

Die DW hatte auf ihrer serbischsprachigen Website zum 20. Jahrestag des NATO-Eingriffs in den Jugoslawien-Krieg eine Presseschau veröffentlicht, in der die Bewertung westlicher Medien als kriegslüstern dargestellt wurde.

Der Autor hat dabei nicht die journalistischen Kriterien der DW beachtet. Dafür bitten wir um Entschuldigung.

Sowohl die Überschrift des Artikels als auch der in der Einleitung aufgestellte Bezug des Einsatzes deutscher Streitkräfte als Teil des NATO-Kontingents zum Zweiten Weltkrieg waren unangemessen.

Weiter wird einigen Journalisten deutscher Medien indirekt unterstellt, sie hätten den militärischen Einsatz in ihren Berichten zu jener Zeit „herbeigesehnt“. Die Reporter und Kommentatoren der zitierten Medien haben die Situation aber nach unserer Einschätzung korrekt wiedergegeben und das Dilemma beschrieben, in der Politiker der westlichen Allianz sich damals befanden. Der Artikel wurde inzwischen geändert. Für die DW ist eine transparente Fehlerkultur wichtig, deshalb haben wir den serbischen Text ins Deutsche übersetzt und die kritischen Stellen in kursiven Kommentaren in Klammern eingeordnet.
 

Wie die Bomben gedruckt wurden

Dieser Titel ist tendenziös und wird im Text nicht belegt. Es handelt es sich um eine Presseschau und hätte so betitelt werden müssen.

Vor zwanzig Jahren zogen die Deutschen in den ersten Krieg nach Hitler - mit den Luftschlägen gegen Jugoslawien. Begleitet wurden sie von streitbaren Zeitungs-Kommentatoren. Die DW hat in Archiven der deutschen Presse von Beginn 1999 bis zu den ersten Bomben gegraben.

Der Teaser ist wie der Titel journalistisch nicht in Ordnung: Die Wertung ist unzulässig und nicht belegt.

"Es ist, besonders in Deutschland, dessen Bevölkerung 50 Jahre lang nur eine defensive, das heißt auf die Verteidigung des eigenen Landes ausgerichtete Militärpolitik kannte, nicht einfach, deutsche Soldaten Hunderte von Meilen weg von Zuhause zu schicken. (…). Hätten wir die Unterstützung der Öffentlichkeit in Deutschland verloren, wäre die komplette Allianz verloren." (Jamie Shea, NATO-Sprecher während des Jahres 1999, der den Begriff „Kollateralschaden“ prägte.)

Unabhängigkeit oder doch wenigstens ein Referendum! Das forderte Anfang Januar 1999 Fehmet Agani, Unterhändler des kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova in einem Interview der "Tageszeitung" (Taz). "Serbiens Vorschlag einer politischen Lösung besteht darin, die bestehende Situation zu legalisieren. Das ist für die albanische Seite nicht akzeptabel." Es werde Krieg geben, so Agani, wenn die Völkergemeinschaft den Serben weitere Zugeständnisse machen sollte.

Damals kam die jugoslawische Thematik - drei Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton - mit großen Lettern zurück auf die Titelseiten der deutschen Presse. "Der Garant des Friedens und der Stabilität", Slobodan Milošević, wurde erneut zum Symbol des Bösen. Tausende Kosovo-Albaner wurden vertrieben, die UČK avancierte von einer bedeutungslosen Terror-Organisation zu einem seriösen Faktor, über den debattiert wurde.

Der ganze Absatz ist wertend und enthält Kommentierungen, die für eine Presseschau ungemessen sind.

Im Alltag in Kosovo herrsche praktisch Apartheid, schreibt Norbert Mappes-Niedick in seiner Reportage für die Wochenzeitung "Die Zeit" aus Priština. Die wenigen Serben in dieser Stadt hätten ihre Orte, an denen sie sich träfen. Zwischen den beiden Gemeinschaften bestünde immer weniger Kontakt. "Unter den jungen Albanern, die in den Cafés von Priština sitzen, hat sich ein finsterer Radikalismus breit gemacht (….) Aber die städtische Jugend, die nicht arbeiten, nicht studieren und nicht einmal mehr emigrieren kann, redet nur noch von Kampf und Sieg."

Die Saat der Gewalt sei vor zehn Jahren gesät worden, mit Miloševićs Rede auf dem Gazimestan, schreibt Matthias Rüb für die renommierte "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). In den Januartagen 1999 blockierten Kosovo-Serben Straßen und forderten von Belgrad Sicherheitsgarantien. "Die Serben im Kosovo haben Angst und das zu Recht. Sie können sich ihres Lebens nicht mehr sicher sein, weil der Hass zwischen albanischer Bevölkerungsmehrheit und serbischer Minderheit in der zu Serbien gehörenden Südprovinz endemisch geworden ist", schreibt Rüb.

Die konservative FAZ ist der lauteste Verfechter der These, dass (in Kosovo - Anmerkung der Redaktion) nichts so bleiben darf, wie es ist, dass die Situation unhaltbar ist. Kurz, wie es in einem Kommentar steht: "Belgrad will die Macht auf dem Kosovo behalten, unter der die Albaner nicht länger zu leben bereit sind." Die ersten Drohungen des Westens mit Militärintervention hinterließen bei Milošević keinen Eindruck, weil sie unseriös sind. In den deutschen Medien wird die NATO zum Gegenstand des Spotts. "Blutige Staatsunterdrückung kann nicht höher stehen als blutiger Aufruhr gegen sie", schreibt die FAZ.

Der Absatz enthält nicht belegte Tatsachenbehauptungen.

Stephan Israel, der für die liberale "Frankfurter Rundschau" (FR) berichtete, schreibt, das Gerede von der "Demokratisierung" Serbiens hin zu einer "multiethnischen Gesellschaft" und zur Gleichberechtigung ethnischer Gruppen im Kosovo käme zu spät, wobei die Verspätung viele zerstörte albanische Dörfer betrüge. Gegenüber derselben Zeitung äußert (der Vertreter der Kosovo-Serben - Anm. d. Red.) Momčilo Trajković, die Kosovo-Serben befänden sich zwischen Hammer und Amboss – zwischen Miloševićs Politik und dem albanischem Separatismus. Als serbische Stimmen der Vernunft werden neben Trajković auch Bischof Artemije und Vater Sava Janjić zitiert.

R wie Račak

Dann kam Račak. Davon berichtet die Presse am 18.März, wobei William Walker, Chef der Beobachter-Mission der OSZE, zunächst die Quelle ist. Walker soll persönlich 23 leblose Körper gezählt haben, einige wurden durch Kopfschüsse aus der Nähe getötet, mit zertrümmerten Schädeln und heraus gestochenen Augen. "Jesus Christus, deckt sie wenigstens zu," sagt Walker, der am Tatort von Journalisten begleitet wurde. Aufgrund der "unbeschreiblichen Brutalität", die Walker jugoslawischen Sicherheitskräften zuschreibt, fordert er eine Untersuchung durch das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.
 

Reportagen schreiben sich von selbst. "Von unten, vom Dorf her, dringt die Klage von Frauen hinauf. Das Weinen der Mütter, Schwestern, Ehefrauen zieht als Echo durchs Tal." Die Verbrechen an den Albanern haben System, wenn "serbische Einheiten einfache Dorfbewohner mit Genickschuss hinrichten, ist das keine "Panne", schreibt die FR. "Die serbischen Polizisten treten als eine Art 'Herrenmenschen' auf, die über Leben und Tod von Zivilisten entscheiden. Die rassistische Einstellung gegenüber den 'minderwertigen' Albanern setzt die Hemmschwelle herab. Weil die Serben der bewaffneten Albaner nicht habhaft werden können, brennen sie ihre Dörfer nieder und 'rächen' sich an den Angehörigen."

Reportagen schreiben sich von selbst? Das ist eine unzulässige Kritik an den Reportern und impliziert eine Relativierung des vor Ort Gesehenen.
 

Die serbische Version der Ereignisse in Račak – wonach die Albaner im Kampf umgekommen sind und später als Zivilisten getarnt wurden – stellt für das Wochenmagazin "Der Spiegel" als ein Märchen, eine idiotische Ausrede dar, die niemand glaubt.

Hier fehlt ein Beleg für diese These.
 

"Wird man die Bluttat von Račak später einmal als Wendepunkt in der Kosovo-Politik des Westens ansehen können?", fragt gleich darauf die FAZ. Die Zeitung riecht den Anlass förmlich, und heute wissen wir, dass sie richtig lag. Von hunderttausenden Vertriebenen und Tausenden ermordeten Kosovo-Albanern wird Račak im Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit eingekerbt bleiben. Das Frankfurter Blatt gibt sich besonders Mühe: "Doch wird es auch etwas bewirken? Ist nach Račak mehr diplomatische, gar militärische Aktivität zu erwarten?"

Eine Zeitung, die etwas riecht? Das ist die suggestive Unterstellung, dass die FAZ nur auf einen Anlass gewartet habe.

In einem Text von Matthias Rüb, der ebenfalls in der FAZ erscheint, wird es dann noch klarer: Die (serbische; Anm. der Red.) staatliche Propaganda gründe auf dem Gedanken, "wonach das serbische Volk einen Überlebenskampf gegen innere und äußere Feinde auszufechten habe" und es keine Rolle spiele, "ob die führenden Politiker an ihre eigene Propaganda glauben oder diese nur zum Zwecke des Machterhalts benutzen". Daher werde im Kosovo ohne "internationale militärische Schutzkräfte" nichts passieren. Das Milošević-Regime "kann nicht durch einen demokratischen Machtwechsel abgelöst werden. Es herrscht mit Gewalt und es kann nur gewaltsam gestürzt werden."

Der Belgrader Journalist Andrej Ivanji berichtet in seiner Reportage für die linke Taz, bisher nehme in Belgrad niemand die Drohungen ernst. "so sind Theorien über die von Amerika eingefädelte Weltverschwörung gegen Serbien weiter in Mode. (…)Serbien werde diesem imperialistischen Druck nicht nachgeben."

Die politischen Zuweisungen der Zeitungen sind in diesem Text prinzipiell problematisch.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" widmete sich den Mythen, auf denen diese Propaganda gründen. "Für die er Mehrheit der apathisch gewordenen Bevölkerung hat Milošević keinerlei Zukunftsangebote mehr. Im Gegenteil: Er muss das Land in seiner Verlorenheit und Isoliertheit halten damit die verblassten Mythen und die Xenophobie seine Macht sichern. (…) All das macht es wahrscheinlich, dass sich Milošević vom möglichen Bombardement der NATO eher eine Stärkung seiner Macht verspricht. (…) Wie immer der Westen jetzt abwägt - er muss berücksichtigen, dass die Gewichte der Mythen im Kosovo noch weit schwerer wiegen als in Bosnien."

Das Ende des Januars naht, und die Bundesregierung widersetzt sich noch immer einer Militärintervention. Man sagt, man wolle nicht zur Luftunterstützung für die Extremisten und Terroristen der UCK werden. Ein Kommentator stellt fest, eine derartige Haltung sei heuchlerisch, zumal der Westen, solange die Albaner nicht nach Waffen gegriffen und sich in die Wälder begeben hätten, dem Kosovo keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Auf diese Weise wurde das Terrain für die Bildung einer albanischen Guerilla geradezu vorbereitet. Dasselbe gilt auch für das offizielle Belgrad: Wer blind ist für Rugovas (Ibrahim Rugova, Führer des pazifistischen Widerstand in Kosovo; Anm. d. Red.) Gandhi-Methoden, der wird es mit anderen Typen zu tun bekommen.

Hier fehlt die Quelle, um welchen Kommentator es sich handelt. Es war Günther Nonnenmacher von der FAZ. Der letzte Satz des Absatzes ist eine reine Mutmaßung, die nirgendwo belegt ist.

Das Massaker von Račak wirkt noch nach, die Regierung Jugoslawiens hat William Walker mit der Beschuldigung ausgewiesen, er habe die Grenzen seines Mandats überschritten. Die Zeitung "Die Welt" schreibt, dies sei zutreffend, es spräche aber vor allem für Walker. "Schleichend" habe der sein Mandat ausgeweitet. Anstatt zu beobachten, habe er Verletzten auf beiden Seiten geholfen, hie und dort bei Verhandlungen vermittelt, Flüchtlinge aus Umzingelungen gerettet. Unabhängig davon sei klar, dass die OSZE-Mission gescheitert sei, weil der Waffenstillstand, dessen Einhaltung sie hätte "beobachten" sollen, nicht eingehalten wurde. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) schreibt: "Schon werden die Drohungen in Richtung Belgrad lauter: Wenn Walker geht, könnte die NATO kommen."

Die NATO erhöht die Bereitschaftsstufe, das Bombardieren kann innerhalb von 48 Stunden nach dem entsprechenden Befehl beginnen. Am 22.Januar veröffentlicht die FR eine Landkarte, auf der die Verteilung der Bündniskräfte dargestellt ist, und schreibt, dass Bodentruppen nicht in Frage kämen. "Bodentruppen im Kosovo würden faktisch die Abspaltung von Jugoslawien bedeuten, die die Europäer mit Blick auf den Präzedenzfall unbedingt vermeiden wollen", sagt ein namentlich nicht genannter Bonner Politiker. Und Luftangriffe? Jetzt sind die Deutschen dafür.

Einen Beleg für die Aussage im letzten Satz dieses Absatzes gibt es nicht.

Die Erinnerung an Srebrenica wird klarer und zum Rückgrat der Argumentation, mit der die Deutschen, zum ersten Mal nach Hitler, für einen Krieg gewonnen werden sollen. Die Grünen, eine auf Ökologie und Pazifismus gründende Partei, werden es mit einem berühmt gewordenen rhetorischen Salto von Außenminister Joschka Fischer schaffen, sich zu rechtfertigen. Hatten nicht die Grünen postuliert: "Nie wieder Krieg?" Ja, aber auch "nie wieder Auschwitz", erwiderte Fischer. Milošević ist in diesem Bild Hitler. Aber werden die Deutschen Bomben auf Belgrad werfen wie Hitler 1941? Diese Frage stellt das Wochenmagazin "Der Spiegel" Verteidigungsminister Rudolf Scharping. "Ein unsäglicher Vergleich", antwortet der. "Wir werden nicht tatenlos zuschauen, wenn wieder Tausende von Menschen abgeschlachtet werden sollen", fügt Scharping mit Blick auf das Massaker von Srebrenica hinzu. Zugleich betont er, seine Regierung werde keinen Separatismus unterstützen: Es könne keine Veränderungen der Grenzen geben, "sonst müssten plötzlich ganz viele Grenzen verschieben. Wohin soll das führen?"

R wie Rambouillet

Noch gibt die Diplomatie nicht auf. Fischer verlangt nach Dayton 2, die "Tageszeitung" titelt: "Letzte Chance für Frieden im Kosovo?" Man trifft sich zur ersten Runde (der international moderierten albanisch-serbischen Verhandlungen im französischen Schloss Rambouillet - Anm. d. Red.). Mit dem Vorschlag einer weitreichenden Autonomie für das Kosovo sind weder Serben noch Albaner zufrieden. Das Schlagwort "internationales Protektorat" findet immer mehr Erwähnung.

Auch hier gibt es keine Belege für die Aussage im letzten Satz.

Peter Münch kommentiert für die SZ, die westlichen Länder befänden sich in einem ausweglosen Dilemma: "Das einzige Drohmittel der Friedensstifter ist ein Militäreinsatz. Davon wird verbal auch reichlich Gebrauch gemacht, allerdings in einer paradoxen Art. Den Serben wird mit der NATO-Intervention gedroht, den Albanern damit, dass die NATO nicht eingreifen werde." Was bedeute, dass man kaum beide Seiten zum Kompromiss zwingen könne.

Heute sagt die verschwommene Erinnerung an Rambouillet, dass die Albaner dort etwas angenommen hätten und die Serben nicht. Doch das war nicht von Beginn an so. Anfang Februar ist klar, dass "die bewaffneten Rebellen der Kosovo-Albaner praktisch außer Kontrolle" agieren, die radikalsten unter Ihnen würden Rugova bereits als "Verräter" betiteln. Es geht auch um Geld. Albaner aus dem Ausland zahlen eine Sondersteuer für "die kosovarische Sache" - die UCK möchte, dass man ihr dieses Geld zukommen lässt, doch der Exil-Premier Bujar Bukoshi lehnt das ab.

Der ganze Absatz enthält jede Menge Bewertungen und Behauptungen, die nicht mit Quelle belegt sind.

Von Beginn riecht es nach Fiasko. "Über dem Kosovo kreisen der weiße Doppeladler der Serben und der schwarze Doppeladler der Albaner. Jeder beansprucht für sich die Herrschaft für sich. Es kommt zum Kampf, die Federn fliegen. Dann setzten sich die Raubvögel im Schloss zu Rambouillet an den Tisch und schließen Frieden. Was ornithologisch unmöglich scheint, ist politisch zumindest schwierig", schreibt die schweizerische "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ).

Wieder eine Geruchs-Metapher, die nicht belegt wird.

Matthias Rüb versucht in der FAZ, Miloševićs Taktik vom Aspekt der Rationalität her zu ergründen. Breite Autonomie oder gar Unabhängigkeit des Kosovo sind unvermeidlich, und Belgrad ist wohl gerade dabei zu versuchen, seine Zustimmung zur Niederlage möglichst teuer zu verkaufen. "Will Milošević mit einem Einlenken in der letzten Minute etwa die Aufhebung der Sanktionen gegen Jugoslawien erreichen? Oder will er NATO-Luftangriffe provozieren, um nach dem Vorbild des irakischen Diktators Saddam seine Herrschaft zu zementieren? Oder aber sollen Luftschläge der NATO dem serbischen Volk klar machen, dass gegen die Übermacht des stärksten Militärbündnisses in der Geschichte, selbst Milošević das 'serbische Jerusalem' nicht verteidigen kann? So oder so lauten die Aussichten für Serbien: Kosovo verlieren und Milošević behalten“, schreibt der Journalist.

Obwohl die damaligen Korrespondenten der deutschen Presse Jugoslawien gut kannten, begriffen sie das Wesentliche nicht. Nach allem, was (seit Beginn der Jugoslawien-Krieg - Anm. d. Red,) geschehen war, zählten sie auf die Vernunft. In diesem Sinne schreibt der FR-Korrespondent Stephan Israel aus Belgrad: "Jetzt wird nur noch um den Preis gepokert: Will der Präsident (Milošević - Anm. d. Red.) Immunität angesichts einer möglichen Verfolgung durch das UN-Tribunal in den Haag? Oder wünscht er Zugang zu Krediten des Internationalen Währungsfonds, um das Land vor dem Bankrott zu retten und sich selbst an der Macht halten zu können?"

Der Satz, "obwohl die damaligen Korrespondenten der deutschen Presse Jugoslawien gut kannten, begriffen sie das Wesentliche nicht", ist eine unangebrachte Wertung.

Wolfgang Petritsch war damals österreichischer Botschafter in Belgrad und Mitglied der Troika, die bei den Rambouillet-Verhandlungen vermittelte. Im Interview mit dem "Spiegel" sagt er: "Da wird nicht mehr lange gepokert. 80 Prozent unserer Vorstellungen werden einfach durchgepeitscht." Die Serben werden, so Petritsch, "fauchen", das Protektorat in Kosovo aber würden sie akzeptieren müssen. Nach einer Übergangsphase von drei Jahren würden dann neuerliche Gespräche geführt, fügt Petritsch hinzu: "Bis dahin werden Albaner und Serben vielleicht in inniger Umarmung vereint sein." Der Österreicher versichert: "Vor Ende April wird der Kosovo-Konflikt entweder formal gelöst sein oder die NATO bombardiert."

Derweil verstreichen in Rambouillet fruchtlose Tage, Fristen werden verlängert. Der Westen droht, doch die Uneinigkeit der Kosovo-Albaner macht ihm einen Strich durch die Rechnung. " Bombardiert würde nur dann, wenn allein die Serben für das Scheitern der Gespräche verantwortlich wären. Das Dilemma liegt auf der Hand: Wer immer nur der einen Seite (den Serben) droht, der ermuntert die Halsstarrigkeit der anderen", schreibt Joseph Joffe für die SZ. "Der Vergleich mit Bosnien trägt hier nicht, jedenfalls noch nicht. Seinerzeit hatte die NATO erst eingegriffen, als Kroaten und Bosnier ein militärisches Gleichgewicht gegen die Serben errungen hatten. Im Kosovo gibt es ein solches nicht, und deshalb ist das vorrangige Interesse der Albaner nicht die Friedenslösung, sondern die militärische Verstrickung der NATO auf ihrer Seite."

Der Satz, "der Westen droht, doch die Uneinigkeit der Kosovo-Albaner macht ihm einen Strich durch die Rechnung", ist eine unbelegte Tatsachenbehauptung.

Die Berliner Zeitung bringt ein Porträt Adem Demaçis – des politischen Sprechers der UCK, der zugleich ein legendärer Dissident ist, der 29 Jahre in Titos Gefängnis verbrachte. Während in Rambouillet diskutiert wird, sitzt der in einem Trainingsanzug gekleidete Demaçi in Ljubljana, um von dort aus ungehindert telefonieren zu können. Zu seinen Anrufern aus Frankreich gehören alle, die Rang und Namen haben, von (NATO-Generalsekretär - Anm. d. Red.) Javier Solana bis (zur US-Außenministerin – Anm. d. Red.) Madeleine Albright. Doch von einer Absprache, die keine Unabhängigkeit des Kosovo garantieren würde, möchte Demaçi nichts hören. "Wir dürfen uns nicht auf Verheißungen verlassen, und wir können nicht warten, dass uns jemand die Freiheit schenkt", sagte er.

Ein "legendärer" Dissident - das ist eine Wertung des Autors.
 

Demaçi stört offensichtlich. Wenige Tage darauf, inzwischen ist es März, stellt die SZ ihren Lesern den neuen Chef der improvisierten kosovarischen Regierung vor: sein Spitzname ist Schlange, er ist zerrissen zwischen dem starken amerikanischen Druck, Rambouillet anzunehmen, und dem radikalen Teil der UCK, der es für den Fall der Ankunft internationaler Truppen sogar ablehnt, die Waffen niederzulegen. Dies ist also der Beginn der großen Karriere von Hashim Thaçi.

Der ganze Absatz ist ein Kommentar des Autors ohne Belege aus der Presse.

R wie Rebus

Das gleiche Blatt schreibt einige Seiten weiter, dass in den letzten zwei Monaten erneut 60.000 Albaner aus dem Kosovo vertrieben wurden. Zwischen den Frontlinien gebe es immer weniger Platz für Zivilisten. Die "Friedensverhandlungen" würden von dort so aussehen, als ob sie auf dem Mars stattfinden würden. "Der Frieden mag anderswo die Zukunft sein, aber in den Dörfern am Fuß der Čičavica-Berge wird es bald keine Serben und keine Albaner mehr geben. Nur noch Soldaten für Serbien und Kämpfer für ein unabhängiges Kosovo", steht in einer Reportage der FR aus dem Dorf Bukoš bei Vučitrn.
 

Scharen von Diplomaten pilgern nach dem Belgrader Dedinje (dem Stadteil, in dem der serbische Präsident lebt; Anm. d. Red.). Sie wollen Milošević zur Vernunft bringen, ihm Angst einjagen, ihn anflehen. Mitte März schreibt der "Spiegel", dass Richard Holbrooke wieder dort gewesen war, "die schwerste diplomatische Artillerie" der USA, der sich mit Milošević ausgezeichnet versteht. "Jetzt sind wir nur noch ein paar Tage von der Tragödie entfernt", hat ihm Holbrooke gesagt.

In der gleichen Ausgabe schreibt Walter Mayer eine ausgezeichnete Reportage aus Belgrad, wo man anscheinend immer noch nicht daran glaubt, dass die NATO wirklich zuschlagen würde. "Wer jetzt durch die Knez-Mihail-Straße im Zentrum geht, sieht Bettler, die bis hart an die Kante der ehrwürdigen Akademie der Wissenschaft vorgerückt sind.Wie Mahnwachen sitzen sie gegenüber dem Gebäude, in dem schlohweiße Denker der Milošević-Diktatur auf den Trümmern ihrer großserbischen Hoffnungen weiter philosophieren."

"Ausgezeichnete Reportage" - das ist wertend.

Borka Pavićević vom Zentrum für kulturelle Dekontamination (Anti-Kriegs- und Anti-Regime-NGO - Anm. d. Red.) erzählt dem Journalisten, dass in dem Land eine "pornographische Spaltung zwischen Politik und dem wirklichen Leben" herrscht. Ein gewöhnlicher Bürger sagt das noch effektiver: "Kürzt man Dein Gehalt von 5000 auf 4500 Deutsche Mark, gehst du auf die Straße. Kürzt man es auf zehn Mark, hast du andere Sorgen."

In Rambouillet - dem Ort, an dem die albanische und die serbische Delegation mit internationaler Beratung über Krieg und Frieden verhandeln - folgt eine Verlängerung der nächsten. Die deutsche Presse und Öffentlichkeit, sogar der Bundestag haben immer noch keine Ahnung davon, dass man der jugoslawischen Delegation den famosen Anhang B auf den Tisch zum Unterschreiben vorgesetzt hatte, der bedeutet, dass NATO-Truppen durch das ganze Land spazieren dürften. Die Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer verheimlicht dies und man wird davon erst im April erfahren.

Der gesamte Absatz enthält nicht belegte Behauptungen und Bewertungen (keine Ahnung, famos, Truppen, die "spazieren", etc.).

Aber dann, am 17. März 1999, schreibt die Presse, dass eine Ankunft von 28.000 NATO Soldaten nach Kosovo bevorsteht, eine "grundsätzliche Autonomie", eine Übergangsperiode von drei Jahren. Das Wort "Unabhängigkeit" wird nicht erwähnt, aber man munkelt, dass der Volkswille im Kosovo eine Rolle spielen muss. Die Bomber sind praktisch schon bereitet, über Bodentruppen aber denkt man immer noch nicht nach. "Ein Einmarsch zur Friedenserzwingung, der schätzungsweise eine 100.000 Mann starke Truppe erfordern würde, wird als unkalkulierbares Abenteuer abgelehnt, da die Soldaten zwangsläufig zwischen den Fronten gerieten", schreibt die SZ.

Man munkelt. Wer ist "man"? Außerdem ist der Absatz widersprüchlich: Erst heißt es, man denke nicht über Bodentruppen nach, im Satz darauf, wird der Gedanke ausgeführt, aber verworfen.

Am 20. März wiederholt Matthias Rüb seine These für die FAZ schon in der Überschrift. "Gegen Miloševićs Machtinstinkt hilft nur die Anwendung von Gewalt". Die SZ hat immer noch einen Korrespondenten im Kosovo, der von Priština aus meldet, was er hört: "Ausländischen Reportern im Hotel Grand wird von Einheimischen dringend zur Abreise geraten. Falls die NATO bombardiere, sei von den serbischen Behörden eine Art Bartholomäusnacht geplant, sagen sie."

Ein Journalist der NZZ schreibt, dass sowohl Albaner als auch Serben in Priština sich weniger vor dem Bombardieren fürchten würden und mehr davor, dass "in der Stadt ein Chaos ausbricht, spontan oder inszeniert, ein Zustand der Rechtlosigkeit und Gewalt."

K wie Krieg

Am 24. März um 19:41 Uhr ging es los. An diesem Morgen erschienen die deutschen Zeitungen, natürlich, ohne zu wissen, dass es losgehen wird. Sie schrieben, der "Countdown" laufe. Am folgenden Tag war dies fast das einzige Thema. Die Kommentatoren hatten teilweise Verständnis dafür aufgebracht, zum obersten Gebot avancierte der Bedarf der NATO, die "Glaubwürdigkeit" zu bewahren. Frei übersetzt - wenn schon so viel gedroht wurde, dann gehöre es sich, nun auch zu bombardieren.

Der Absatz ist kommentierend. Belege dafür werden nicht mitgeliefert.

Zoran Đinđić sagte in einem Interview der SZ, Milošević habe weder Interesse am Kosovo noch an Serbien, sondern allein am Machterhalt und "ich habe den Eindruck, dass sich die internationale Gemeinschaft auf ein Karussell der Radikalisierung mit den Albanern eingelassen und sich so radikale Ziele gesetzt hat."

Das Ergebnis kennen wir heute, aber damals war es nur zu erahnen. Zum Schluss deshalb die Meinungen, die sich als prophetisch erwiesen. Professor Bruno Zima, Mitglied der UN Kommission für Völkerrecht, bekam im Interview der SZ die Frage gestellt, ob die Bombardierung angesichts des Völkerrechts eine Sünde sei. "Ja, wobei die NATO alles getan hat, um die Sünde im Status der lässlichen Sünde zu halten. (…) Aber was kann man den Russen entgegenhalten, wenn sie sagen in Ostanatolien drohe den Kurden eine humanitäre Katastrophe? (…) Vielleicht entwickelt sich da ja ein neues Gewohnheitsrecht. Es ist ja oft so, dass neues Recht entsteht durch den Bruch von altem."

Meinungen, die sich als prophetisch erweisen? Wer urteilt darüber? Wieder eine unzulässige Wertung.

Als die ersten NATO Bomben auf Belgrad fielen, schrieb Andrej Ivanji in der Taz: „Die jugoslawische Armee, ohnmächtig gegen den Feind in der Luft, wird mit aller Gewalt auf alles Albanische im Kosovo losschlagen. Erst jetzt werden Panzerverbände schwere Artillerie und Boden-Boden-Raketen so richtig eingesetzt und wird eine Säuberung des Terrains von der UCK mit aller Brutalität durchgeführt werden. Auf der anderen Seite wird auch die Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) die lang erwartete Unterstützung aus der Luft ausnutzen und mit allen verfügbaren Mitteln auf alles Serbische losschlagen. Die NATO wird de facto als Luftwaffe der UCK fungieren. (…) Bomben und Raketen sollten weiteres menschliches Leiden verhindern. Vorerst werden es vervielfachen.“

Kyrill Stieger schreibt weitsichtig in der NZZ: "Die These, Milošević brauche ein paar Bomben, um dann sein Einlenken mit dem Hinweis auf die Übermacht des 'Aggressors' und die Notwendigkeit des Überlebens des eigenen Volkes zu rechtfertigen, wirkt reichlich konstruiert. (…) Falls Milošević wirklich glaubt, er könne Kosovo für Serbien dadurch retten, dass er sich in einen Krieg mit der NATO einlässt, dann hat er jeden Sinn für die Realitäten verloren. Je länger die Konfrontation dauert, desto eher wird das eintreten, was er mit seinem Widerstand gegen die Stationierung von NATO-Truppen gerade verhindern wollte, nämlich – das Ende der serbischen Herrschaft im Kosovo und eine Loslösung der Provinz von Serbien."

"Kyrill Stieger schreibt weitsichtig." Wer urteilt darüber? Abermals eine Wertung.