Endlose Dekontaminierung in Fukushima | Asien | DW | 09.03.2021
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Zehn Jahre nach der Katastrophe

Endlose Dekontaminierung in Fukushima

2011 wurde das japanische Atomkraftwerk in Fukushima nach einem Tsunami schwer zerstört. Der Kampf gegen die Strahlung in der Sperrzone ist eine Herkulesaufgabe für Jahrzehnte. Martin Fritz aus Fukushima.

Japan Okuma Fukushima Messgerät 213 micro Sievert per hour

Strahlungsmessung in Fukushima 2016

Zuerst passiert man Halden voller gestapelter Säcke, dann fährt man unter Förderbändern auf Stelzen durch. Schließlich steht der Besucher an einem Geländer und blickt in eine gewaltige Grube. Auf ihrem Boden verteilt ein halbes Dutzend Bagger und Planierraupen große Mengen Erde, die von Lastwagen abgekippt werden. "Wir dichten die Grube mit einer siebenfachen Plastikfolie ab, damit keine radioaktiven Stoffe ins Grundwasser gelangen", erläutert Takahiro Hasegawa, der Vizedirektor des Zwischenlagers für die Überreste der Dekontaminierung von Fukushima.

Die Dimensionen dieses Projektes sind monströs. Schon ein Jahr nach der Atomkatastrophe im März 2011 begannen Arbeiter mit Masken und in Schutzanzügen, überall dort strahlendes Material zu entfernen, wo sich Menschen aufhalten und bewegen - auf 840 Quadratkilometern in 52 Städten. Dabei kratzten die Arbeiter von allen Flächen, seien es Felder, Beete, Parks oder Spielplätze, die obersten fünf Zentimeter Erdboden ab. Auch spritzten sie Hausdächer, Straßen und Wege sauber und filterten das Dreckwasser. Bäume, Hecken und Sträucher wurden beschnitten, Laub und Unterholz eingesammelt. Dafür wurden 24 Milliarden Euro ausgegeben.

Japan Dekontaminierung in Fukushima

Takahiro Hasegawa, Vizedirektor des Zwischenlagers

Gesunkene Strahlung

Das Ergebnis dieser gigantischen Säuberungen ist schwer einzuschätzen. Laut dem Gouverneur der Präfektur Fukushima, Masao Uchibori, ist das Strahlungsniveau deutlich gesunken - in der Stadt Fukushima zum Beispiel von 2,7 Mikro-Sievert auf 0,1 Mikro-Sievert pro Stunde. "Dieser Wert ist nicht mehr höher als in anderen Städten weltweit", sagt Uchibori. Doch der Rückgang ist nicht allein auf die Dekontaminierung zurückzuführen. Auch Regen und Wind sowie der natürliche Zerfall der radioaktiven Teilchen haben dazu beigetragen.

Anders als beim Reaktorunfall in Tschernobyl vor 35 Jahren explodierte in Fukushima kein Reaktorkern voller Uran und Plutonium, sondern aus den Druckbehältern abgelassenes Wasserstoffgas mit strahlendem Iod und Caesium. Iod zerfällt schnell, Caesium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. 80 Prozent der ausgetretenen Menge trieben aufs Meer. Wegen dieser glücklichen Umstände lässt sich Fukushima wieder bewohnbar machen.

Video ansehen 03:17

Widerspenstiger Rinderbauer in Fukushima

Alle Evakuierungsbefehle für die Städte der Sperrzone sind bereits aufgehoben. Doch die Behörden stufen 337 Quadratkilometer noch als "Zonen, in die man schwer zurückkehren kann", ein. Es handelt sich um große Flächen in den direkten Nachbarstädten der Atomanlage und in einem Korridor Richtung Nordwesten. Diese Zonen dürfen Ex-Anwohner nur mit Genehmigung betreten und dort nicht übernachten. Wegen der Strahlung von über 50 Milli-Sievert pro Jahr wurde dort bisher auch nicht dekontaminiert.

Nach Untersuchungen von Greenpeace sind auch die meisten dekontaminierten Gebiete noch mit Caesium belastet. Die Rückkehrer würden daher auf Jahrzehnte einer Belastung über der Grenze von 1 Milli-Sievert pro Jahr ausgesetzt, sagt Greenpeace-Nuklearexperte Shaun Burnie.

Transport von Millionen Säcken

Die 14 Millionen blauen und schwarzen Plastiksäcke der Dekontaminierung mit jeweils einem Kubikmeter Bioabfall verschandelten lange an vielen Stellen die Landschaft. Oft blieben sie viel länger liegen als die versprochenen maximal drei Jahre. Inzwischen haben Lastwagen zehn Millionen Säcke zum Zwischenlager gebracht, die restlichen vier Millionen folgen bis Frühjahr 2022.

Japan Tomioka | Erdbeben | Radioaktiver Müll

Säcke über Säcke mit kontaminiertem Bioabfall 2011 - mittlerweile wurden gut zwei Drittel entsorgt

Dort heben Kräne in einer Fabrik die Säcke auf ein Förderband und zerreißen sie mit einem scharfen Greifer. In großen Metalltrommeln wird ihr Inhalt zerkleinert, gesiebt und sortiert. Die Erde wird in Gruben bis zu 15 Meter hoch aufgeschüttet. Andere Abfälle werden vor Ort verbrannt, die Asche kommt auf eine separate Deponie.

Für dieses Zwischenlager kauft der japanische Staat gerade die 2.400 Privatgrundstücke, die rings um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi liegen. Die Gesamtfläche von 16 Hektar entspricht 2.200 Fußballfeldern und ist fünf Mal so groß wie die Atomanlage mit ihren sechs Reaktoren. Umweltminister Shinjiro Koizumi spricht von einer "schweren" Entscheidung, die die privaten Eigentümer der Grundstücke treffen müssten. 75 Prozent trennten sich inzwischen von ihrem Grund und Boden, ein kleiner Teil verpachtete sein Land nur an den Staat. Denn die Regierung in Tokio hat den Bewohnern der Präfektur Fukushima versprochen, dass das Zwischenlager nur bis 2045 existieren wird.

Fukushima Okuma

Sperrzone unweit vom AKW Fukushima

Wiederverwertung bis 2045

Die verbleibenden 24 Jahre will das Umweltministerium nutzen, um die Materialmenge so weit wie möglich zu verringern. "Wir planen, Erde mit einer Radioaktivität von weniger als 8.000 Becquerel pro Kilogramm wiederzuverwerten", erläutert Zwischenlager-Vizechef Hasegawa. Für zwei konkrete Anwendungen laufen bereits Pilotversuche. Zum einen soll die kontaminierte Erde im Unterbau von Straßen und zum anderen in 50 Zentimeter Tiefe unter Gemüsefeldern vergraben werden.

Der Geochemiker Ian McKinley aus Zürich, der als Berater für den Umgang mit radioaktivem Abfall in Japan arbeitete, hält diese Verwendungen für sinnvoll. "Caesium haftet an anderen Stoffen und ist sehr unbeweglich", erläutert er. "Durch das Vergraben im Boden wird die Strahlung abgeschirmt." Aber die Strategie würde bedeuten, dass die radioaktiven Stoffe aus Fukushima im ganzen Land verteilt würden. Damit dürften viele Japaner außerhalb der betroffenen Region kaum einverstanden sein.

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