Eingebauter Verschleiß - ein Märchen? | Wirtschaft | DW | 15.02.2016
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Wirtschaft

Eingebauter Verschleiß - ein Märchen?

Eine im Auftrag des Umweltbundesamtes angefertigte Studie zeigt: Böswillig geplanter Verschleiß lässt sich nicht nachweisen. Allerdings bauen die Hersteller die Geräte auch nicht haltbarer als sie unbedingt müssen.

Die Elektrozahnbürste, die den Geist aufgibt, der DVD-Spieler, der schlagartig nicht mehr funktioniert, der Drucker, der behauptet, es seien keine Druckköpfe installiert - immer wieder gehen Elektrogeräte plötzlich kaputt, obwohl sie noch wie neu aussehen. Und Verbraucher fragen sich, ob die Hersteller nicht absichtlich die Lebensdauer des Geräts verkürzt haben, mit gezielt eingebauten Schwachstellen - Experten sprechen von geplanter Obsoleszenz.

In Deutschland gibt es immer wieder Debatten über die Frage, ob Firmen Produkte so anfertigen, dass sie früher den Geist aufgeben als eigentlich nötig. An möglichen Tricks mangelt es nicht, aufgeführt wurden sie unter anderem von den Grünen im Bundestag und von der Stiftung Warentest: Hitzeempfindliche Bauteile an Stellen, an denen es zu Wärmeentwicklung kommt; minderwertige Verarbeitung an empfindlichen Stellen eines Geräts; billige und wenig stabile Kunststoffzahnräder in Mixern.

Glaubt man jedoch einer Studie des Freiburger Ökoinstituts und der Universität Bonn, die das Umweltbundesamt in Auftrag gegeben hat, dann lässt sich diese von den Verbrauchern immer wieder gefühlte Obsoleszenz nicht nachweisen. Der erste Teil der Studie erschien bereits im vergangenen Jahr, jetzt gibt es eine Zusammenfassung mit den Erkenntnissen über das Konsumentenverhalten.

Lebensdauer genau geplant?

Die Forscher fanden keine stichhaltigen Beweise, dass Hersteller gezielt Schwachstellen in ihre Produkten einbauen. Konzerne planen laut dem Ergebnis der Untersuchung aber dennoch die Lebensdauer ihrer Geräte sehr wohl genau. Allerdings zäumen sie das Pferd von hinten auf: Laut der Studie schauen Firmen auf die durchschnittlichen Zeiten, die ein Konsument ein Gerät verwendet, bevor er es austauscht, und zwar im Grunde zunächst, weil es technisch veraltet ist und sich der Verbraucher ein moderneres Gerät wünscht.

Ein typisches Beispiel dafür sind Smartphones oder Laptops. Sie werden schneller ersetzt als die meisten anderen Geräte, und zwar nicht, weil sie defekt sind, sondern weil sie schnell technisch veralten. Es würde für die Unternehmen wenig Sinn ergeben, die Geräte so zu planen, dass sie 20 Jahre halten, wenn sie im Schnitt vielleicht nur fünf Jahre in Gebrauch sind. Wirtschaftlich sei das für die Unternehmen halt nicht.

Trotzdem findet Renate Künast das nicht in Ordnung. Die Grünen-Politikerin ist Vorsitzende des Ausschusses für Rechts- und Verbraucherschutz. "Es ist immer der gekniffen, der diesen Modewahn, immer das Neueste haben zu müssen, nicht mitmacht", so Künast am Montag im Deutschlandfunk. "Man setzt uns als Kunden doch faktisch unter Druck, dass nach x Jahren die Dinge kaputt gehen und man sich dann etwas Neues kaufen muss. Das ist weder ökologisch noch nachhaltig. Es ist weder sozial fair bei denen, die nicht so viel ausgeben können und es ist auch nicht in Ordnung."

Nutzungsdauer sinkt

2014 wurden in Deutschland mehr als 24 Millionen Smartphones, knapp sieben Millionen Tablets und acht Millionen Fernsehgeräte verkauft - Geräte, deren Herstellung mit hohen Umweltauswirkungen und Ressourcenverbrauch verbunden ist. Fatal dabei: "Verbraucher und Verbraucherinnen nutzen neu erworbene Produkte kürzer als früher". Damit sie nicht nach kurzer Zeit ausgetauscht werden - sei es aufgrund eines Defekts, wegen zu hoher Reparaturkosten oder dem Wunsch nach einem neuen Modell - empfehlen das Öko-Institut und die Universität Bonn Strategien, mit denen die Politik Anreize für eine längere Nutzung von Produkten setzen kann.

So halten die Forscher Mindestanforderungen an die Qualität und Haltbarkeit von Produkten sowie ihrer kritischen Bauteile und Komponenten für erforderlich. Damit diese Anforderungen in der Praxis auch geprüft und verglichen werden können, müsse zudem die Entwicklung von Messnormen und Standards für Bauteile und Geräte vorangetrieben werden.

Zudem sollten die Rahmenbedingungen für die Reparierbarkeit von Produkten verbessert werden, damit defekte Geräte häufiger repariert statt durch neue ersetzt werden. Dazu gehören etwa das längere Vorhalten und die Lieferbarkeit von Ersatzteilen und transparente Reparaturinformationen an unabhängige und nicht herstellergebundene Reparaturbetriebe. Die Empfehlungen zielen aber in erster Linie darauf ab, dass die Geräte möglichst fehlerfrei bleiben und der Reparaturbedarf erst gar nicht oder nur in seltensten Fällen entsteht.

Die Forscher empfehlen nicht zuletzt, die Informationspflichten für Hersteller zu erhöhen. Zum einen sollten sie beispielsweise Verschleißteile und Sollbruchstellen eindeutig deklarieren, zum anderen Verbraucher über die ökologischen Vorteile von langlebigen Produkten, Wartungsintervalle sowie Kosten für mögliche anfallende Reparaturen informieren.

Teuer und langlebig ist weniger umweltschädlich

Renate Künast

Renate Künast: Billiges Zeug kann ich mir nicht leisten

Eine optimale Lebensdauer insbesondere von elektronischen und elektrischen Produkten spielt mit Blick auf die Umwelt eine wichtige Rolle. Vor allem der steigende Anteil von Geräten, die in den frühen Phasen der Nutzung ausgetauscht werden, müsse künftig verhindert werden, schreiben die Forscher. Beispiel DVD-Player: Wenn sich der Transportschlitten für die silberne Scheibe nicht mehr bewegt, liegt das mit hoher Wahrscheinlichkeit an einem spröden und gerissenen Rückholgummi, dessen Austausch einige Cent kosten würde. Doch fast immer wird ein neuer DVD-Spieler gekauft - und der alte landet auf dem Elektroschrott.

"Strategien gegen Obsoleszenz sind vielfältig", sagt Siddharth Prakash, Leiter der Studie am Öko-Institut. "Zum einen müssen Verbraucher sich auf eine bestimmte Mindestlebensdauer verlassen können. Zum anderen sollten sie mehr Bereitschaft zeigen, hochwertigere und langlebigere Produkte zu erwerben und damit einen Beitrag zum Ressourcenschutz leisten." Dafür wirbt auch Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes: "Aktuelle Studien, zum Beispiel zu Notebooks oder Waschmaschinen, belegen sehr klar: In den allermeisten Fällen ist das langlebige Produkt auch das umweltfreundlichere Produkt." Und die Grünen-Politikerin Renate Künast ergänzt: "Ich kann es mir nicht leisten, billiges Zeug zu kaufen."