Eine PR-Kampagne für Weißrussland | Sport | DW | 21.06.2019
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Europaspiele 2019

Eine PR-Kampagne für Weißrussland

Bis 30. Juni wird Weißrussland Gastgeber der Europaspiele 2019 sein. Viele Einheimische freuen sich auf das größte Sportereignis in der Geschichte des Landes. Aber es gibt auch nachdrückliche Kritik.

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Europaspiele: Weißrussland wirbt um Ansehen

Ein kleiner Fuchs lächelt die Passanten in der Innenstadt von Minsk an. Der Fuchs heißt Lisjonok. Er ist das offizielle Maskottchen der Europaspiele 2019 in Weißrussland, wird aber als solcher kaum wahrgenommen. Gleiches Schicksal ereilte vor einem Jahr Lisjonoks älteren Bruder Sabivaka in Moskau, wenige Tage vor der Fußball-WM 2018 in Russland. Kaum einer war in Stimmung vor dem Turnier. Das änderte sich aber mit Beginn des Turniers. In Russland wurde die WM zu einem Sommermärchen und Sabivaka zu einem echten Star. Und in Weißrussland?

Europaspiele sind so etwas wie die Olympischen Spiele im Kleinen. Auf einen Kontinent beschränkt. Auf Europa. Schon die ersten Europaspiele 2015 sollten in Weißrussland stattfinden, doch das Land weigerte sich, das Sportfest auszutragen. Aserbaidschan am Kaspischen Meer sprang ein, wenngleich es geographisch gesehen nicht ganz Europa ist.

Als es dann vier Jahre später um die zweite Ausgabe ging, waren zuerst die Niederländer und die Russen im Gespräch. Die Niederländer wollten dann aber doch nicht, die Russen bekamen wegen des Dopingskandals keine Unterstützung des IOC. Also fiel die Wahl zum zweiten Mal auf Minsk.

Und so sollen ab dem 21. Juni 4000 Sportler aus 50 Ländern um 200 Medaillen kämpfen. Einer von ihnen ist Dmitrij Asanow, ein weißrussischer Boxer: "Für mich ist das ein sehr wichtiger Start. Bei den ersten Europaspielen habe ich Silber gewonnen und habe damit die Latte sehr hoch gehängt. Diese Europaspiele sind eines der Schlüsselereignisse meiner Karriere."

Lukaschenko ist langjähriger Herrscher

Weißrussland Boxer Dmitrij Asanow (Privat)

Boxer Dmitrij Asanow: "Europaspiele Schlüsselereignis meiner Karriere"

Der 23 Jahre alte weißrussische Meister und Bronze-Gewinner der WM 2015 trainiert in einem schicken Sportstudio in Minsk. Wie alle weißrussischen Athleten will auch er der Welt beweisen, dass es in seiner Heimat nicht nur Eishockey gibt, die Lieblingssportart des Präsidenten Alexander Lukaschenko.

Lukaschenko regiert Weißrussland seit 25 Jahren. Er galt lange Zeit im Westen als "der letzte Diktator Europas", der die Opposition unterdrücken und die Andersdenkenden verhaften lässt. Weißrussland war von 2014 an zwölf Jahre lang mit Sanktionen aus dem Westen belegt. Diese wurden dann 2016 gelockert. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts steht Minsk auch für einen Versuch, Frieden in umkämpften ostukrainischen Gebieten zu erreichen.

Lukaschenko tritt gern als Vermittler zwischen der Ukraine und den pro-russischen Separatisten im so genannten Minsker Friedensprozess auf. Damit mag er außenpolitisch punkten, innenpolitisch aber ändert sich im Land kaum etwas. Noch immer sind Oppositionelle hinter Gittern. Das schreckt manche von Weißrussland als Austragungsort des womöglich größten europäischen Sportwettbewerbs ab.

Kritik von der Opposition

"Diese Europaspiele sind eine reine Augenwischerei im alten sowjetischen Stil", kritisiert der weißrussische Oppositionspolitiker Pavel Sevyarynec im Gespräch mit der DW: "Bei Olympia 1980 in Moskau taten alle so, als wäre alles gut und als gäbe es in den sowjetischen Gefängnissen keine politischen Gefangenen. Das wiederholt sich jetzt hier auch. Neun Menschen sitzen wegen ihrer politischen Ansichten im Knast. Wie können wir uns da auf die Spiele überhaupt freuen?"

Weißrussland Oppositionspolitiker Pavel Sevjarynez (Privat)

Oppositionspolitiker Sevjarynez: "Augenwischerei im alten sowjetischen Stil"

Pavel Sevyarynec weiß, wovon er spricht. Und er weiß, was es heißt, für eine andere Politik in Weißrussland zu kämpfen. Zig Male habe er eingesessen, sagt er, insgesamt sechs Jahre lang. Resolut fordert der Politiker: "Lasst uns lieber 120 neue Stadien für Kinder bauen, ihren Trainern ordentliche Gehälter zahlen, damit die weißrussische Mannschaft später wirklich würdig auftreten kann. Stattdessen wird das Geld für teure Uniformen und Shows ausgegeben."

Investition in die Zukunft

Ganz anderer Meinung ist Alexey Bogdanowitsch, Kommunikationschef von "Minsk 2019". Er weist die finanziellen Einwände der Kritiker zurück und unterstreicht, dass in Weißrussland neben dem Neubau des nationalen Strand-Fußballstadions vor allem die bestehenden Sportobjekte saniert worden seien. Außerdem sollen 300 neue Busse in Betrieb gehen, neue Transport-Linien eingeführt werden.

Für Bogdanowitsch sind die Spiele sehr wichtig: "Wir wollen der Welt unser Land zeigen. Diese Europaspiele sollen der Anlass sein, Weißrussland zu besuchen. Das Ganze ist eine globale Werbekampagne für unseren Staat, vor allem im Westen."

Gleiches hört man auch von vielen Menschen in Minsk auf der Straße. Die Europaspiele seien eine Chance für Weißrussland, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Zwar würde der Staat viel Geld dafür ausgeben. Aber dieses Geld sei eine Investition in die Zukunft und würde sich schon deswegen rentieren, sagt ein älterer Mann am Platz der Unabhängigkeit.

"Eine Ehre für Weißrussland"

Neben dem einsam lächelnden Maskottchen Lisjonok werben hier menschengroße blaue Buchstaben für die kommenden Spiele. "Ich sehe das nur positiv”, gibt eine Frau auf der Bank neben den riesigen Buchstaben zu. "Alle kennen Russland, aber wer kennt schon Weißrussland? Meine Schwester lebt in Frankreich und sagt, niemand kennt unser Land dort." Und ein sportlicher junger Mann mit einem Kinderwagen ruft im Vorbegehen zu: "Für uns Weißrussen ist das seine Ehre."

Für den Boxer Dmitrij Asanow sind die Spiele eine Chance, den Zuschauern, den Veranstaltern und den Sponsoren zu zeigen, wie gut er ist: "Es wäre klasse, wenn unser Land eines Tages Olympische Spiele austragen könnte. Und wenn unsere Sportler, die Weltklasse zeigen, bei diesen Olympischen Spielen mindestens genauso gute Ergebnisse zeigen würden, wie bei kommenden Europaspielen." Zuerst aber müssen die Weißrussen beweisen, dass sie wirklich gute Gastgeber sind.

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