Eine deutsche Krankenschwester und die PKK | Welt | DW | 08.09.2013
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Welt

Eine deutsche Krankenschwester und die PKK

Sie hat die letzten 20 Jahre damit verbracht, Kämpfer der PKK und Zivilisten in den Kandil-Bergen im Nordirak zu behandeln: Im DW-Interview erzählt die Krankenschwester Media von ihrem Engagement für die Kurden.

Krankenschwester Media an ihrem Schreibtisch, im Hintergrund Kinderbilder. (Foto: Karlos Zurutuza, DW)

Deutsche Krankenschwestern unterstützen PKK

DW: Media ist ein häufiger Name bei kurdischen Frauen, aber nicht für jemanden aus Hamburg. Wie hießen Sie vorher?

Media: Das ist unwichtig, jenes Kapitel meines Lebens ist vorbei.

Wie und wann haben Sie sich entschlossen, Ihre Heimatstadt Hamburg zu verlassen und in diesen krisengeplagten Teil der Welt zu kommen?

Ich hatte bereits einige Kurden kennengelernt, in ihrem Kulturzentrum in Hamburg, aber ich wollte mehr über sie erfahren und ihre Situation mit eigenen Augen sehen. 1990 fuhr ich dann zum ersten Mal in die kurdische Region. Meine zweite Reise in diese Gegend war 1992. Ich erinnere mich an einen Panzer aus deutscher Herstellung, der ein kurdisches Dorf in der Gegend von Midyat, etwa 800 Kilometer südöstlich von Ankara, angriff. Da waren keine Kämpfer, nur ängstliche Zivilisten, verletzte Kinder und Frauen. Viele von ihnen versteckten sich in einer Kirche, bis türkische Soldaten diese in Beschlag genommen haben.

Nachdem ich das und viele andere Beispiele wahlloser Gewalt gesehen hatte, war für mich klar, dass ich als Mensch nicht einfach die Hände in den Schoß legen und zusehen konnte.

Also entschlossen Sie sich, zu bleiben?

Ja, aber zunächst bin ich noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt, um mehr über die PKK zu lernen (Anm. d. Red.: PKK ist die Arbeiterpartei Kurdistans, die in der Türkei und den USA als terroristische Vereinigung eingestuft wird). Ich habe festgestellt, dass Menschen mit Verbindungen zur PKK tiefgründig über Politik diskutierten. Sie waren stark und bereit, große Opfer zu bringen, um ihre Ziele zu erreichen.

Waren Sie in Deutschland auch schon politisch aktiv?

Nicht, bis ich die Kurden traf. Es gibt so viele sogenannte Revolutionsparteien in Deutschland, aber alles, was die machen, ist reden.

Sie sagen, Sie waren nicht mehr in Deutschland, seit Sie 1993 in die Kandil-Berge gekommen sind. Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Ankunft hier?

Media mit einer kurdischen Frau. (Foto: Karlos Zurutuza, DW)

Media ist bei ihrer Arbeit auf freiwillige Helfer angewiesen

1993 war das Jahr des ersten Waffenstillstands zwischen Ankara und der PKK, aber davon hat man hier in den Kandil-Bergen nichts gemerkt. Das Bombardement war so heftig wie eh und je. Ich hatte es schwer mit der riesigen Anzahl von verwundeten Kämpfern, die in das kleine Krankenhaus kamen, das wir damals hatten.

Wie haben Sie es geschafft, dieses Krankenhaus aufzubauen? Woher kommen die finanziellen Mittel?

Das Krankenhaus, das wir vorher in dem Dorf Lewzha hatten, wurde vor vier Jahren von einem türkischen Flugzeug zerbombt. Ich hatte Glück, ich habe an dem Tag in einem anderen Dorf Leute ausgebildet. Nach dem Vorfall zog ich von Dorf zu Dorf, je nachdem, wo die Bewohner Hilfe gebraucht haben, bis wir 2012 dieses Gebäude fertigstellen konnten.

Die Mittel kommen aus privaten Quellen, entweder aus Kurdistan oder von der kurdischen Diaspora, aber wir haben keinerlei institutionelle Hilfe. Allerdings hat die Regierung der Autonomen Region Kurdistan kürzlich Medikamente gespendet. An einem normalen Tag haben wir im Schnitt 30 Patienten.

Sowohl Kämpfer als auch Zivilisten?

Ja, die Menschen reisen sogar aus Sulaimaniyya an, das liegt 260 Kilometer nordöstlich von Bagdad. Die meisten beschweren sich über ein korruptes Gesundheitssystem, das sie sich nicht leisten können. Ich habe dramatische Fälle erlebt: Ein Mann, der durch eine unnötige Operation seine Niere verloren hat, ein Mädchen, das wegen einer nicht-sterilen Spritze monatelang unter einer Infektion litt.

Korruption gibt es überall in der irakischen Region Kurdistan, und häufig will sich das medizinische Personal nur auf Kosten der Kranken bereichern. Heute gibt es ein anderes Krankenhaus in Lewzha, das von der kurdischen Regierung betrieben wird, aber es ist ungenügend ausgestattet und funktioniert nicht so, wie es sollte.

Zurück zur Politik. Sind Sie zuversichtlich, was den laufenden Friedensprozess zwischen Ankara und der PKK angeht?

Kurdische Kämpfer ziehen sich von türkischem Boden zurück und kommen hierher, so wie es im März beschlossen wurde, aber es gibt immer noch keine Bewegung auf türkischer Seite. Außerdem möchte ich sagen, dass die Menschen im Nahen Osten jahrtausendelang friedlich zusammengelebt haben, aber das ändert sich leider, wenn man religiöse oder ethnische Linien zwischen ihnen zieht. Die Kurden kämpfen heute für ihre grundlegenden Rechte, aber sie haben immer betont, dass sie bereit sind, friedlich mit Türken, Arabern, Persern und den anderen Völkern aus der Region zusammenzuleben.

Sie haben 20 Jahre eines Krieges mitbekommen, der seit über 30 Jahren andauert. Viele bezeichnen ihn als einen "eingefrorenen" Konflikt ohne sichtbare Veränderungen. Stimmen Sie dem zu?

Tatsächlich hat es eine große Veränderung bei den Kurden gegeben. Heute haben sie nicht nur keine Angst mehr zu sagen, dass sie Kurden sind - sie sind sogar stolz darauf. Diese fundamentale Veränderung hat dazu geführt, dass sie darum kämpfen, in ihrer eigenen Sprache unterrichtet zu werden und dass sie ihre Kultur schützen wollen. Vor einigen Jahren haben sich die meisten aus allem herausgehalten, aber heute wissen sie, dass sie für ihre Freiheit kämpfen müssen.

Wie lange werden Sie hier bleiben?

Ich werde so lange bleiben, wie sie mich brauchen. Die Menschen in Europa kehren den Kurden und den Menschen im Nahen Osten insgesamt den Rücken. Allerdings wächst die Anzahl der Europäer, die sich für die Kurden engagieren, von Tag zu Tag. Erst letzten Monat sind hier drei neue Freiwillige aus Deutschland angekommen.

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