Eindeutig uneindeutig: Wie festgelegt ist unser Geschlecht? | Wissen & Umwelt | DW | 13.07.2019
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Geschlechtsidentitäten

Eindeutig uneindeutig: Wie festgelegt ist unser Geschlecht?

Männlich oder weiblich – über 500 Fischarten können das sogar im Erwachsenenalter ändern. Auch für den Menschen gilt: Das Geschlecht ist doch nicht immer so eindeutig festgelegt, wie wir denken.

In den Korallenriffen der Karibik schwimmen Schwärme gelber Blaukopf-Junker-Weibchen. Den Namen hat die Fischart vom blauen Kopf des einzigen Männchens im Schwarm. Stirbt das Männchen, verwandelt sich das größte Weibchen in ein neues Männchen. In zehn Minuten ändert es sein Verhalten, in zehn Tagen sein ganzes Geschlecht. Ohne dass sich irgendetwas an den Genen ändert, bekommt es einen blauen Kopf und seine Eierstöcke werden zu Hoden.

Ein Forscherteam aus Australien, Neuseeland und den USA fand nun heraus, dass in diesen Situationen ein chemisches Signal ausgeschüttet wird, das bestimmte Gene im Fisch aktiviert und andere deaktiviert. Rund 500 Fischarten können ihr Geschlecht im Erwachsenenalter ändern. 

Auch einige Reptilien können als Embryo im Ei ihr Geschlecht ändern. Bei einer gewissen Temperatur schlüpfen Weibchen, bei einer anderen Männchen. Die Temperaturänderung aktiviert oder deaktiviert bestimmte Gene.

Bei Säugetieren wurde noch kein natürlicher Geschlechterwandel nachgewiesen. Doch Studien mit Mäusen zeigen: Wenn Forscher bestimmte Gene der Tiere aktivieren, können sich Hodenzellen in Eierstockzellen verwandeln.

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Geboren im falschen Körper

Geschlechter festlegen ist komplizierter als gedacht

Auch beim Menschen sind das männliche und weibliche Geschlecht nicht immer klar abgegrenzt. Grundsätzlich gibt es zwar das männliche XY-Chromosomen- und das weibliche XX-Chromosomenpaar. Doch diese bestimmen nicht allein das Geschlecht.

Bedeutung haben neben den Chromosomen und den Genen auch Hormone und Rezeptoren, sowie die Hoden, Eierstöcke und auch die äußeren Genitalien, so Heinz-Jürgen Voß, Biologe und Sozialwissenschaftler der Hochschule Merseburg. Wissenschaftler gehen von etwa 1000 Genen aus, die einen Einfluss auf das Geschlecht haben können.

Diese vielen Parameter sind nicht immer nur weiblich oder männlich. Biologen sprechen von einem Spektrum, an dessen Enden nur männliche oder nur weibliche Charakteristiken stehen. Es gibt Menschen, die XY-Chromosomen besitzen und trotzdem weibliche Geschlechtsmerkmale haben. Das kann zu Abweichungen führen, die oft gar nicht bemerkt werden.

Chirurgen im indischen Kashmir berichten zum Beispiel im "Journal of surgery case studies" von der Operation eines Leistenbruches, bei der sie bei einem 70-Jährigen sowohl eine Gebärmutter als auch Eileiter fanden. Der Vater von vier Kindern hatte bis dahin nichts davon gewusst. Es gibt auch Personen mit XX-Chromosomen, die äußere männliche Geschlechtsteile und Hoden besitzen.

Jedoch gibt es selten Menschen, die Hoden und Eierstöcke, eine Gebärmutter und eine Prostata sowie einen Penis und eine Vagina haben.

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Die Erfindung der Geschlechter

Nicht männlich, nicht weiblich – was dann?

Menschen, bei denen das Geschlecht nicht in allen Parametern eindeutig ist, werden als intersexuell beschrieben. Experten gehen von 0.05 bis 1.7 Prozent der Bevölkerung aus, je nach Definition und Schätzung. Wenn eine Person intersexuell ist, heißt das jedoch nicht automatisch, dass sie sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt. Intersexuell bedeutet auch nicht das Gleiche wie transsexuell. Transsexuelle haben ein eindeutiges biologisches Geschlecht, aber fühlen sich so, als seien sie nicht im "richtigen" Körper.

Rund 1900 Operationen plus langjährige Hormonbehandlungen werden in Deutschland jährlich an unter zehnjährigen intersexuellen Kindern durchgeführt, um ihnen ein eindeutiges Geschlecht zuzuweisen. Die Anzahl ist seit 2005 nicht gesunken, sagt die Soziologin Ulrike Klöppel. Die genaue Zahl der operierten Kinder ist nicht bekannt. "Doch viele Menschen hadern im späteren Leben mit dem zugeteilten Geschlecht und können sich weiterhin nicht in eine von zwei Kategorien einfügen", sagt Voß.

Das Geschlecht ist also nicht immer eindeutig männlich oder weiblich. In Deutschland kann man seit dem 1. Januar 2019 das Geschlecht "Divers" eintragen lassen. Zuvor war es seit 2013 lediglich erlaubt, bei einem Neugeborenen die Geschlechtsbezeichnung offen zu lassen. 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass diese Situation gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot verstößt.

Heinz-Jürgen Voß wünscht sich, dass wie in Argentinien, Malta und Pakistan, Menschen ihr Geschlecht selbst angeben können, ohne eine vorherige medizinische Untersuchung.Wenn so viele verschiedene Faktoren das Geschlecht beeinflussen, sei oft die eigene gefühlte Geschlechtsidentität der stärkste Parameter, sagt Voß: "Man sollte einfach jeden Menschen selbst fragen."

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