Ein Licht im Todesschatten | Spurensuche | DW | 20.08.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Spurensuche

Ein Licht im Todesschatten

Religion im Konzentrationslager? Das war verboten und scheint unmöglich. Aber trotzdem wurde auch hier der Glaube gelebt.

Heimliche Gotteddienste

"Ich habe jeden Sonntag aus Bibel und Gesangbuch Gottesdienst gehalten. Freilich nur einer kleinen Gruppe von vierzehn Frauen. Das geschah in unserer Freistunde, wenn wir auf der Lagerstraße auf und ab gingen.“

Diese Erinnerung der evangelischen Theologin Katharina Staritz las Sabine Arend von der Gedenkstätte Ravensbrück Ende Juni den Teilnehmern einer Tagung zum Thema Religion in nationalsozialistischen Konzentrationslagern vor. Beim Gang über die Lagerstraße erfuhren sie,wie Katharina Staritz ihre Leidensgenossinnen in Ravensbrück geistlich stärkte.

„Dann mussten wir immer zu fünft in einer Reihe gehen“, schrieb sie später. „Aber es durfte nicht bekannt werden, was wir sprachen. Ich ging in der Mitte von drei Fünferreihen. Lang konnte dieser Gottesdienst nicht sein. Und ich nahm als Text stets ein Wort, das wie für unsere Lage geschrieben schien.“

 

Maria in der Zahnpastatube

Solche Aktivitäten waren streng untersagt. Auch religiöse Gegenstände durften nicht entdeckt werden. Selten wurden sie eingeschmuggelt. So gelang es Katharina Katzenmaier, ein Marienmedaillon in einer Zahnpastatube ins Lager zu bringen. Meist wurden solche Andachts- und Gebetshilfen von den inhaftierten Frauen hergestellt. Die Gedenkstätte Ravensbrück bewahrt einige Zeugnisse davon. „Wir haben zum Beispiel“, beschreibt Sabine Arend, „Gebetsketten aus gekautem Brot, die an einem Faden aufgefädelt wurden. Wir haben einen Rosenkranz aus im Landwirtschaftskommando gesammelten Beeren, einen aus Wolle, einen aus Textilien geknüpft und einen aus einem Seil, das benutzt wurde, um Tragegriffe von Munitionskisten herzustellen.“

Immer in Gefahr entdeckt zu werden, bastelten die Frauen neben Rosenkränzen Andachtsbilder und Kruzifixe. Ebenso vorsichtig trafen sie sich in kleinen Gruppen zum Sakramentsempfang, zum Beten und zum religiösen Gespräch. Äußerste Vorsicht galt bei Taufen. Einen Priester gab es im Konzentrationslager Ravensbrück nicht. So machten die katholischen Frauen vom Recht der Nottaufe Gebrauch. Auch die Zeuginnen Jehovas tauften heimlich. Für die bei ihnen übliche Ganzkörpertaufe nutzten sie ein Wasserfass in der Wäscherei des Lagers.

Widerstand aus religiöser Uberzeugung

Ihre religiöse Überzeugung gebot ihnen offenen Widerstand. Falk Bersch, der ihr Schicksal erforscht hat, erzählt vom 19. Dezember 1939: 50 Zeuginnen Jehovas wurden in der Nähstube aufgefordert, für die Soldaten an der Front als Liebesgabe zu Weihnachten Beutel zu nähen. Das waren offenbar Patronentäschchen. Sie haben gesagt: Wir machen das nicht, weil wir den Krieg nicht unterstützen wollen. Daraufhin hat der Lagerkommandant sie antreten lassen hinter dem Zellenbau und die anderen Zeuginnen Jehovas dazu geholt. Und gesagt, wer sich weigere, die Beutel zu nähen, solle nach links treten. Und bis auf drei Frauen sind tatsächlich alle nach links getreten.“

Mehrfach noch versuchte der Lagerkommandant, die Zeuginnen zu brechen, forderte sie auf, die Socken von Soldaten zu stopfen oder die heidnische Sonnenwendfeier vorzubereiten. Ihre strikte Antikriegshaltung und ihr Gehorsam gegenüber Gott ließen sie ihre widerständige Haltung aufrechterhalten. Wenn auch nicht mehr ganz so stark wie im Dezember 1939.

Für die katholischen Frauen war vor allem Maria ein Halt im Elend des Lageralltags, wie Sabine Arend sagt, „weil Maria ihren Sohn verloren und um ihn getrauert hat. Das konnte eine Identifikation sein für Frauen im Lager, die selber ein Kind verloren hatten oder ihre Kinder zuhause zurücklassen mussten, um die sie sich Sorgen gemacht haben.“

Kirchenglocken aus der Ferne

Es sind nicht viele Quellen, die vom religiösen Leben in den Lagern zeugen. Manche verloren hier ihre Religion, andere fanden sie, einige bewahrten sie.

Katharina Katzenmaier erinnerte sich später an das Weihnachtsfest 1943. Zermürbt von der Arbeit in einem Sumpf bei klirrendem Frost, schleppte sie sich mit anderen Gefangenen am Abend fiebergeschüttelt in ihre Baracke: „Aus Fürstenberg über dem See drüben hörten wir noch leise die Kirchenglocken. Bei uns hatte keiner ein Streichholz, um eine Kerze anzuzünden. Aber wir hatten Zeit zur inneren Besinnung. Irgendwie in den Tagen um Weihnachten trafen wir uns mit wenigen Gesinnungsgenossen zu kurzem heimlichen Gespräch. Unter uns christlichen Häftlingen konnten einige die Liedtexte von der Geburt Christi auswendig. Kopf an Kopf zusammengesteckt, flüsterten wir uns leise den Text zu. Ein Licht leuchtete in der Finsternis hier im Todesschatten.“

Gunnar Lammert-Türk