Ein Endlager für Atommüll - in 31 Jahren! | Deutschland | DW | 24.04.2019
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Altlasten der Kernenergie in Deutschland

Ein Endlager für Atommüll - in 31 Jahren!

In Deutschland beginnen die Behörden jetzt damit, die Menschen über die Suche nach einem Endlager für Atommüll zu informieren. Das wird schwierig. Und es kann viele Jahre dauern.

Kaum ein Thema der Umweltpolitik löst in Deutschland so heftige Debatten aus wie die Suche nach einem Endlager für stark strahlenden Abfall aus den deutschen Atomkraftwerken - und das schon über viele Jahrzehnte, bisher ohne greifbares Ergebnis. Das soll jetzt alles anders werden, wenn an diesem Mittwoch in Kiel die erste bundesweite Informationsveranstaltung der Behörden über den Zeitplan für den Bau eines Endlagers stattfindet.

Hitzige Debatten - schon immer

Die Beteiligten stellen sich auf hitzige, kontroverse Gespräche über Jahre ein, wie die Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestages, Sylvia Kotting-Uhl von der Grünen, jetzt im Deutschlandfunk sagte:

Sylvia Kotting-Uhl (Stefan Kaminski)

Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl: Schritt 1, Phase 1

"Wir sind sozusagen bei Schritt eins von Phase eins in einem vergleichenden Suchprozess, der sich über etliche Jahre erstrecken wird."

Konsens: Müll unter die Erde

Bis 2031, immerhin noch 12 Jahre, wollen Politiker, Bürger, Umweltexperten und Behörden nach einem geeigneten Standort suchen. In ganz Deutschland, in Nord und Süd, in Ost und West. Weitgehend besteht Einigkeit, dass der stark strahlende Abfall aus den einstmals über 20 deutschen Kernkraftwerken tief in der Erde vergraben werden soll, in einem eigens dafür errichteten Bergwerk womöglich.

Dort soll der strahlende Abfall, vor allem die abgebrannten Brennelemente aus den Reaktoren, für eine Million Jahre fest eingeschlossen werden. Transparent und offen soll die Suche ablaufen, auch wenn allen klar ist: Konfliktfrei wird das nicht ablaufen, niemand möchte den Atommüll freiwillig in seiner Nähe haben. Das zeigt das Beispiel Gorleben.

Gorleben: Das schlechte Beispiel

Denn dort, im östlichen Niedersachsen, direkt an der früheren Grenze zur DDR, hatte die westdeutsche Bundesregierung in den 1970er Jahren schon einmal einen Standort gefunden - ohne die Öffentlichkeit groß darüber zu informieren. Der Salzstock in Gorleben schien geeignet für das Endlager. Die Region ist dünn besiedelt, das neue Bergwerk, eigens errichtet, um die Eignung des Salzstocks zu erkunden, versprach Arbeitsplätze.

Deutschland Protest gegen Castor-Transporte nach Gorleben (picture-alliance/AP Photo/K.-U. Knoth)

Immer wieder heftige Proteste in Gorleben, wie hier im Jahr 2005

Aber die Politik hatte sich verschätzt. Gorleben machte die Kernenergie-Gegner in Deutschland erst richtig stark. Die 600-Seelen-Gemeinde wurde zum Ort unzähliger Proteste. Schließlich, nach der Atomkatastrophe von Fukushima in Japan 2011 und dem Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland, wurde Gorleben als einzig möglicher Standort aufgegeben. Da waren dort schon rund 1,6 Milliarden Euro ausgegeben.

Bayern sagt schon mal: Nicht bei uns!

Gorleben gilt heute in der Politik als Beispiel dafür, wie man es nicht machen darf. Von oben herab, ohne Transparenz. Jetzt wollen die Behörden an Dutzenden Standorten herausfinden, welches Gestein am besten für ein Endlager geeignet sein könnte: Salzstöcke wie im Norden, Ton ebenfalls im Norden und in der Mitte des Landes, Granit wie vor allem im Süden und Südosten?

Schon jetzt geht das Gerangel los. Die neue Landesregierung in Bayern aus CSU und Freien Wählern, seit letztem Jahr im Amt, hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben: "Wir denken beim Schutz unserer Heimat über Generationen hinaus. Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist." Dazu sagte der Grünen-Parteichef Robert Habeck am Mittwoch: "So geht es nicht in der Politik. Man muss halt der bayerischen Landesregierung mal klar machen, dass das jetzt eine nationale Angelegenheit ist."

Die Wissenschaft erkundet, die Politik entscheidet

Fest steht: Am Ende soll sich die Politik, genauer der Bundestag, in großer Öffentlichkeit auf einen Standort einigen, den zuvor die Wissenschaftler und Experten ermitteln, nicht die Politiker. Im Jahr 2050 etwa, in sage und schreibe 31 Jahren, soll der Müll aus ganz Deutschland dann dort hingebracht werden.

Die Politik verspricht, das dann gegen jeden Protest durchzusetzen. Bis dahin bleibt der Müll dort, wo er zumeist schon lange Jahre liegt: über der Erde, in Zwischenlagern an den Standorten der noch aktiven oder stillgelegten Kernkraftwerke.

Finnisches Atom-Endlager Onkalo (picture-alliance/dpa/J. Partanen)

Olkiluoto in Finnland: Hier wird ein Endlager gebaut, das erste weltweit

Weltweit noch kein Endlager in Betrieb

Das klingt kompliziert und langwierig - und das ist es auch. Aber Deutschland befindet sich in guter Gesellschaft: 31 Länder betreiben weltweit rund 440 Reaktoren, aber in keinem dieser Länder gibt es bereits ein fertiges Endlager. In Finnland wird zumindest eines gebaut, am Standort eines der finnischen Atomkraftwerke in Olkiluoto.

Frankreich hat einen Standort definiert, im ost-französischen Bure. Die Schweiz bohrt an zwei möglichen Standorten in den nächsten Monaten in die Tiefe, um das Gestein zu erkunden. Aber in den meisten Ländern mit Kernenergienutzung hat die Suche nach einem Endlager noch nicht einmal begonnen.

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