″Ehrenmorde könnten noch häufiger begangen werden″ | Deutschland | DW | 30.11.2018
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Kriminalität

"Ehrenmorde könnten noch häufiger begangen werden"

Das Ravensburger Landgericht verurteilte einen Syrer und einen Libanesen wegen eines versuchten "Ehrenmordes" zu mehreren Jahren Haft. Die DW sprach mit dem Psychologen Jan I. Kizilhan über Hintergründe des Phänomens.

Deutschland Ravensburg | Strafverfahren wegen Ehrenmordversuches (picture-alliance/dpa/F. Kästle)

"Ehrenmord"-Prozess in Ravensburg. einer der Angeklagten, im September 2018

DW: Herr Kizilhan, die nun verurteilten Täter des Ravensburger Ehrenmordprozesses stammen aus Syrien und dem Libanon, also zwei mediterranen und zugleich muslimischen Ländern. Spielt die Herkunft aus diesem Raum bei den sogenannten Ehrenmorden eine Rolle?

Jan Ilhan Kizilhan: Es ist weltweit statistisch nachgewiesen, dass die sogenannten Ehrenmörder heute vornehmlich aus den arabisch-islamischen Ländern kommen. Das hat aber auch damit zu tun, dass es sich um traditionelle Gesellschaften mit patriarchalischen Strukturen handelt. Das findet man noch in Griechenland, Italien und anderen südeuropäischen Ländern. Dort existiert eine Männergesellschaft, die davon ausgeht, dass Frauen ihr Besitz sind. Sollten Frauen - aus Sicht der Männer - sich moralischer Verfehlungen schuldig machen, dann sind sie zu bestrafen. Das ist die Grundidee einer sogenannten Ehrverletzung.

Wie steht es heute in diesen Ländern um solche Werte? Sie werden ja auch von Frauenrechtlerinnen massiv in Frage gestellt.

In den letzten zehn Jahren gab es etwa auch in der Türkei immer wieder Frauenorganisationen, die dagegen auf die Straße gegangen sind. Sie erklären, dies seien traditionelle Werte, die nichts mit dem Islam zu tun haben, sondern vielmehr einer patriarchalen Vorstellungen entstammen. Für die Frauenrechtlerinnen ist diese Form von Ehre nicht akzeptabel, da sie eine Diskriminierung der Frauen bedeutet. Dennoch erleben wir, dass diese Strukturen in Ländern wie Iran, der Türkei, Irak, Syrien oder Saudi-Arabien seit Jahrhunderten so sehr verfestigt sind, dass die Frauen noch vor einem sehr großen und langen Kampf stehen - und wir natürlich auch, an ihrer Seite.

Zugleich sind die genannten Länder Teil einer globalen Moderne. Hat diese Moderne eine Wirkung?

Wenn wir auf Deutschland schauen: Ich habe in den letzten zehn Jahren 42 Gutachten zu sogenannten Ehrenmorden geschrieben. Vornehmlich beobachte ich, dass die Täter nicht nur der ersten Generation entstammen, die vielleicht in ihren Herkunftsländern sozialisiert wurden, sondern auch der zweiten und dritten Generation. Sie übernehmen diese Werte und Normen unkritisch, ohne zu wissen, was sie hier bedeuten. Darum müssen wir sowohl in den Herkunftsländern, aber auch in Europa viel stärker in die Öffentlichkeit gehen und dem Phänomen der Ehrenmorde präventiv begegnen.

Traumazentrum im Irak (picture-alliance/dpa/A. Martins)

"Die Frau wird als Besitz verstanden" - Psychologe Jan Ilhan Kizilhan

Eine relativ einschneidende Erfahrung wie der Wechsel des Lebensmittelpunkts von einem Land in ein anderes hat demnach wenig Einfluss auf die traditionelle Kultur der Ehre?

Das hängt von den einzelnen Personen ab. Wenn Menschen nach Europa kommen, welche die westliche Vorstellung von der Gleichberechtigung von Mann und Frau begrüßen, wird die Zahl der Ehrenmorde sicherlich fallen. In Extremfällen sehen wir aber auch viele moderne junge Migrantinnen und Migranten mit einem islamischen Hintergrund - Personen, die aus patriarchalischen Gesellschaften stammen. Sind sie überzeugt, ihre Ehre sei verletzt worden, aktiviert sich ein so genanntes Handlungsprogramm. Diesem gegenüber sind die neu erlernten europäischen oder westlichen Wertesysteme noch nicht so stark verinnerlicht, dass sie diese einhegen könnten. Dann geschehen solche Taten.

Kann es auch umgekehrt sein? Dass also die Übersiedlung nach Deutschland diese kulturellen Reflexe verstärkt?

Das ist vor allem bei der ersten und der zweiten Generation der Migranten der Fall. Hier beobachten wir einen sogenannten Diaspora-Konservatismus. Der geht einher mit der Angst, die alten Werte und Normen zu verlieren. Auf diese Art haben sich Subkulturen entwickelt, die mit der Situation in den Herkunftsländern nicht mehr viel zu tun haben. So hat etwa ein durchschnittlicher Migrant aus der Türkei, der vor 50 Jahren nach Deutschland kam, sowohl einen Teil der westlichen deutschen Normen übernommen als auch einen Teil der alten traditionellen Werte beibehalten. Es kommt zu einer Vermischung, mit der man nicht wirklich mehr etwas anfangen kann, denn auch die Werten und Normen der heutigen Türkei haben sich ja verändert. So leben diese Migranten in einer Subkultur, gewissermaßen in einer "Dritten Welt". Das macht die Auseinandersetzung mit den hiesigen Werten sehr schwierig.

Sie haben erklärt, Sie rechneten in der Zukunft mit vermehrten Ehrenmorden.

Die Soziologie kennt Veränderungsprozesse im Verhältnis zweier unterschiedlicher Generationen. Die Migranten der ersten und zweiten Generation beginnen derzeit an Macht zu verlieren. Die erste Generation kommt ins Rentenalter, und die zweite beginnt ihre Macht innerhalb der Community auszubauen. In dieser Situation versuchen die traditionell orientierten Personen die alten Werte wieder auf die Tagesordnung zu setzen - denn so hoffen sie ihre Macht erhalten zu können. Daher meine Prognose - und sie wird durch die vorliegenden Zahlen bestätigt -, dass wir mit mehr Konflikten rechnen müssen. Entsprechend könnten auch sogenannten Ehrenmorde häufiger begangen werden.

Was kann man tun, um das Phänomen Ehrenmord einzudämmen?

Wir müssen viel stärker präventiv - beginnend im Kindergarten und in der Schule - mit Menschen mit Migrationshintergrund vor allem aus den islamischen Ländern diskutieren. Gleichzeitig müssen wir aber auch mit den Eltern und Großeltern in einen Diskurs gehen. Sie müssen erkennen, dass solche Verhaltensweisen nicht richtig sind. Wir erleben häufig, dass die erste Generation auch in traditionellen Gesellschaften mit sogenannten Ehrverletzungen relativ friedlich umgegangen ist. Doch das Wissen, wie man solche Konflikte löst, ist bei den Kindern und Jugendlichen wenig oder kaum vorhanden. Geboten sind darum Kampagnen, einschließlich der Einbindung von Migrationsvereinen. Diese müssen ganz klar Stellung beziehen und erklären, dass solche Handlungen nichts mit Ehre zu tun haben. Sondern dass es sich um Gewalt handelt - und jegliche Form von Gewalt ist zu bestrafen.

 

Das Interview führte Kersten Knipp.

Jan Ilhan Kizilhan ist ein Psychologe, Autor und Herausgeber. Er ist spezialisiert auf transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie und Professor an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen. 2016 veröffentlichte Kizilhan das Buch "Die Psychologie des IS. Die Logik der Massenmörder".

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