So denken die Mächtigen über Angela Merkel | Kultur | DW | 17.09.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

DW-Dokumentation

So denken die Mächtigen über Angela Merkel

Als Kanzlerin musste Angela Merkel viele Krisen bestehen. Mit Erfolg? Eine DW-Dokumentation hat Ex-Staatschefs und Experten befragt - mit exklusiven Einblicken.

Video ansehen 03:03

DW-Doku: Rückblick auf die Ära Merkel

"Frau Merkel wird als große europäische Staatsfrau in Erinnerung bleiben", ist sich Francois Hollande sicher. "Sie hat die Europäische Union erhalten - trotz der zahlreichen Krisen, die wir erlebt haben", so der ehemalige Staatspräsident Frankreichs in der DW-Dokumentation "Angela Merkel - Kanzlerin in Krisenzeiten". Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair pflichtet bei: "Es ist immer noch eine bemerkenswerte Leistung, den ganzen Laden zusammengehalten zu haben, und das in der vermutlich schwierigsten Phase, die Europa durchgemacht hat." Großbritannien hat sich dennoch während ihrer Amtszeit aus der EU verabschiedet - selbst wenn Merkel den Brexit gerne vermieden hätte und den Austritt der Briten durch Zugeständnisse an Blairs Nachfolger David Cameron zu verhindern suchte.

"Den ganzen Laden zusammengehalten"

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair, 2021

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair (2021)

Eine politische Bilanz von 16 Jahren Angela Merkel zu ziehen, ist keine leichte Aufgabe. Die DW-Doku hat deshalb mit denen gesprochen, mit denen die Kanzlerin in den vergangenen 16 Jahren die internationale politische Bühne geteilt hat. Zahlreiche ehemalige Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, aber auch internationale Historiker und Journalisten, haben in langen Interviews exklusive Einblicke in die Ära Merkel gegeben. Die 87-minütige Dokumentation versammelt sie erstmals. Was auffällt: Trotz politischer Meinungsverschiedenheiten zollen die Befragten der Person und der Leistung Merkels allesamt Respekt. 

In den vergangenen 16 Jahren war die Bundeskanzlerin - genauso wie andere Staats- und Regierungschefs auch - mit einer Reihe internationaler Krisen konfrontiert: die globale Finanzkrise ab 2007, die folgende Euro- und Griechenlandkrise, die Umbrüche in der arabischen Welt, die blutigen Konflikte in Libyen und Syrien, die Ukrainekrise, die Flüchtlingskrise, der um sich greifende Populismus, die Konflikte mit der US-Regierung unter Donald Trump, zuletzt die Coronakrise und der missglückte Abzug aus Afghanistan.

Angela Merkel beim G8-Gipfel in St. Petersburg im Juli 2006 Von links nach rechts: Romano Prodi, Angela Merkel, George W. Bush, Tony Blair, Jacques Chirac, Wladimir Putin

G8-Gipfel in St. Petersburg (2006): Romano Prodi, Angela Merkel, George W. Bush, Tony Blair, Jacques Chirac, Wladimir Putin (v.l.n.r.)

Kaum jemand hat diese Verwerfungen vorhergesehen. Und auch Angela Merkel war ein ums andere Mal gezwungen, mehr zu reagieren als zu agieren. Das tat sie recht gut, findet Tony Blair. "Sie ist eine, die Probleme löst, sie managt schwierige Situationen. Durch diese Fähigkeit hat sie sich so lange im Amt gehalten."

Erfolgreiche Krisenmanagerin oder Staatsfrau ohne Vision?

Der britische Historiker Niall Ferguson schränkt im Film ein: "Niemand kann Angela Merkels politische Kompetenz leugnen, ihre politischen Fähigkeiten und taktische Brillanz", sagt er. Doch er fügt hinzu: "Woran es ihr mangelte, war eine strategische Vision." 

Yanis Varoufakis in Deutschland

Yanis Varoufakis bei einem Vortrag in München (2019)

Eine Visionslosigkeit in Bezug auf die Europäische Union kritisiert an Merkel auch der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. Er hätte sich die deutsche Kanzlerin als "leidenschaftliche Europäerin" gewünscht, mit viel mehr Einsatz für eine Fortentwicklung der EU zu einer politischen Union. Dass sie den notwendigen Finanzhilfen für das hochverschuldete Griechenland zunächst abwartend gegenüberstand und dann von dem kleinen Land einen strikten Sparkurs verlangte, brachte Merkel international viel Kritik ein. Am Ende jedoch stimmte sie Milliardenhilfen, von denen der größte Teil aus Deutschland kam, zu.

Kooperation statt Konfrontation

Als sich 2013 das europäisch-russische Verhältnis in Folge der militärischen Konflikte in Syrien und der Ukraine drastisch verschlechterte, war sie es, die den Gesprächsfaden mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht abreißen ließ. Im Falle der Ukraine wurde dieses Bemühen Anfang 2015 zumindest mit einem brüchigen Waffenstillstandsabkommen zwischen Russland und der Ukraine belohnt.

Angela Merkel am 05.04.2014 beim CDU-Parteitag in Berlin

Angela Merkel beim CDU-Parteitag in Berlin (2014)

Der ehemalige russische Staatspräsident und spätere Ministerpräsident Dimitri Medwedew lobt sie als Verhandlungsführerin. "Sie kann richtig zuhören und sie kann sich zurückhalten. Das ist für Politiker ein wichtiger Charakterzug." 

Der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew am 24.06.2010

Der damalige russische Präsident Medwedew (2010)

Umstrittene Entscheidungen

Und doch polarisierte Angela Merkel. Als sie im Spätsommer 2015 entschied, die Grenzen für Geflüchtete aus Syrien und anderen Ländern nicht zu schließen, schlug ihr in Deutschland teilweise viel Ablehnung entgegen. Selbst in ihrer eigenen Partei. International dagegen erntete sie fast überall Bewunderung. "Ich weiß, dass diese Entscheidung für Bundeskanzlerin Merkel nicht leicht war", meint die jordanische Königin Rania. "Es gehörte viel Mut dazu, sie zu treffen." Und der ehemalige US-Präsident George W. Bush pflichtet bei: "Meine erste Reaktion war: Das ist eine Frau mit großem Herzen."

Königin Rania von Jordanien

Königin Rania von Jordanien (2021)

In einem Bereich jedoch wurde Merkel ihren eigenen Ansprüchen aber scheinbar nicht gerecht: "Ich bin ausreichend mit wissenschaftlichem Verstand ausgerüstet, um zu sehen, dass die objektiven Gegebenheiten zeigen, dass man in dem Tempo nicht weitermachen kann", bilanzierte sie im Juli 2021 ihre politische Klimabilanz. 

Merkel als "Gesamtkunstwerk"

Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker urteilt dennoch beinahe überschwänglich über die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. "Ich schätze sie als Gesamtkunstwerk. Denn sie setzt sich aus vielen Teilen zusammen." In 16 Jahren habe sie "Vieles richtig gemacht und nichts Wesentliches falsch".

Eine Meinung, über die man streiten kann. Aber das ist bei Kunstwerken ja häufig der Fall.

Die Dokumentation hatte am 17. September um 18:00 Live-Premiere auf YouTube bei DW Doku sowie auf den Channels von DW Documentary auf Englisch,Arabisch, Spanisch und Hindi. Seit dem 18. September ist der Film auf den TV-Kanälen der DW und als On-Demand-Angebot zu sehen. Ebenfalls seit dem 18. September steht der Film zudem in der ARD-Mediathek bereit.

Belgien Brüssel - Angela Merkel und Jean-Claude Juncker

Angela Merkel und Jean-Claude Juncker in Brüssel (2018)

Audio und Video zum Thema