Dutschke als Vorbild für heute? | Deutschland | DW | 10.04.2018
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68er-Bewegung

Dutschke als Vorbild für heute?

Vor 50 Jahren wurde der linke Studentenführer Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt. Dutschke war eine Legende der 68er-Generation. Doch was halten junge Leute heute von ihm und seiner Botschaft?

"Was für ein gespaltenes, geschichtsloses, finanziell reiches, geistig immer ärmer werdendes Volk ist existent in diesem Staat." Ein hartes Urteil über das Deutschland der 60er Jahre - aus dem Mund eines Studenten. Bereits mit Mitte 20 ging Rudi Dutschke als Wortführer der 68er-Bewegung in die Geschichte ein. Unermüdlich wetterte er gegen staatliche Autorität, angebliche kapitalistische Ausbeutung, das System. Damit polarisierte er die Öffentlichkeit. Was ist aus dem politischen Idealismus von damals geworden? Ist Dutschke ein Vorbild auch für die Jugend von heute? 

Politik nur am Rande

Zum Glück nicht, sagt Bernhard Heinzlmaier. Der Mitbegründer und ehrenamtliche Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Hamburg sieht in Dutschke eine Schreckensfigur der 68er-Bewegung. "Diese Verbissenheit, dieser Eifer, das totale Erlösungsversprechen - kein Mensch möchte heute in dem System leben, das Rudi Dutschke vorschwebte." Ganz im Gegenteil: Für Heinzlmaier sind die großen Qualitäten der Jugend heute ihre Abgeklärtheit, ihr Individualismus und damit auch ihre Abkehr von Ideal und Systemkritik. Man versuche, gut zu studieren, einen guten Job zu bekommen und sich mit Politik nur am Rande zu beschäftigen. Und das sei auch gut so: "Wir sollten über jeden Tag froh sein, wo Politik nicht im Zentrum des Lebens der Menschen steht."

Das klingt nach der lang ersehnten Absolution für das politische Desinteresse, das der heutigen Jugend vorgeworfen wird. Unpolitisch? Ja, aber aus gutem Grund. Die Bedingungen, unter denen der Durschschnittsstudent von heute groß geworden ist, sind angenehm abgesichert. Mit ehemaligen Schreckgespenstern der 68er-Bewegung wie dem Kapitalismus ist er großgeworden - Globalisierung und Weltmarkt sind aus seinem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken.

Konform und trotzdem politisch

"Aber was wäre auch das Alternativsystem?", fragt Johanna Münzel. Die Politikstudentin und Sozialreferentin des Allgemeinen Studierendenausschusses an der Universität Bonn hält eine sture Antihaltung für zwecklos. Auf eine Demonstration gegen den Kapitalismus zum Beispiel würde sie nicht gehen. "Ich finde das zu abstrakt und negativ - weil es einfach das System ist, in dem wir leben." Auch wenn es nicht optimal sei: Statt es umzuwerfen, könne man auch über kleine Stellschrauben viel verändern. Der Name Rudi Dutschke sagt ihr nichts.

Scheint so, als hätten die Alt-68er Recht behalten und der Idealismus von damals weicht schonungslosem Pragmatismus. Das mag weniger sexy sein, aber ist es auch unpolitisch? Für Marie Rosenkranz, Co-Leiterin der Kampagne "Demokratie-braucht-dich" des Thinktanks Polis180, wird das Image "Politik nur am Rande", das Bernhard Heinzlmaier der jungen Generation zuschreibt, der Jugend nicht gerecht. "Unsere Generation ist extrem politisch", betont die 25-Jährige. Auch wenn sie sich von Idealismus und politischer Vision verabschiedet habe. Immer mehr junge Leute interessierten sich für Politik - das belege auch die Shell-Studie von 2015, nach der 41 Prozent der Befragten im Jahr 2015 im Vergleich zu 30 Prozent im Jahr 2002 angaben, politisch interessiert zu sein.

Marie Rosenkranz (Jan Schaeffer)

Marie Rosenkranz von der Kampagne "Demokratie-braucht-dich" bei einer Podiumsdiskussion 2017

Nicht immer ist dieses politische Interesse öffentlich sichtbar, erst recht nicht für ältere Generationen. Was vor 50 Jahren auf der Straße an Parolen geschrieen wurde, wird heute getwittert. Wer sich für die Umwelt einsetzen will, kann damit beginnen, vegane Schuhe zu tragen oder seinen eigenen Thermobecher mit ins Café zu nehmen. Auf diese "Underdogs der politischen Partizipation", wie Marie sie nennt, schauen viele herab. Dabei politisieren sie das öffentliche Leben.

"Mama, Papa - wo wart ihr beim Kampf ums Klima?"

Um manche Themen kommt man seitdem nur noch schwer herum. Umweltschutz zum Beispiel drängt sich langsam, aber sicher ins politische Bewusstsein. Ob beim Protest gegen das Freihandelsabkommen TTIP, beim Kampf für den Glyphosatausstieg oder während der Weltklimakonferenz in Bonn 2017 - die Stimme der jungen Generation wird lauter. Für Johanna ist es allerhöchste Zeit: "Unsere Kinder werden uns später fragen, was wir gegen die Klimaerwärmung getan haben", ist sie sich sicher. Aber auch ein zunehmender Nationalismus, Pegida oder die Zukunft Europas treiben sie und ihre Kommilitonen um.

Bildergalerie Klima Proteste Deutschland Berlin (Getty Images/C. Koall)

Engagement zeigt sich heute oft anders als zu Dutschkes Zeiten

Welches Thema die junge Generation letztlich besetzt, kann ihr nicht vorgeschrieben werden, findet Johanna. Das muss sie sich selbst suchen. Die Aufforderung "Seid doch mal idealistischer" sei da wenig hilfreich. Und vielleicht ist Idealismus eben auch gar nicht notwendig, um politisch etwas zu bewegen. So wichtig er auch für die 68er-Generation gewesen sein mag: Die Jugend von heute muss sich weder von einer durch den Zweiten Weltkrieg belasteten Elterngeneration befreien noch will sie gegen das System kämpfen. Gut möglich, dass sie deswegen auf eine schillernde Führungsfigur wie Rudi Dutschke sogar ganz verzichten kann.

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