Duda-Besuch in Berlin: Scharfe Kritik von rechts | Europa | DW | 26.10.2018
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Diskussionskultur

Duda-Besuch in Berlin: Scharfe Kritik von rechts

Eine Diskussionsrunde mit dem polnischen und dem deutschen Präsidenten in Berlin schlägt hohe Wellen in Polen. Regierungsnahe Medien sprechen von einem Skandal. Aus Berlin berichtet Wojciech Szymanski.

Ungewohnte Stimmung im eleganten Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein polnischer Kollege Andrzej Duda stellten sich am letzten Dienstag den Fragen zweier Moderatoren und des deutsch-polnischen Publikums. Während Steinmeier bei der gemeinsamen Pressekonferenz vor der Diskussionsrunde noch gesagt hatte: "Uns verbindet viel mehr als uns trennt" und darauf hingewiesen hatte, dass Deutschland und die EU "ein starkes, demokratisches, proeuropäisches Polen dringend brauchen", stießen Äußerungen des Gastes aus Polen auf hörbare Ablehnung im Saal. Seitdem sorgt die Gesprächsrunde in den polnischen Medien für Aufregung. Regierungsfreundliche Kommentatoren wollen eine Falle sehen, die für Duda aufgestellt wurde, kritisieren eine angebliche "Unverschämtheit der Gastgeber".

"Die Debatte verwandelte sich in eine öffentliche Bloßstellung des polnischen Staatsoberhauptes", schrieb die rechte Internetseite "Wpolityce.pl", die die Veranstaltung als skandalös beschrieb. Die Redaktion behauptet, Duda wurde aus Rache angegriffen, weil er sich vorher klar gegen den Bau der Ostseepipeline Nord Stream 2 ausgesprochen hatte. Der konservative Thinktank "Klub Jagielloński" stellte die Frage "Was zum Teufel wollt ihr Deutschen eigentlich?" und beschuldigte die Gastgeber, ein "Affentheater" veranstaltet zu haben. Der Beitrag wurde auf Twitter hunderte Mal geteilt. 

Staatsbesuch polnischer Präsident Duda Deutschland (Reuters/F. Bensch)

Vor der Diskussionsveranstaltung: Das rituelle Abschreiten der Ehrenformation vor Schloss Bellevue

Anlass der Diskussionsrunde war das 19. Deutsch-Polnische Forum. Seit mehr als 40 Jahren findet es als Debattenplattform zwischen deutschen und polnischen Experten, Politikern und Vertretern aus beiden Gesellschaften statt. Das Forum wird von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit organisiert, die von Polen und Deutschen gemeinsam geleitet und von beiden Ländern finanziert wird. Im Publikum saßen auch diesmal zahlreich nach Berlin angereiste Polen.

Welche Fragen darf man stellen?

Die laute Kritik aus regierungsnahen Teilen der polnischen Medienlandschaft hängte sich an den angesprochenen Themen auf. Duda wurde unter anderem nach der Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit in Polen gefragt. Seine Antworten überraschten den Großteil des Publikums - zum Beispiel die Bemerkung, polnische Medien wären freier als deutsche, weil sie über sexuelle Belästigung von Frauen durch Migranten ausführlich berichten würden. Auch Dudas Analyse der möglichen Ursachen des Brexit, den er mit dem europäischen Verbot der Glühfadenlampen zu erklären versuchte, sorgte für Erheiterung und Gemurmel im Saal.

Regierungskritische Medien in Polen griffen Äußerungen und Reaktionen auf: Duda hätte sich in Berlin blamiert. Der Präsident wurde in eine Falle gelockt, schrieben hingegen die regierungsnahen polnischen Medien und warfen einer der Moderatoren vor, unangemessene Fragen zu stellen und zuzulassen. Die DW-Journalistin Rosalia Romaniec ist seitdem Ziel vieler Beschimpfungen und Beleidigungen in regierungstreuen polnischen Online-Medien, die die ganze Veranstaltung als Provokation abtun. In Deutschland sorgte der Vorfall dagegen für relativ wenig Aufmerksamkeit. "Harmonisch war es nicht, aber jedenfalls keine verschenkte Stunde", meinte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". 

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