Dringend Lehrer gesucht! | Bildung | DW | 29.08.2018
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Bildung

Dringend Lehrer gesucht!

Deutschen Schulen fehlen insgesamt fast 40.000 Lehrer, sagt der Deutsche Lehrerverband. Nun sollen verstärkt Menschen Lehrer werden, die ihre Karrieren in einem anderen Bereich begonnen haben. Wie realistisch ist das?

"Einen derart dramatischen Lehrermangel hatten wir in Deutschland seit drei Jahrzehnten nicht mehr“, klagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). "Insgesamt fehlen 40.000 Lehrer“. Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der Union, pflichtet ihm bei: "Der Beginn des Schuljahres in vielen Bundesländern hat gezeigt, dass unser Land in Gefahr ist, langsam in einen Bildungsnotstand hineinzulaufen“. Das Problem ist das Ergebnis vieler Faktoren: Ein Anstieg der Geburtenrate, ein großer Zuzug von Flüchtlingen, eine ganze Generation an pensionierten Lehrern, ein Mangel an Bildungsinvestitionen und hohe Hürden bei der Zulassung zu Lehramtsstudiengängen.

Am schlimmsten trifft es die Schulen, welche die geringsten Lehrergehälter zahlen: Grundschulen, Berufsschulen und Förderschulen. Auch innerstädtische Schulen in den ärmsten Gegenden Berlins und solche in ländlichen Gebieten tun sich schwer, neues Lehrpersonal zu gewinnen. Einige Bundesländer versuchen den Mangel zu lindern, indem sie Personen ohne Lehramtsabschluss erlauben, als Lehrer zu arbeiten. Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wirbt Absolventen mit Arbeitserfahrung an: Sie bekommen eine praxisnahe Lehrerausbildung an den Schulen. Nach zwei Jahren Praxis und Theorie sollen sie als Lehrer voll qualifiziert sein.

Quereinsteiger langfristige Lösung?

In einem Land, in dem Verkäufer, Kellner und Handwerker Jahre brauchen, um einen Abschluss in ihrem Gewerbe zu erlangen, ist das umstritten. Ein paar Jahre zuvor, 2013, hatten die 16 Landesbildungsminister vereinbart, dass die sogenannten Quereinsteiger als letzte Möglichkeit zulässig sind - dies aber nur, um vorübergehend ein Loch zu stopfen. Doch Udo Beckmann zufolge, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), werden sie aufgrund des Mangels an Lehrern eine "langfristige Lösung“ sein. Beckmann fordert deshalb auch einheitliche Standards für die Ausbildung von Neueinsteigern.

Deutschland Udo Beckmann (picture alliance/dpa/F. Gambarini)

Befürwortet Quereinsteiger angesichts des Lehrermangels: Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE

Letztes Jahr wurden bundesweit mehr als 4.400 Quereinsteiger eingestellt, um einige der 34.300 ausgeschriebenen Lehrerstellen zu besetzen. Die höchste Anzahl an Quereinsteigern gab es in Berlin mit 1.270, gefolgt von Sachsen mit 1.100 und Nordrhein-Westfalen mit 800. Berlin und Sachsen gehören zu den Bundesländern, die am dringendsten nach Lehrern suchen, aber ihnen zugleich die geringste Jobsicherheit bieten. In den meisten anderen Ländern sind Lehrer oft Beamte mit unbefristeten Verträgen und attraktiven Zusatzleistungen.

Oder mindern Quereinsteiger die Qualität der Lehre?

Sind Quereinsteiger also die Lösung für den personellen Engpass? Volker Kauder glaubt das nicht. Zwar verdienten die Quereinsteiger Anerkennung dafür, dass sie mit Kindern arbeiten wollten. "Ich mache mir aber Sorgen über die Qualität der Lehre.“ Auch Experten wie der Bildungsforscher Jörg Ramseger kritisieren das Modell. "An der Universität haben die Studierenden fünf Jahre lang Zeit, zu erfahren, wie kleine Kinder denken, wie sie lernen und wie man moderne Lernumwelten gestaltet“, moniert Ramseger. "Im Studium und in den Schulpraktika können die Studierenden aber auch für sich prüfen und überdenken, ob sie wirklich kleine Kinder unterrichten wollen und können.“

Volker Kauder (Reuters/H. Hanschke)

Kein Anhänger von Quereinsteigern im Lehrerberuf: der Union-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder

Abiturienten müssen meist sehr gute Noten in zahlreichen Fächern vorweisen können, um in einem Lehramtsstudium angenommen zu werden. Kritiker des traditionellen Ausbildungsweges wie etwa Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg und ehemaliger Lehrer, sagen, dass diese Hürden zu hoch seien und es zu wenige Studienplätze gebe. Das wiederum führe dazu, dass es zu wenige Absolventen gebe. "Die Qualität eines Lehrers hat aber nichts mit seinem Abiturschnitt zu tun“, widerspricht Struck. 

Spätestens 2025 dürfte die Diskussion über Quereinsteiger beendet sein

Stattdessen plädiert der Erziehungswissenschaftler dafür, schon vor dem Studium die Eignung für den Lehrerberuf zu prüfen: "In Passau müssen die Abiturienten vor dem Beginn des ersten Semesters ein mehrwöchiges Praktikum in einer Schule absolvieren. Ein Seminarleiter sagt ihnen danach, ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind oder nicht." Alle, die dann noch interessiert seien, sollten auch zugelassen werden. 

Eine aktuelle Studie der Bertelsmanns Stiftung schätzt, dass bis 2025 etwa 105.000 Lehrer eingestellt werden müssten, um den Bedarf an deutschen Grundschulen zu decken. Allerdings stehen im gleichen Zeitraum nur 70.000 ausgebildete Absolventen für das Grundschullehramt zur Verfügung. 35.000 Grundschullehrer werden also in einigen Jahren fehlen - da dürften Quereinsteiger trotz aller Kritik gefragter sein denn je.