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Politik

Dresdner lassen Pegida diesmal keinen Raum

Heiner Kiesel
18. Oktober 2016

Seit zwei Jahren marschieren die fremdenfeindlichen Demonstranten durch die sächsische Landeshauptstadt. Zum Jahrestag gelingt es den Pegida-Gegnern entschlossen aufzutreten.

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Deutschland Bürgerfest in Dresden
Bild: DW/H. Kiesel

An diesem Montag lassen es die Behörden in Dresden nicht darauf ankommen. Über 1000 Polizisten sind auf den Beinen oder warten in Seitenstraßen der Altstadt in ihren Bussen. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hat zum Bürgerfest geladen. Er sieht viele weiße Mützen, als er zum Mikrofon auf der Bühne vor der Frauenkirche läuft. Diesmal sollen die ewig Unzufriedenen nicht für die Schlagzeilen aus der pittoresken Landeshauptstadt der Sachsen sorgen. "Ich möchte mit Ihnen mein Dresden zeigen", ruft er den etwa 4000 Zuhörern unten zu. Es sei noch nicht lange her, da habe die ganze Republik schon recht neidisch auf seine Stadt geschaut. Und jetzt? "Überall wohin man hinkommt, wird man gefragt, was bei uns los ist, oder die Stadt wird komplett in die Nazi-Ecke gestellt", ärgert sich der Oberbürgermeister. Es steht schlecht um den Ruf der erfolgsverwöhnten Stadt.

Deutschland Bürgerfest in Dresden Dirk Hilbert
Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert Bild: DW/H. Kiesel

Seit genau zwei Jahren zeigen die Demonstranten der Pegida-Bewegung zum Wochenauftakt Präsenz in den Straßen. Die islam- und fremdenfeindlichen Nörgler waren zuletzt nicht mehr so zahlreich wie am Anfang, aber irgendwie hatten sie es doch geschafft ein Teil des Stadtbildes zu werden. Das große Aufbegehren des bürgerlichen Dresdens war ausgeblieben. Doch dann kam der 3. Oktober 2016. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und viele andere Prominente Politiker waren angereist, um die Einheit zu feiern. Aber sie wurden angeschrien und beschimpft. "Es war abscheulich, das miterleben zu müssen", bekennt Hilbert.

Es war eine Art Erweckungserlebnis. Eigentlich wollte er danach drei Wochen auf Vater-Kind-Kur gehen. Aber der verpatzte Feiertag hat ihn nicht losgelassen. "Wollen wir weiterhin unsere Stadt von Pöblern, Kleinkriminellen und Hetzern kaputt machen lassen?", fragt er das Publikum. Applaus. "Das ist fantastisch hier", meint Gisela Hulsch, die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. "Unser Dresden hat doch so viele wunderbare Seiten." Ihr Begleiter pflichtet ihr bei, diese anderen Montagsdemonstrationen würden ihn ein bisschen nerven.

Pegida muss draußen bleiben

Aber nicht alle finden die Veranstaltung gelungen. Es ist bestimmt nicht wasserdicht empirisch, aber da sind so graue Leute. Menschen, die etwas abseits stehen und mit ausdruckslosem Gesicht ihren Blick über die Bürgerfestbesucher streichen lassen.Wie der hagere etwas ältere Herr mit der dunklen Jeansjacke. "Das ist ja schwach, wie wenige das sind", sagt er mit kehliger Stimme. Man müsse bedenken, führt er aus, dass das ja alles von der Stadt herangekarrte und subventionierte Zuhörer seien. Da hätte er mehr erwartet. Da schwingt Verachtung mit. "Ich bin nämlich von Pegida", bekennt er, aber seinen Namen gibt er nicht preis. Er spricht wenigstens noch mit Journalisten, die anderen winken ab.

Deutschland Bürgerfest in Dresden Eric Hattke
Aktivist Eric Hattke ermutigt die Dresdner zum friedlichen ZusammenlebenBild: DW/H. Kiesel

Oberbürgermeister Hilbert hat die Bühne inzwischen verlassen. Der Kantor der Kreuzkirche leitet das Publikum zum Singen an, "Kein schöner Land". Danach spricht Eric Hattke, der Student, der die Studenten Dresdens gegen Pegida mobilisiert hat, tief bewegt über die Gefahren für die Demokratie und die Mitmenschlichkeit. Er ringt nach Atem, als er hinter der Bühne steht. "Das ist ganz schön heftig", sagt er. Die Sache mit dem Ruf der Stadt interessiert ihn nicht sonderlich. "Das wird von alleine besser, wenn wir es schaffen, miteinander zu leben."

Die Demonstranten mit dem langen Atem

Während sich Chorgesang und Ansprachen auf dem Neumarkt abwechseln, zieht wenige hundert Meter entfernt eine Anti-Pegida-Demonstration die Wilsdruffer Straße zum Postplatz hinunter. Sechs bis achttausend Menschen, eher jünger und studentisch, die Beats von den Lkw mit den Boxen sind härter. Die Sprechchöre derber. "Pegida, Faschistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt!" Viele schieben ihre Fahrräder. Zur Demo hat die Initiative "Herz statt Hetze" aufgerufen. "Wir haben das ja schon länger auf dem Plan, dass heute der Jahrestag der Pegida-Demos ist", versichert eine der Organisatorinnen. Sie heißt "einfach nur" Eva und sagt, dass dieser Tag schon seit dem Sommer geplant worden sei.

Pegida sollte keine Chance haben, irgendwo in der Stadt nennenswert aufzutreten. Das hätte auch ohne das Bürgerfest mit Oberbürgermeister Hilbert funktioniert, sagt sie. "Aber wir begrüßen das natürlich, dass er überhaupt aktiv geworden ist und aus seinem Dämmerschlaf aufgewacht ist." Zwei Jahre gehe das mit Pegida nun schon so zu und die Stadt habe sich nie richtig ins Zeug gelegt, moniert sie. "Es gibt mehrere Initiativen, die sich hier engagieren, aber von den Behörden massiv behindert werden."

Deutschland Bürgerfest in Dresden
Das Bürgerfest wird von der Polizei überwachtBild: DW/H. Kiesel

Jeder für sich gegen die Fremdenfeinde

Aber vielleicht wird es jetzt ja besser, weil der Bürgermeister jetzt auch mehr Präsenz zeigen will. Der Montag hat doch ganz gut funktioniert. Pegida hatte keine Chance, keinen Raum in Dresden. Am frühen Abend wird Polizeisprecher Marko Lasko ein positives Fazit ziehen. "Es war alles friedlich, nur beim Bürgerfest mussten wir einige Personen, die offensichtlich stören wollten, beiseite nehmen."

Ein komisches Gefühl bleibt bei vielen Teilnehmern dennoch. Thorsten Dornbach schiebt sein Fahrrad vom Postplatz Richtung Neumarkt. Er lebt seit 20 Jahren hier und es passt ins Bild. "Dass die Stadt das einfach nicht schafft, da eine gemeinsame Veranstaltung zu machen", wundert er sich. Da die Demos, dort das Bürgerfest und irgendwo noch eine angemeldete Versammlung. "Das wäre doch schön gewesen, wenn wir gezeigt hätten, dass wir eine starke, einige Stadt im Kampf gegen Pegida sind."