Dorfgeschichte(n) - Bibelgeschichte(n) | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 23.10.2020
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Deutschland evangelisch-katholisch

Dorfgeschichte(n) - Bibelgeschichte(n)

Ist die Geschichte meines Dorfes meine eigene Geschichte, auch wenn ich erst seit kurzem hier lebe? Und ist das mit biblischen Geschichten ähnlich: gehören sie zu mir, und warum?

Ein Leben zwischen Reben

Ich lebe zwischen Reben. Die rheinhessischen Hügel und Hänge rund um das Dorf, in dem ich lebe, sind mit Wein bewachsen. Die Geschichte meines Dorfes ist alt: Erstmals wurde es im Jahr 782 in einem Kodex erwähnt - da war es bereits altbekannt, wie der sehr kurze Name ohne die bei späteren Gründungen übliche Endung -heim oder -bach verrät. Schon die Römer lebten hier und brachten den Wein mit, die Franzosen waren beinahe hundert Jahre hier, und im Zweiten Weltkrieg war das Dorf zerrissen: Der (nicht hier geborene) Dorfpfarrer gehörte zur Bekennenden Kirche, im Pfarrhaus des Dorfes gingen Widerstandsgrößen wie Martin Niemöller ein und aus. Das Dorf mochte den Pfarrer - wählte aber früh vor allem Nazis. So entstand wohl die bizarre Situation, dass irgendwann der NSDAP-Bürgermeister den Widerständler schützen musste, um die Dörfler nicht gegen die Nazi-Obrigkeit aufzubringen.

Geschichten werden zu Geschichte

Woher ich das weiß? Von www.derselzer.de. Hier schreibt ein Mann aus dem Dorf ein Geschichtsblog. Keine trockene „Wer herrschte von wann bis wann“-Geschichte, sondern lebensnahe Geschichten aus dem längst untergegangenen Dorfalltag. Das, was die Alten und die Häuser des Dorfes erzählen, wird gebündelt und durchs Verschriftlichen aufbewahrt. Lesend eigne ich mir also die Geschichte des Dorfes an. Und sie wird - wenigstens gefühlt - meine eigene Geschichte. Aber ist es wirklich so? Nur weil ich Bescheid weiß, wird es „meins“?

Erst werden Geschichten weitererzählt - und irgendwann aufgeschrieben, weil sie erzählenswert und wichtig erscheinen. Anders ist es mit keiner biblischen Geschichte gelaufen. Die Geschichten ereignen sich alle an konkreten Orten, es handeln konkrete Personen - und nicht alle dieser Geschichten sind Allegorien oder Beispielerzählungen. Viele von ihnen haben durchaus historische Kerne. Die Propheten und Könige des Alten Testaments hat es gegeben, auch die Jesus-Erzählungen des Neuen Testaments sind literarische überformte Augenzeugenberichte. Es ist wahrscheinlicher, dass Jesus gelebt hat, als dass er eine Art Romanfigur ist, da ist sich die Forschung recht sicher.

Welche Geschichten gehören zu mir?

Für mich als Christ sind die Geschichten und Wahrheiten meine Geschichten und Wahrheiten.  Obwohl ich sie selbst nicht erlebt oder gesehen habe. Stets bin ich Teil einer Tradition von Erzählung - von dort damals bis hier heute. Ich stelle mich in den Zusammenhang der biblischen Erzählungen von Liebe, Gnade, Vergebung - sie sind so Teil meiner und vieler anderer Personen. Das verbindet über Zeiten und Orte.

Deshalb ist es nicht beliebig, in die Tradition welcher Geschichten ich mich stelle. Auch, wenn das bisweilen unbequem ist. Ich bin ein Neubürger und kann natürlich sagen, dass ich in meinem Dorf nur schlafe und dass mich der Rest gar nicht interessiert: Trotzdem lebte ich zwischen Reben, die irgendwann ein Römer mitgebracht hat. Und in einem Ort, der zwar den Bekennende-Kirche-Mann mochte und trotzdem die Nazis wählte. Das gehört zu meinem Leben hier.

Ich sollte die Geschichte kennen

Ehrlicher ist - glaube ich - die aktive Annahme des Gewesenen, nicht nur im Kleinen als Neu-Dörfler: Die Kirchen haben in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden Fehler gemacht, aber ich bin nicht dafür verantwortlich. Und ich muss mein Christ-Sein nicht von Verächtern des Christentums auf diese Fehler-Geschichten reduzieren lassen. Aber ich sollte die Fehler der Geschichte kennen und anerkennen, dass sie auch zu meiner Geschichte gehören. Und ich sollte im Rahmen des mir möglichen dafür sorgen, dass sie nicht wieder begangen werden. Vorbilder gibt es ja. Sollten je aktuelle Geschichten wieder nach hässlicher alter Geschichte riechen, bin ich lieber stolz auf die geheimen Treffen der Widerständler im Pfarrhaus in meinem Dorf.

 

Björn Raddatz wurde 1970 als Pfarrerskind geboren – und studierte selbst in Mainz und Bonn evangelische Theologie mit dem Ziel, ins Pfarramt zu gehen.

Nach dem Studium und während des Vikariates in der EKHN arbeitete er auch als Journalist und Moderator für verschiedene Sender, moderierte fast neun Jahre lang für die evangelischen Kirchen in Hessen die Kirchensendung eines privaten Hörfunksenders.

Er hat sich letztlich nicht zum Pfarrer ordinieren lassen, sondern arbeitet inzwischen als Internet-Redakteur bei einem TV-Sender.