Dok Leipzig: Unterschiedliche Perspektiven von DDR und BRD | Filme | DW | 03.11.2019
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30 Jahre Mauerfall

Dok Leipzig: Unterschiedliche Perspektiven von DDR und BRD

Die Retrospektive des Leipziger Festivals für Dokumentarfilm bot historisches Anschauungsmaterial: Wie haben Filmemacher auf den jeweils anderen Teil Deutschlands geschaut? Kurator Ralph Eue über den Blick nach Drüben.

Im Jahr, in dem überall dem Fall der Mauer gedacht wird, wollte das Leipziger Festival andere Akzente setzen - und nicht nur auf 1989 fokussieren. Das Festival für Dokumentar- und Animationsfilm war immer schon wichtigste Plattform für dokumentarische Formen im Osten Deutschlands, phasenweise stand es jedoch im Banne der Propaganda. Doch Leipzig hat nach der Wende seinen guten Ruf behaupten können, heute gilt es als wichtigstes deutsches Dokumentarfilmfest.

Vor 1989

30 Jahre Mauerfall wird zurzeit landauf, landab gefeiert. Auch in Leipzig, wo die friedliche Revolution begann, lag ein solches Gedenken nahe. Doch Ralph Eue, der gemeinsam mit Olaf Möller die Retrospektive der 62. Ausgabe des Festivals betreute, schwante Böses: "Als wir das geplant haben, hatten wir Angst, hinterherzuhinken, dass dann einfach alles schon gemacht ist." Also richtete man den Blick nicht auf die Bilder der fallenden Mauer, sondern stellte eine andere Frage: Wie haben die west- und ostdeutschen Filmemacher in den Jahrzehnten vor 1989 (und zum Teil auch danach) den jeweils anderen deutsche Staat gesehen?

Ralph Eue Programmer DOK Leipzig (Dok Leipzig/Susann Jehnichen)

Ralph Eue

Zehn Themenblöcke wurden zusammengestellt mit jeweils einer Handvoll Filme, kürzere und längere Formate, dokumentarisches und animiertes - immer mit dem Anspruch, deutsch-deutsche Befindlichkeiten zu spiegeln. Ein Ausgangspunkt der Filmschau für die Kuratoren: "Eigentlich handelt es sich ja um ein Doppel-Jubiläum, nämlich die Gründung der beiden deutschen Teilstaaten und die Auflösung der beiden deutschen Teilstaaten".

"Beide Teilstaaten sind untergegangen - die DDR und die BRD"

Es geht den Kuratoren auch darum, herkömmliche Denkschemata zu durchbrechen: "Die Geschichte der Auflösung wird ja immer so erzählt, dass nur die DDR zu Ende gegangen ist. Wir haben das in unserer Erarbeitung der Retrospektive so angelegt, dass eigentlich zwei Staaten zu Ende gegangenen sind, nämlich die beiden Teilstaaten BRD und DDR." Das sei die Idee dieser ganzen Reihe gewesen. Man habe erzählen wollen, "wie bestimmte Phänomene im Westen oder im Osten behandelt oder abgearbeitet worden sind."

Dabei stieß man auf große Unterschiede, aber auch auf überraschende Parallelen. Zu erwarten war: "In der DDR gab es so ein Geschichtsbewusstsein und auch eine Orientierung auf die Geschichte, die einen großen Teil dazu beigetragen hat, die Staatsräson in der DDR mit zu begründen - Stichwort Antifaschismus." Das spiegeln viele DDR-Filme in Leipzig wider. In den Anfangsjahrzehnten gedachte man in vielen dokumentarischen Kultur-, Bildungs- und Historienfilmen den Millionen Opfern der Nationalsozialisten - und baute darauf einen wichtigen Eckpfeiler der DDR-Staatsideologie auf.

DOK Leipzig 2019 Aus eigener Kraft (Volkswagen AG)

Ein Käfer für die Welt - "Aus eigener Kraft"

Die DDR als antifaschistische Trutzburg

Das sah in der Bundesrepublik anders aus: "Im Westen wäre für mich die Staatsräson eher etwas gewesen, was man die Freie und Soziale Marktwirtschaft nennen könnte, also eher ein utopisches Zukunftspotential", so Eue. In der DDR sei das "Staatsgebilde aus der Vergangenheit, aus der Geschichte, derer, die diesen Staat verkörpert oder gegründet haben" aufgebaut worden. Im Westen sei dagegen die sogenannte Vergangenheitsbewältigung bis zum Ende der 1960er Jahre ausgeblendet worden, dort habe "man sich eher auf Wirtschaftskraft und Wirtschaftswunder verlassen". 

Dok Leipzig Filmfest 2019 Retrospektive BRDDR (DOK Leipzig 2019/ Karl Gass, Joop Huisken)

Aus Stalinstadt wurde später Eisenhüttenstadt

Und das (unfreiwillig) verbindende? Was zeigt sich in den Filmen der Regisseure aus Ost und West, das gar nicht so weit voneinander entfernt ist? Ralph Eue verweist auf zwei Filme der Retrospektive, die auf verblüffende Weise wie zwei filmische Brüder wirken: Da ist zum einen der 1953 in der DDR entstandene Film "Nach 900 Tagen" von Karl Gass und Joop Huisken. Der Film feiert den Bau und die Einweihung von Stalinstadt (1961 umgetauft in Eisenhüttenstadt) nach 900 Tagen Bauzeit.

Volkswagen knüpfte an Traditionen von vor 1945 an  

Im Westen entstand ein Jahr später "Aus eigener Kraft" von Franz Schroedter, der den Wiederaufbau von Wolfsburg und der Volkswagen-Werke auf Zelluloid bannte: "Ich hoffe, dass man da unsere Absicht in diesem dialektischen Zusammenbau dieser beiden Sichtachsen auf ähnliche Zusammenhänge klar erkennt, nämlich Nachkriegsfolgen wegzuräumen", sagt Ralph Eue. So wird eine ähnliche Botschaft transportiert: "Der Staat hat sich konsolidiert, der Staat arbeitet an seinem eigenen Aufbau."  Für ihn drücke sich in diesen beiden Filmbeispielen "ganz viel darüber aus, was die DDR und was die BRD gewesen ist - und zwar sowohl an Gutem als auch an Schlechtem auf beiden Seiten."

DOK Leipzig 2019 Aus eigener Kraft (Volkswagen AG)

"Aus eigener Kraft" vertrat Deutschland in der Welt - als Imagefilm der deutschen Wirtschaft

Natürlich fallen Unterschiede in der jeweiligen Sichtweise auf: Bei den ostdeutschen Filmemachern spielt der Rückblick auf die deutsche Historie eine mitentscheidende Rolle - in der Bundesrepublik fällt das über lange Zeit weg. Dort konzentriert man sich lieber auf das Füllhorn des Wirtschaftswunders.

Gegenseitige Abhängigkeit: "Wie feindliche Brüder"  

Doch bei Filmen wie "Nach 900 Tagen" und "Aus eigener Kraft" fällt eben auch auf, wie nah sich beide Staaten bei allen ideologischen und weltanschaulichen Differenzen sind. Ralph Eue: "Das prägnante (bei der Erarbeitung der Retrospektive, A.d.R.) war, dass beiden Teilstaaten so etwas wie feindliche Brüder sind, die sich dringend gegenseitig gebraucht haben, um sich aneinander abzuarbeiten."

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