Digitalberaterin Noveck: ″Die Kanzlerin rief mich an″ | Wirtschaft | DW | 05.05.2019
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Digitale Welt

Digitalberaterin Noveck: "Die Kanzlerin rief mich an"

Beth Simone Noveck ist Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Im DW-Exklusivinterview spricht sie über ihre Arbeit für das Gremium und darüber, wie die Kanzlerin "tickt".

DW: Frau Noveck, wie kam Ihre Tätigkeit für die Bundesregierung zustande? Wer hat wen angerufen?

Noveck: Der Stabschef der Kanzlerin rief mich an und sprach mit mir über meine Arbeit und meine Tätigkeitsschwerpunkte, welche Themen man in Angriff nehmen könnte und sollte, falls eine digitale Beratungsgruppe zustande kommen sollte. Und dann rief mich die Kanzlerin selbst an und fragte mich, ob ich dabei sein will.

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Es ist eine große Ehre, von Führungspersönlichkeiten der Weltpolitik gefragt zu werden, vor allem von jemandem mit so großem Einfluss und solch einer Bedeutung wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ausschlaggebend war aber, dass der Digitalrat sich darauf konzentriert, konkrete Schritte einzuleiten. Es ist nicht bloß eine weitere Kommission, Task Force oder ein Beratungsgremium, das noch ein Arbeitspapier verfasst. Man hat mir gesagt, dass unsere Empfehlungen - soweit sie dazu geeignet sind - direkt umgesetzt werden sollen. Außerdem kann ich so mein Deutsch verbessern!

Wie läuft es bis jetzt? Wie offen ist die Bundesregierung Ihren Ideen gegenüber, wie lebhaft ist der Austausch?

Es ist eine bemerkenswert offene und engagierte Zusammenarbeit. Ich war Teil vieler Beratungsgremien und sehr häufig wird am Ende ein Bericht geschrieben, der aber nicht so viel bewegt, wenn es um das tägliche Regieren und Politikmachen geht. Mein Empfinden ist, dass es - auch weil wir eine so kleine Gruppe sind - eine große Portion Enthusiasmus, Engagement und Austausch gibt. Und unsere Meinungen sind willkommen.

Können Sie ein aktuelles Beispiel dafür nennen, wie Sie erfolgreich zusammen arbeiten?

In den Anfängen des Digitalrats arbeitete die Bundesregierung an ihrer Strategie zur künstlichen Intelligenz. Wir haben vorgeschlagen, einen Entwurf auf deutsch und englisch ins Netz zu stellen und um Feedback zu bitten. Wir haben uns dann mit Hunderten von Experten weltweit ausgetauscht, die uns ihre Meinung mitgeteilt haben. Dieser gesammelte Sachverstand hat schließlich Eingang gefunden in den Schlussentwurf, der dann veröffentlicht wurde. Das war eine ganz andere Herangehensweise, wie wir sie sonst gewohnt sind: dass nämlich hinter geschlossenen Türen beraten wird, unter Berücksichtigung der Empfehlungen von einem oder - wenn überhaupt - zwei Experten.

Sie waren bereits für den früheren britischen Premierminister David Cameron und für das Weiße Haus unter Barack Obama tätig. Wie unterscheidet sich das Arbeiten für den Digitalrat?

Ich denke, was anders ist, ist die Entschlossenheit der deutschen Regierung. Es gab bereits vor der Gründung des Digitalrates ein hohes Maß an Begeisterung und Interesse für das Thema. Ich glaube nicht, dass die Bundesregierung das getan hätte, wenn sie nicht bereit gewesen wäre, auch einige der angebotenen Ratschläge anzunehmen. Aber die Zeit ist auch reifer geworden für die Anwendung von Technologie in der Regierung, als das während meiner Zeit im Weißen Haus der Fall war.

Der Digitalrat der Bundesregierung (picture-alliance/dpa/Bundesregierung/Kugler, Steffen)

Kanzlerin Merkel mit den Mitgliedern des Digitalrats der Bundesregierung

Wenn man an Deutschland denkt, kommen einem nicht unbedingt Digitalisierung und Innovation in diesem Bereich in den Sinn. Wo steht Deutschland?

Da haben Sie Recht, man denkt nicht daran, dass Deutschland an der Spitze der Innovation steht. Man denkt an Deutschland als das Land, das die Bürokratie erfunden hat. Aber es gab schon Bemühungen, bevor der Digitalrat ins Leben gerufen wurde. Indem Deutschland eine Strategie für künstliche Intelligenz entworfen hat, ist das Land dem, was in den USA geschieht, weit voraus. Und die Regierung bemüht sich, fünfhundert Bürgerdienste online anzubieten.

Trotzdem wird allgemein angenommen, dass Deutschland im Vergleich zu den USA zögerlich und vorsichtig ist, was Cybersicherheit und Datenschutz betrifft. Macht das Ihre Arbeit schwieriger?

Europa und Deutschland sind weiter als die Vereinigten Staaten, was das Nachdenken und die Gesetzgebung zur Privatsphäre im digitalen Bereich angeht. Ich möchte die Bedeutung des Schutzes privater Daten nicht kleinreden. Aber es ist auch wichtig, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es eine riesige Menge an nicht ausreichend genutzten Daten gibt, die die Regierung sammelt und die zum Nutzen der Gesellschaft verwendet werden könnten.

Die US-Regierung hat beispielsweise eine sichere digitale Infrastruktur geschaffen, um anonymisierte Daten aus der Krebsforschung auszutauschen und sie qualifizierten Forschern sowie Ärzten und Krankenhäusern zur Verfügung zu stellen. Anstatt, dass ein Arzt nur Zugang zu seinen eigenen Forschungsdaten hat, kann er auf einen viel breiteren Fundus an wissenschaftlichen Daten zurückgreifen, der das Potenzial hat, schneller Wege zu finden, wie man Krebs heilen kann.

Sie haben viele führende Politiker persönlich getroffen. Wie ist das, für Menschen wie Angela Merkel und Barack Obama zu arbeiten? Und wie ist das, mit ihnen zu arbeiten?

Ich habe erlebt, dass beide offen für Veränderungen sind, wenn es darum geht, wie ein Land regiert wird. Gleichzeitig sind beide bodenständig. Das macht es für mich persönlich sehr reizvoll, mit ihnen zu arbeiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt wirklich interessierte und interessante Fragen. Wenn wir diese Treffen haben, ist sie unglaublich engagiert. Und sie fühlt einem auf eine Art und Weise auf den Zahn, dass man merkt: Da steckt aufrichtige intellektuelle Neugier und Engagement dahinter.

Beth Simone Noveck leitet das Governance Lab (GovLab) in Brooklyn. Sie ist außerdem Professorin für Technologie, Kultur und Gesellschaft an der New York University. Sie diente dem Weißen Haus als stellvertretende Technologiebeauftragte und beriet als Direktorin der "White House Open Government Initiative" Präsident Barack Obama. In Großbritannien war sie während der Amtszeit von Premierminister David Cameron leitende Beraterin der britischen Regierung.

Das Interview führte Sophie Schimansky.

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