Die vergessenen Israelis von Sderot | Nahost | DW | 07.07.2015
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Nahost

Die vergessenen Israelis von Sderot

Vor einem Jahr brach zwischen Israel und Hamas der Krieg aus. In Israels Öffentlichkeit spielt der Konflikt keine Rolle mehr - zur großen Sorge der Bewohner grenznaher Gebiete. Dana Regev berichtet aus Sderot.

Auf den ersten Blick erinnert in der Umgebung von Sderot nichts mehr an den Krieg, der hier vor einem Jahr tobte: Bauern arbeiten auf grünen Feldern, Traktoren pflügen den gedüngten Boden und Studenten strömen in das Sapir College, die Hochschule vor den Toren der Stadt.

Doch die Bevölkerung sagt, der Krieg von 2014 habe alles verändert. "Das Schutzschild, das ich mir selbst zugelegt habe, ist zusammengebrochen", sagt die 29-jährige Yam Braude-Amitai, die im Kibbutz Erez, nahe dem gleichnamigen Grenzübergang im Norden von Gaza lebt. "Ich habe Angst vor den banalsten Dingen: alleine zu sein, ins Bad zu gehen, den Müll hinauszubringen. Ich traue mich nicht einmal mehr joggen zu gehen."

Jahrelang war Braude-Amitai durch Europa und Australien gereist, lebte in New York. Dann kam sie zurück in ihre Heimat nahe dem Gazastreifen, wo sie nun mit ihrem Mann und ihrer vier Monate alten Tochter lebt.

Der blutigste aller Gaza-Konflikte

Während der "Operation Pillar of Defense" (dt.: Operation Wolkensäule) 2012 traf eine Rakete das Haus ihrer Eltern im nahe gelegenen Kfar Aza. Doch erst die "Operation Protective Edge" (dt.: Operation Schutzrand) 2014 hat alles verändert. "Wenn ich nachts aufstehe, um mein Kind zu stillen, höre ich Geräusche, und ich weiß nicht mal, ob ich sie mir einbilde", erzählt Braude-Amitai. "Früher habe ich meine Großmutter belächelt, weil sie uns seit zehn Jahren erzählte, sie höre Geräusche aus dem Boden. Jetzt belächle ich sie nicht mehr."

Sderot Idylle - ein Jahr nach dem Gaza-Konflikt 2014 (Foto: DW/D. Regev)

Auf den ersten Blick erinnert in Sderot nichts mehr an den Krieg, der vor einem Jahr begann

Auf israelischer Seite sind während der 50 Tage Krieg 67 Soldaten und fünf Zivilisten getötet worden. Weitere 1600 Soldaten und 837 Zivilisten wurden verletzt. Für die Palästinenser war es die verlustreichste Außeinandersetzung im Gazastreifen, seit er 1949 eingerichtet wurde: 2100 Menschen wurden getötet, überwiegend Zivilisten.

Die Verzweiflung der Israelis wächst

"Wir hatten gehofft, dass sich mit der Zeit etwas ändern würde", sagt Braude-Amitai. Sie ist davon überzeugt, dass die Mehrheit der Juden und der Palästinenser an ein friedliches Zusammenleben glauben. Mehr noch: "Gerade diejenigen, die hier leben, wissen, dass Gewalt nicht weiterhilft", sagt sie.

Irgendetwas muss sich auf politischer Ebene ändern, darüber sind sich die meisten Menschen in Israel klar. Doch selbst eine temporäre Lösung scheine seit dem letzten Krieg außer Reichweite - erst recht nach der Wiederwahl des konservativen Premierministers Benjamin Netanyahu im März 2015, sagt Braude-Amitai: "Derzeit spricht niemand mehr über Frieden. Wie konnte das passieren, wenn ihn doch alle so sehr herbeisehnen?"

Yam Braude-Amitai hofft auf eine bessere Zukunft in Erez für ihre Tochter (Foto: DW/D. Regev)

Yam Braude-Amitai hofft auf eine bessere Zukunft in Erez für ihre Tochter

Eine gespaltene Nation

Ihre Heimat Erez liegt kaum eine Stunde entfernt von Tel Aviv und scheint doch Lichtjahre entfernt: Die Region um Gaza - für die Einwohner der pulsierenden Metropole Tel Aviv ist sie nichts als eine verlassene Gegend.

"Tropfen" nennen die Israelis die sporadischen, aber kontinuierlichen Raketenangriffe aus Gaza. Sie sind so alltäglich geworden, dass weder israelische noch internationale Medien noch darüber berichten. Viele Israelis sind sogar der Meinung, wer sich in der Nähe des Gazastreifens ansiedelt, könne nur auf der Suche nach Ärger und Sorgen sein.

Die 28-jährige Adi Batan-Meiri, die in Sderot ihren zweijährigen Sohn groß zieht, sieht das ganz anders: "Es ist vollkommen egal, wo du lebst", sagt sie. "Noch vor einigen Jahren war es unvorstellbar, dass Raketen auf Be'er Scheva niedergehen könnten. Was heute noch absurd klingt, wird im nächsten Krieg Realität." Ende 2008 wurde die 200.000-Einwohner-Stadt, knapp 50 Kilometer östlich von Gaza-Stadt, erstmals von Raketen der Hamas getroffen. Während des Krieges im Sommer 2014 hat die radikale Palästinenserpartei auch auf Tel Aviv gezielt.

Radikalisierung in der Krise

"Es ist sinnlos von der Frontlinie wegzulaufen", sagt Batan-Meiri, "denn die Front verfolgt dich." Die einzige Möglichkeit sieht sie auf politischer Ebene: "Um dem Feuer wirklich zu entkommen, muss man es unterbinden - und das erfordert eine mutige Politik."

Den ganzen Krieg über haben extreme Positionen auf beiden Seiten Zulauf erfahren. Das hat eine Welle von Gewalt und Rassismsus ausgelöst. Auf Facebook florierten Gruppen, die zum Kampf gegen die politische Linke aufriefen. Rechte und linke Gruppen gingen auf die Straße, um zu zeigen, dass sie mit dem Krieg nicht einverstanden waren. Und beide Seiten wichen keinen Zentimeter von ihrem Standpunkt ab. "Ich habe Dutzende Facebook-Freundschaften beendet, weil ich die Statements nicht mehr ertragen konnte", erzählt Anna Roytman, eine Absolventin des Sapir College in Sderot, die nun in Be'er Scheva lebt.

Tel Aviv: Ansicht von oben (Foto: Wikipedia)

Keine 50 Kilometer von Gaza entfernt: In Tel Aviv mangelt es an Verständnis für die Bewohner der Grenzgebiete

Mehr als eine traumatisierte Generation

So sehr die Menschen in Erez und Sderot die Politik verfolgen - sie leben nicht aus ideologischen Gründen hier, sondern weil es ihnen gefällt: "Fremde können das nicht verstehen, aber in Friedenszeiten ist es ein Paradies auf Erden", sagt Yam Braude-Amitai, die junge Mutter aus Erez, "Die Phasen akuter Bedrohung sind zwar die Hölle", räumt sie ein, "aber sie sind sehr kurz."

Sie sind jedoch lang genug, um sich in die Psyche der Menschen einzugraben: Studien haben ergeben, dass 44 Prozent der Einwohner von Sderot unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden - fünf mal so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Sechs Prozent der Kleinkinder im Süden Israels sind demnach übermäßig aggressiv - dreimal mehr als im Landesdurchschnitt.

Braude-Amitai hält diese Studien für geradezu optimistisch. Viele Menschen wüssten gar nicht, dass sie unter PTBS leiden, glaubt sie: "Ein Mensch, der von Kindheit an mehrmals im Jahr in einen Bunker fliehen muss, hat keinen normalen Werdegang." Sie hoffe nur, stammelt sie mit feuchten Augen, dass sich etwas ändere, bevor ihre Tochter damit aufwächst.

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