Die vergessenen Flüchtlinge von Paris | Europa | DW | 08.12.2019
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Migration in Frankreich

Die vergessenen Flüchtlinge von Paris

Hunderte von Flüchtlingen leben in Paris in selbst errichteten Camps. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen kämpfen Ehrenamtliche Tag für Tag, um das Leben der Flüchtlinge ein bisschen erträglicher zu machen.

Carrie nimmt sich die sechste Knoblauchknolle und beginnt, sie zu schälen. "So viel Knoblauch habe ich noch nie zubereitet”, sagt sie und lacht. Dann wird sie wieder ernst. Denn eigentlich ist die US-Amerikanerin hier, weil sie sich ärgert. Über die Bedingungen in den Zeltcamps hier in Paris, die die Flüchtlinge selbst errichtet haben, weil sie keinen Platz in einer Notunterkunft gefunden haben. In den Zeltstädten leben hunderte Flüchtlinge. Ohne Wasser. Ohne Strom. Und unter menschenunwürdigen Bedingungen.  

"Da sind viele Menschen, die von der Regierung hängen gelassen werden. Ich finde, es ist wichtig, Solidarität zu zeigen”; sagt Carrie. Die US-Amerikanerin möchte den Flüchtlingen helfen, auch wenn sie nur für ein paar Wochen beruflich in Paris ist. Deshalb ist sie heute in den Pariser Vorort Saint-Denis gefahren. Hier im Theater "Belle Étoile" trifft sich jede Woche die Initiative "Solidarité migrants Wilson", um ehrenamtlich für die Flüchtlinge in den Zeltstädten zu kochen und das Essen später an sie zu verteilen. 

Nicht mehr als 50 Cent pro Mahlzeit

Die kleine Küche des Theaters ist sonnengelb gestrichen. In den Regalen stehen etliche Kuchenformen, Töpfe und Pfannen. Philippe weiß genau, welches Teil wohin gehört. Er plant das Kochen heute. "Ich bin kein richtiger Koch, aber was habe ich für eine Wahl?", fragt er schulterzuckend. Zu entscheiden, welches Gericht gekocht wird, stellt den Pariser jede Woche vor eine Herausforderung. Etwa 50 Cent darf eine Mahlzeit kosten, trotzdem soll sie gesund und proteinreich sein. Heute gibt es Hähnchen-Curry. 

Frankreich Helfer Zeltcamp am Porte d'Aubervilliers (Sarah Schröer López)

Die ehrenamtlichen Helfer Carrie, Eva und Sliman helfen bei den Vorbereitungen für das Abendessen

Wie viele heute helfen, das weiß Philippe noch nicht. "Das ist jede Woche eine Überraschung, ich freue mich über jeden." Zur Not würde er aber auch alleine kochen. Das muss er zum Glück nicht. Carrie ist ja schon da. Und es kommen immer mehr Helfer. Josy und Sliman zum Beispiel, die regelmäßig mithelfen. Mittlerweile sind sie zu siebt. Mehr Menschen würden auch kaum in die kleine Küche passen, es gibt nicht einmal Stühle für alle.

Flüchtlinge helfen selbst mit

Messer und Zutaten werden herumgereicht, zwischendurch piept Philippes Handy, wenn er etwas vom Herd holen muss. Wer die Gruppe beobachtet, der könnte auch den Eindruck gewinnen, hier bereiten Freunde ein gemeinsames Abendessen zu. Nur kochen sie nicht sieben, sondern mehrere hundert Portionen. 

Najebulla schneidet Hähnchen in Streifen. Vor kurzem hat der 27-Jährige noch selbst in einem Zelt in Paris gelebt. "Ich weiß, wie schlimm es im Zeltcamp ist. Es ist sehr hart, dort zu leben. Es ist kalt und unhygienisch. Deshalb will ich jetzt helfen." 

Polizei räumt Migrantenlager in Paris (picture-alliance/dpa/F. Mori)

Immer wieder werden illegale Flüchtlingslager in Paris von der Polizei geräumt

Kochen verbindet die Helfer

Dass die französische Regierung die Menschen auf der Straße schlafen lässt - dafür gibt es hier wenig Verständnis. "Das ist nicht mein Frankreich", sagt Josy, eine ältere Frau mit Jeansschürze. Es ist ein Satz, den man sonst vor allem von Franzosen hört, die Angst vor der sogenannten Überfremdung ihres eigenen Landes haben. 

In der Küche des Theaters spielen Nationalitäten keine Rolle. Hier kochen Franzosen mit einem Afghanen und einer US-Amerikanerin für Somalier und Eritreer. In ihrer Freizeit, jede Woche mehrere Stunden lang. Damit Menschen nicht hungrig in ihren Zelten liegen müssen. "Der Staat sagt, es ist nicht seine Aufgabe, den Menschen in den Zeltstädten Essen zu geben", sagt Philippe. "Unsere 'Aufgabe' ist es auch nicht, aber wir machen es trotzdem." Dann fängt er an, das Curry in große Plastikbehälter zu schütten. Die Gruppe macht sich bereit für die Fahrt zum Camp.

Frankreich Helfer Zeltcamp am Porte d'Aubervilliers (Sarah Schröer López)

Philippe bereitet in der Küche des Theaters den Kuchen zu

Essensausgabe an der Straße

Mit wachsamem Blick überwacht Philippe, wie die Helfer die Plastiktische vor dem Eingang des Camps aufstellen. Hinter ihm rasen Autos die breite Straße am Porte d'Aubervilliers entlang, es ist laut, riecht nach Abgasen. Die ersten Flüchtlinge bilden bereits eine Schlange. Einige klammern sich an ihre Taschen, als hätten sie Angst, diese im Camp zurückzulassen.

Selbst im spärlichen Licht der umstehenden Straßenlaternen wird das Ausmaß des Elends im Inneren des Camps deutlich. Die Zelte sind notdürftig aufgestellt, in der Ferne brennt ein Feuer, an einigen Stellen sieht man die festgetretene Erde kaum vor lauter Müll auf dem Boden.

Ein letzter prüfender Blick, dann nickt Philippe den Menschen in der Schlange zu. Sie treten an den Tisch heran. Ein Rhythmus beginnt, der die nächsten zwei Stunden anhält: Schale, Curry, Kuchen, Besteck, Serviette und ein Lächeln. Bitte. Danke. Der Nächste. Carrie teilt Gabeln aus. "Ich bin froh, hier zu sein und zu helfen", sagt sie. Nächste Woche möchte sie wiederkommen. Die Helfer arbeiten routiniert und finden trotzdem Zeit, mit den Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. 

Frankreich Polizei räumt provisorisches Migranten-Lager in Paris (AFP/C. Archambault)

In provisorischen Flüchtlingscamps wie diesem im Norden von Paris leben Hunderte von Flüchtlingen

Ratten zwischen den Babies

Es sind hauptsächlich Männer, die hier anstehen. Sliman hört ihre Geschichten. Es sind Geschichten, die betroffen machen. "Für mich ist das okay", sagt Sliman, "zumindest solange ich keine Kinder sehe." Er weiß aber genau, dass auch die im Camp leben. "Im Camp gibt es Ratten, die sind gefühlt größer als die Babies." 

Gegen 22 Uhr packen die Helfer zusammen. Alle Portionen sind verteilt. Die Flüchtlinge gehen zurück zu ihren Zelten, die Helfer steigen in ihre Autos und fahren nach Hause. Mittlerweile liegen die Temperaturen nur noch knapp über dem Gefrierpunkt. Die Kälte und der aufziehende Winter bringen neue Probleme mit sich. Gerade in der Nacht. 

Warten in der Klinik

Der nächste Morgen. Auf einer Grünfläche ein paar hundert Meter vom  Camp am Porte d'Aubervilliers entfernt steht die mobile Klinik von Ärzte ohne Grenzen. Ein Wartezelt, ein zweites für Behandlungen und ein Wohnwagen für aufwendigere Untersuchungen. Alle paar Minuten fährt ein Polizei- oder Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene an dem kleinen Park vorbei. Niemand hebt den Kopf, die Geräusche gehören zur Kulisse. 

Frankreich Helfer Zeltcamp am Porte d'Aubervilliers (Sarah Schröer López)

Die mobile Klinik von Ärzte ohne Grenzen in der Nähe des Zeltcamps am Porte d'Aubervilliers

Loris, ein junger Mann mit Klemmbrett, nimmt die Daten eines Flüchtlings aus Somalia auf. Name, Alter, Herkunftsland, Beschwerden. Er reicht ihm einen Zettel, dann weist Loris auf das Wartezelt. Der Blick des Somaliers wird kurz leer. Auf den Bänken im Zelt sitzen bereits knapp zehn Leute. Wieder warten. Wie den ganzen Tag im Camp.

Hautkrankheiten und Infektionen

Die meisten warten geduldig. In sich gekehrt. Dann plötzlich kommt ein Mann, der mehrere vollgestopfte Plastiktüten mit sich schleppt. Er sieht sich kurz um, dann versucht er, hinter dem Rücken der Helfer ins Behandlungszelt zu schlüpfen. Die Wartenden protestieren, verschiedene Sprachen mischen sich, die Botschaft ist gleich. "Das passiert jede Woche", sagt Loris, "manchmal wird das Warten einfach zu viel und die Leute werden aggressiv." Er führt den Mann am Arm vom Zelt weg und zeigt auf den Wartebereich. 

Jeden Donnerstag können die Flüchtlinge in die mobile Klinik kommen. Wer nicht vor Ort behandelt werden kann, wird von den freiwilligen Ärzten an umliegende Krankenhäuser überwiesen. Am häufigsten kommen die Flüchtlinge mit Hautausschlägen und wetterbedingten Infektionskrankheiten. 

Frankreich Helfer Zeltcamp am Porte d'Aubervilliers (Sarah Schröer López)

Der pensionierte Arzt Pierre Marie hilft seit über zwei Jahren in der mobilen Klinik aus

Neben dem Behandlungszelt steht der beheizte Wohnwagen. Drinnen wartet Pierre Marie auf die Patienten. Der pensionierte Arzt hilft seit zweieinhalb Jahren in der mobilen Klinik. Seine Augen funkeln freundlich. Auch nach fünf Stunden in der mobilen Klinik ist er noch geduldig, lächelt viel. Dabei ist die Arbeit emotional belastend. "Es ist gar nicht so einfach, die Flüchtlinge zu behandeln. Die sind manchmal erst 23 Jahre alt und haben schlimme Wunden aus dem Krieg oder von der Flucht", sagt er. 

Helfer geben die Hoffnung nicht auf

Die unhygienischen Bedingungen in den Camps machen die Arbeit der freiwilligen Ärzte zur Sisyphus-Aufgabe. "Wir behandeln die Flüchtlinge hier und danach gehen sie wieder in ihre kalten Zelte. Damit klar zu kommen ist für uns sehr schwierig", sagt Frédéric Bertrand, Organisator der mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen. Viele Patienten verlassen die mobile Klinik mit frischen Socken, Unterwäsche, einer kleinen Flasche Shampoo und Zahnpasta. "Jeder Mensch sollte Zugang zu medizinischer Versorgung haben und ein Dach über dem Kopf, gerade in einem Land wie Frankreich", sagt Bertrand.

Französische Polizei räumt Pariser Migrantencamp (REUTERS/B.Tessier)

Und immer wieder warten: Flüchtlinge in einem Migrantencamp in Paris

16 Uhr. Der letzte Patient ist behandelt. Die Helfer und Ärzte räumen auf. Als sie fast fertig sind, kommt ein junger Mann angehumpelt. Er zeigt auf seinen Fuß, verzieht das Gesicht und will in den Wohnwagen. "Heute nicht mehr. Kommen Sie nächste Woche wieder oder gehen Sie bitte ins Krankenhaus", sagt Loris. In seinem Gesicht spiegelt sich Mitleid, aber Ausnahmen sprechen sich rum - er muss hart bleiben. Der Mann senkt den Kopf und humpelt zurück in Richtung Camp. Das Warten geht weiter. 

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