Die Tour de France verneigt sich vor dem Gelben Trikot | Sport | DW | 25.10.2018
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Radsport

Die Tour de France verneigt sich vor dem Gelben Trikot

Die Tour de France liebt ihre Geschichte und Geschichten. Kaum ein Sportereignis zelebriert die Vergangenheit so wie das größte Radrennen der Welt. Zum 100. Geburtstag des Gelben Trikots wird erneut deutlich, warum.

Radsport Tour de France 1974 | Gewinner Eddy Merckx (Getty Images/AFP/STAFF)

111 Mal durfte Eddy Merckx in Gelb jubeln - Rekord in der Tourgeschichte

Böse Zungen könnten sagen: Die Tour lebt in der Vergangenheit. Sie liebt ihre Geschichte, zelebriert sie, ergötzt sich an ihr und trieft dabei manchmal nur so vor Pathos. Ob 100 Jahre Tour de France, das Jubiläum der ersten Alpenetappe, der ersten Pyrenäenetappe, der ersten Bergankunft, das Gedenken an die Heroen der Vergangenheit - es verstreicht kaum ein Jahr, in dem nicht irgendetwas gedacht wird - und sei es, dass die Tour an Kriege, Schlachten und deren Opfer erinnert. Man kann das als nostalgische Gefühlsduselei oder aber auch Marketing abtun. Wer die französische Kultur kennt, weiß aber: Die Tour ist Frankreich. Sie spiegelt die Entwicklung von Land und Gesellschaft der letzten 115 Jahre wieder und sieht sich als Teil des "Patrimoine national", des Nationalerbes. Da gehört Erinnerungskultur natürlich hinzu.

Die nächste Etappe: Das Gelbe Trikot. Bei der kommenden Tour, deren Strecke am Donnerstag in Paris vorgestellt wurde, feiert es seinen 100. Geburtstag. Bei der 106. Frankreich-Rundfahrt 2019 wird das Leadertrikot besonders im Fokus stehen und seine Geschichte durch vielfältige Art gefeiert. 1919 hatte Tour-Gründer Henri Desgrange die Idee, den Gesamtführenden optisch hervorzuheben. Warum ausgerechnet in Gelb? Da gehen die Auffassungen der Tour-Historiker (ja, die gibt es tatsächlich) auseinander. Einerseits wurde die veranstaltende Sportzeitung L’Auto in gelber Farbe gedruckt, andererseits soll damals kurz nach dem ersten Weltkrieg keine andere Stofffarbe verfügbar gewesen sein, heißt es. Egal welcher Version man glaubt, die Erfindung war eine brillante Idee. 

"Der heilige Gral"

Denn "das Gelbe" ist inzwischen eine weltweite Marke geworden, das Wiedererkennungszeichen der Tour schlechthin. Kein anderes Trikot erreicht den Stellenwert dieses Stückchens Stoff. Egal ob ein Nationaltrikot im Fußball, das Grüne Sakko bei den US-Masters im Golf oder aber auch das Regenbogentrikot des Rad-Weltmeisters - kein Sportdress kommt an das Maillot jaune heran. Fünffachsieger Miguel Indurain formulierte es während der Strecken-Präsentation in Paris so: "Das Gelbe Trikot ist die höchste Krönung; es ist eine Ehre, es zu tragen. Es ist der heilige Gral."

Radsport Tour de France 1985: Bernard Hinault im Gelben Trikot (picture-alliance/AFP)

Bernard Hinault: "Ich hatte immer nur eins im Sinn: Gelb."

Dabei war die Premiere alles andere als strahlend. Die Tour de France 1919 und deren Fahrer waren gezeichnet von den Folgen des Ersten Weltkriegs, der Europa und inbesondere auch Frankreich verwüstet hatte. Als der Franzose Eugène Christophe am Start der elften Etappe als erster Fahrer mit dem gelben Leibchen ausgezeichnet wurde, waren nur noch zehn Fahrer neben ihm im Rennen. Das Peloton war durch Defekte, Stürze, aber auch Spätfolgen von im Weltkrieg erlittenen Verletzungen ausgedünnt. Das Gelbe Trikot, damals noch kein aerodynamisches Lycra-Gewebe, sondern ein kaum atmungsaktives Wollhemd, wechselte anschließend den Besitzer. Die Tour 1919 gewann am Ende der Belgier Firmin Lambot, Christophe, der leer ausging, blieb eine eher tragische Figur der Tour-Geschichte, wie die Franzosen sie lieben. Eine weitere war Raymond Poulidor, der dreimal Zweiter und fünfmal Dritter der Tour wurde, aber niemals in Gelb fuhr.

Tragik überstrahlt Triumph

Apropos: Tragik und Drama haben das Gelbe Trikot erst zu dem gemacht, was es ist. Der überlegene Sieger wurde nicht selten von der Geschichte des tragischen Verlierers überschattet. Da wäre zum Beispiel die von von Luis Ocaña. Der aufstrebende Spanier fuhr 1971 ein bravouröses Rennen und dabei sogar den großen Eddy Merckx förmlich an die Wand. Sieben Minuten Vorsprung hatte Ocaña bereits, als er wenige Tage vor dem Ende der Tour auf der regennassen Abfahrt vom Col de Menté unter Druck gesetzt wurde und stürzte. Er gab die Tour auf, sein schmerzverzerrtes Gesicht ging ein in die Tour-Historie. Oder Wim van Est, dessen Name untrennbar mit jener Anekdote von 1951 verbunden ist, als er in Führung liegend die Abfahrt vom Col d'Aubisque zu optimistisch nahm. Der Niederländer raste über den Straßenrand hinaus und stürzte 70 Meter in die Tiefe. Mit einer aus Ersatzschläuchen gebastelten Rettungsleine zog man ihn wieder hoch, und außer ein paar Kratzern und Rissen im Gelben Trikot fehlte van Est tatsächlich nichts. 

Tour de France 2003 Jan Ullrich und Lance Armstrong (Getty Images/AFP/F. Fife)

Auch der Betrug gehört zur Geschichte des Gelben Trikots. Prominente Vertreter: Ullrich (l.) und Armstrong (r.)

Alle diese Geschichten sind Teil der Faszination und Ehre, das Gelbe Trikot tragen zu dürfen. So sagte Bernard Hinault am Donnerstag in Paris: "Ich hatte immer nur eins im Sinn: Gelb." Und Eddy Merckx ergänzte: "Für mich war es ein Kindheitstraum, das Gelbe Trikot tragen zu dürfen." Und der wurde sehr oft wahr: 111 Etappen oder Halbetappen fuhr Merckx in Gelb - so oft wie kein anderer. Nicht nur dem Gelben Trikot, auch ihm wird die Tour 2019 huldigen. Der Start in der belgischen Haupstadt Brüssel soll an den "Kannibalen" erinnern. 

Nur ein Stück Stoff?

266 Radprofis durften das Gelbe Trikot in den vergangenen 99 Jahren tragen - und haben es mit ihren Leistungen zu mehr gemacht, als es eigentlich ist. "In einem Jahrhundert wurde das Gelbe Trikot zur Legende", meint Tour-Direktor Christian Prudhomme. "Es hat alles erlebt: Das Gute, die größten Helden, aber auch das Schlechte, den Betrug. Und warum? Es ist wie das Leben." Was man aus einem Stückchen Stoff alles machen kann ...

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