Die Taubenflüsterer | Deutschland | DW | 12.11.2018
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Weltkulturerbe

Die Taubenflüsterer

Der Brieftaubensport könnte "Immaterielles Weltkulturerbe" der UNESCO werden. Züchter sind begeistert, Tierschützer entsetzt.

Brieftauben sollen Weltkulturerbe werden (DW/O. Pieper)

​"Beste Brieftaube im Schlag" - Peter Welter legt seine Hände liebevoll um seinen schnellsten Vogel​

Peter Welters Augen leuchten, seine Stimme bebt. Er hebt seine Arme, so als ob er nach einem langen Flug selbst gleich landen würde. "Wenn die Brieftaube ihre Flügel anzieht und zu Hause landet, das ist immer wieder das Schönste. Da schlägt mein Herz höher."

Es sind diese magischen Momente, die den 74-Jährigen aus dem Bonner Vorort Hersel seit mehr als einem halben Jahrhundert motivieren, weiter Brieftauben zu züchten. Jeden Morgen und jeden Abend lässt er seine 65 Brieftauben fliegen, macht die Verschläge sauber, besorgt Futter mit Mineralien und Vitaminen und bringt kranke Tauben zum Tierarzt. An manchen Sonntagen nimmt er an Wettkämpfen teil. "Es ist wie eine Sucht", erklärt Peter Welter sein Hobby, für das er jeden Tag um die vier Stunden investiert. Logisch, dass seine Frau ihn nie vor die Wahl stellen würde, sich zwischen ihr und den Tauben zu entscheiden. "Das wäre ein Scheidungsgrund", sagt der Rentner mit einem Lachen.

Ein Leben für die Brieftauben

Als Knirps mit gerade einmal sechs Jahren fing Welter an, sich für Brieftauben zu begeistern. "Schon da hatte ich mich jeden Tag um sechs Tauben gekümmert, mein Onkel war auch Züchter, mit 15 Jahren habe ich dann mit dem Brieftaubensport angefangen", erzählt Welter mit breitestem rheinländischem Dialekt. "Die Tiere waren von klein an mein Ein und Alles." Wenn der Begriff passionierter Brieftaubenzüchter auf jemanden zutrifft, dann auf ihn. Zwei Taubenschläge hat Welter immer noch, einen für die Jungtiere draußen auf dem Hof, einen für die betagteren Tauben im ersten Stock seines Hauses.

Brieftauben sollen Weltkulturerbe werden (DW/O. Pieper)

"Ich baue zu allen meinen Tieren eine enge Beziehung auf" - Brieftaubenzüchter Peter Welter

Und dann ist da noch ein ganz besonderer Raum. "Willkommen im Taubenzimmer." Welter öffnet die Tür und zeigt stolz auf die eingerahmten Urkunden, die mattgoldenen Siegerpokale und die schwarzweißen Schnappschüsse aus vergangenen Tagen an der Wand. Natürlich dürfen dort die Bilder seiner erfolgreichsten Brieftauben nicht fehlen. 1992 hat Welter gegen 1500 Züchter die Gutflug-Meisterschaft von Belgien gewonnen, "das war eine Sensation und für mich als kleiner Züchter ein Riesenerfolg!"

Zahl der natürlichen Feinde wächst

Im Hof gleich neben dem Taubenschlag zeigt Welter auf einen weit entfernten Punkt am Himmel, den wohl nur ein Brieftaubenzüchter mit geschultem Adlerauge erkennen kann. "Da ist der Halunke! Ein Wanderfalke. Der wartet nur darauf, dass ich meine Tiere fliegen lasse!" Falken, Habichte, Bussarde und Sperber werden für die Tauben immer mehr zum Problem, weil die Greifvögel unter Artenschutz stehen und ihre Population wieder wächst. Und dann sind da noch Flugzeuge, Windräder, die Hochspannungsmasten und der Klimawandel. Für die Brieftauben wird es heutzutage immer schwieriger, an ihr Ziel zu kommen.

Brieftauben sollen Weltkulturerbe werden (DW/O. Pieper)

Für 175.000 Euro wurde neulich eine Brieftaube versteigert - von solchen Preisen träumt Welter in seinem Schlag

Voraussichtlich am 7.Dezember will die UNESCO entscheiden, ob der Brieftaubensport ins deutsche Verzeichnis des Immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wird. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat den Vorschlag eingereicht – kein Wunder, gibt es doch vor allem im Ruhrpott besonders viele Züchter. "Wenn die UNESCO den Brieftaubensport schützen will, wäre das für uns Züchter natürlich ein Ritterschlag!", betont Peter Welter.

Die "Taubenfrau" ist dagegen

Für Rosemarie Dolatshahi wäre die Brieftaube als Kulturerbe alles andere als ein Ritterschlag – vielmehr ein Schlag in die Magengrube. Sie kümmert sich seit mehr als 35 Jahren um das Wohl der Stadttauben, Mitarbeiter der Stadt und der Polizei in Bonn haben ihr den treffenden Spitznamen "Taubenfrau" verpasst. "Ich war schon immer eine engagierte Tierschützerin und habe die Tauben damals als gar nicht so hilfsbedürftig gesehen", erläutert die 78-Jährige ihren Entschluss von damals, "aber als ich gesehen habe, wie die Vögel überall behandelt werden, war die Entscheidung für mich klar."

Bonn: Rosemarie Dolatshahi im Taubenschlag (DW/P. Hille)

"Die Menschen sind in der Regel gegen die Tauben eingestellt" - "Taubenfrau" Rosemarie Dolatshahi

In der Auffangstation im Bonner Stadtteil Dottendorf, einem 100 Quadratmeter großen Schuppen, haben viele pflegebedürftige Tauben vor elf Jahren ein neues Zuhause gefunden, zurzeit flattern 300 Vögel in dem Holzbau umher - auch ein Verdienst der "Taubenfrau", die all ihre Ersparnisse in den Bau hineingebuttert hat und das Futter und die Pflege der Tauben zu großen Teilen bezahlt.

"Es ist meine Lebensaufgabe", sagt Dolatshahi mit Tränen in den Augen, "ich mache weiter, solange ich kann." Dass sie strikt gegen die Auszeichnung der UNESCO ist, hat einen einfachen Grund: "Es landen jede Woche mehr Brieftauben hier bei mir, weil sie die langen Strecken nicht schaffen. Sie werden einfach nur ausgebeutet und viele Züchter wollen sie dann nicht mehr zurück."

Brieftauben gut, Stadttauben böse

Martina Schneider arbeitet ehrenamtlich in der Auffangstation mit, die 51-Jährige nimmt dafür in Kauf, im besten Fall belächelt, oftmals aber auf der Straße wüst beschimpft zu werden. Aus einem einfachen Grund: "Stadttauben gelten als Ratten der Lüfte und haben ein extrem schlechtes Image, Brieftauben dagegen einen positiven Ruf."

Neulich war Schneider beim Tierarzt, mit einer Taube, die sie zu Hause pflegt. "Da haben die Leute im Wartezimmer gesagt, schau mal wie schön, eine Brieftaube. Als ich dann gesagt habe, dies sei aber eine Stadttaube, stand den Menschen das blanke Entsetzen im Gesicht!"

Bonn: Rosemarie Dolatshahi im Taubenschlag (DW/P. Hille)

Der Bestand der Tauben ist in den vergangenen Jahren in Deutschland stark zurückgegangen

Dabei ist es denkbar einfach: Brieftauben haben zwei Ringe am Fuß (den Identifikationsring des Züchters und den Chip-Wettkampfring), Stadttauben keinen. Die meisten Menschen könnten sie sonst sowieso nicht auseinanderhalten, ist sich Schneider sicher. "Ich befürchte einfach, dass mit Brieftauben als Weltkulturerbe die Züchter einen Boom erfahren. Und das trotz der Verstöße einiger Züchter gegen das Tierschutzgesetz, welche die Tauben überfordern."

Brieftaubenzüchter vor dem Aus?

Peter Welter glaubt nicht an diesen Boom. Der Mann, der seine Tauben ironischerweise genauso heiß und innig liebt wie Rosemarie Dolatshahi und Martina Schneider, sieht das Brieftaubenwesen, unabhängig von der Entscheidung der UNESCO, vom Aussterben bedroht: "Die Jugend hat kein Interesse an diesem Sport, in zehn Jahren gehen hier in Bonn die Lichter aus."

30.000 Brieftaubenzüchter sind noch im Deutschen Verband registriert, Tendenz sinkend, im Bonner Umkreis bestünden die Vereine meist nur noch aus einem Mitglied, sagt Welter. Der Brieftaubenzüchter hat dafür sogar Verständnis und meint mit einem Lächeln: "Wer stellt sich schon sonntags auf die Straße, so wie wir früher zu zehnt, nur um in die Luft zu schauen?"

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