Die Schwimmlehrer der Nation | Deutschland | DW | 03.11.2013
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Deutschland

Die Schwimmlehrer der Nation

Tausende Menschen verdanken ihnen ihr Leben: Seit 100 Jahren halten die Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft am Wasser Wacht. Besonders Kinder sollen früh den Umgang mit dem Wasser lernen.

Selma nimmt ihren ganzen Mut zusammen - und springt vom Rand des Beckens ins tiefe Wasser. Mit dem ganzen Körper taucht die Fünfjährige ins Wasser ein, es spritzt nur so in alle Richtungen. "Gut gemacht, gib mir fünf!", lobt Claudia Stiewe, die dem kleinen Mädchen schnell unter die Arme greift.

So tapfer Selma auch ihre Angst vor dem feuchten Element bezwungen hat, schwimmen kann sie in dem über einen Meter tiefen Becken noch nicht. Neun Augenpaare verfolgen von der Treppe am Rand des Beckens neugierig alles, was Selma im Wasser macht. Fünf Mädchen und fünf Jungs haben gerade Prüfung bei den Rettungsschwimmern der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in einem Hamburger Schwimmbad.

Schwimmkurs für Kinder (Foto: DLRG)

Rettungsübung beim Schwimmkurs für Kinder

Schwimmen im Schlafanzug

Die Kleinen dürfen heute, was sonst streng verboten ist: in Schlafanzügen ins Wasser steigen. Am eigenen Leib sollen sie erfahren, wie schwer die Bewegung im Wasser mit Kleidung ist. "Komisch" finden das die Kinder. "Ab ins Wasser - aber sicher!" heißt der Kurs, in dem die DLRG in Hamburg Kindern die Angst vor dem Wasser nehmen möchte.

Acht Wochen lang haben Claudia Stiewe und Melanie Landsberg als Ausbilderinnen der DLRG mit den Kindern geübt. Ein Schwimmkurs ist die Veranstaltung aber nicht. "Das ist die allererste Stufe", meint Melanie Landsberg. "Erst einmal das Wasser kennenlernen, bevor ich überhaupt schwimmen lernen kann." In Folgekursen wird den Kindern dann das 'richtige' Schwimmen beigebracht.

Für Selma geht die Prüfung weiter. "Auf den Bauch legen, Beine lang, zusammen die Füße", erklärt Claudia Stiewe dem Kind, was nun ansteht: der "Seestern". Selma soll mit ausgebreiteten Armen und Beinen rund zehn Sekunden auf dem Rücken treiben. Eine Übung, mit der auch Menschen, die keine guten Schwimmer sind, oberhalb der Wasseroberfläche bleiben können, bis Hilfe eintrifft.

Schwimmkurs für Kinder (Foto: DLRG)

In Schwimmkursen lernen Kinder spielerisch, sich im Wasser wohlzufühlen

Immer weniger Ertrunkene

383 Menschen sind im Jahr 2012 in Deutschland ertrunken, so wenige wie nie zuvor seit Gründung der DLRG im Jahr 1913. "Wir haben festgestellt, dass über 40 Prozent der Grundschüler nicht richtig schwimmen können", erklärt Melanie Landsberg, "und das geballt in den Armutsbezirken in Hamburg". Aus diesem Grund lautet Selmas letzte Aufgabe: Tauchen. Sie muss einen Stab aus schultertiefem Wasser wieder heraufholen.

Aber Selma hat Angst. Erst nach viel Überredungskunst und Anfeuerung taucht das Mädchen schließlich unter - und kommt mit dem Stab in der Hand wieder herauf. Geschafft! Gleiten, Atmung, Sicherheit, Sprung und Tauchen sind die fünf Punkte, die die Kinder geübt haben. "Ich fordere, aber überfordere die Kinder nicht", erklärt Claudia Stiewe ihr Konzept.

"Jeder Deutsche - ein Schwimmer"

Steg im Ostseebad Binz (Foto: Sammlung Dr. Harald Jatzke)

Unglück 1912: Steg-Einsturz im Ostseebad Binz auf Rügen

Vor rund 100 Jahren konnten nur zwei bis drei Prozent der Deutschen schwimmen. Rund 5000 Ertrunkene pro Jahr waren die Folge. Im Sommer 1912 etwa kam es zu einem Unglück: Beim Einsturz einer 500 Meter langen Seebrücke auf Rügen starben 17 Menschen.

Gut ein Jahr später wurde deshalb in Leipzig die DLRG gegründet. "Jeder Deutsche ein Schwimmer, jeder Schwimmer ein Retter", schrieben sich die Gründer auf die Fahnen - und lehrten die Deutschen das Schwimmen. Zudem sollten die Schwimmer lernen, andere Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Heute passen DLRG-Rettungsschwimmer am Meer, an Badeseen, an Flüssen und in Schwimmbädern auf. Rund 60.000 Menschen haben sie seit 1950 vor dem Ertrinken bewahrt. Heute verfügt die Gesellschaft über mehr als eine halbe Million Mitglieder.

Schwimmen spielend lernen

Ihren 100. Geburtstag feierte die DLRG im Oktober in Berlin - mit einer großen Bootsparade. Gleichzeitig protestierten die Rettungsschwimmer gegen die Schließung von Schwimmbädern, damit Kinder wie Selma auch weiterhin Schwimmen lernen können.

Mittlerweile taucht Marco auf den Grund des Schwimmbeckens und kommt stolz mit dem Stab in der Hand an die Wasseroberfläche. "Als wir damit angefangen haben, waren die Kinder unheimlich ängstlich. Einige haben geweint", berichtet die Erzieherin Angelika Taube über den ersten Tag des Schwimmkurses. Von Angst ist im Wasserbecken mittlerweile nichts mehr zu spüren. Ausgelassen planschen und spielen die Kinder.