Die Qual mit den Sprachen | Europa | DW | 26.09.2013
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Europa

Die Qual mit den Sprachen

Mit dem "Europäischen Tag der Sprachen" wollen Europarat und Europäische Union das Sprachenlernen fördern. Denn da gibt es jede Menge Nachholbedarf: Einige Länder sind regelrechte Fremdsprachmuffel.

Jeder Europäer soll außer seiner Muttersprache noch mindestens zwei weitere Sprachen beherrschen. Das ist sogar offizielles Ziel der EU. Die Staats- und Regierungschefs höchstpersönlich haben es dem Staatenbund zur Aufgabe gesetzt. Aber es ist offenbar allzu ehrgeizig. Die Wirklichkeit jedenfalls ist weit davon entfernt. Nach einer EU-Befragung gibt nur gut die Hälfte der Europäer an, mindestens eine Fremdsprache zu sprechen. Und Tests unter 14-jährigen Schülern haben ergeben, dass nur 42 Prozent ihre erste Fremdsprache wirklich beherrschen und nur ein Viertel die zweite - wenn es überhaupt eine zweite gibt. Das sind Durchschnittswerte. Es gibt aber enorme Unterschiede von Land zu Land. Tabellenführer ist - wohl wenig erstaunlich - das kleine, an der deutsch-französischen Sprachgrenze liegende Luxemburg, wo 99 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Fremdsprache sprechen. Malta und Schweden bringen es beide noch auf stattliche 82 Prozent (jeweils mit Englisch). Ganz am Schluss stehen Frankreich, wo ganze 14 Prozent Englisch sprechen, und Großbritannien, dort beherrschen nur neun Prozent die erste Fremdsprache Französisch.

"Wir wollen die Vielfalt feiern"

Eine Tafel mit den Sprachkanälen für die Übersetzung in der EU-Kommission (Foto: DW/Joanna Impey)

In der EU hat jede Sprache ihren festen Platz

Der Europarat, in dem alle europäischen Länder vertreten sind, und die Europäische Union wollen den Bürgern auf die sprachlichen Sprünge helfen und haben den 26. September zum europäischen Tag der Sprachen erklärt. Was genau der Tag soll? Diese Frage beantwortet Dennis Abbott, Sprecher von EU-Bildungs- und Kulturkommissarin Androulla Vassiliou, im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Wir haben 24 offizielle EU-Sprachen. Wir haben außerdem mehr als 60 regionale Minderheitensprachen. Wir wollen diese Vielfalt feiern. Wir wollen aber auch Schulen, Schüler und Erwachsene ermutigen, in das Sprachenlernen Zeit zu investieren." Auch der Europarat fördert Mehrsprachigkeit in der Erkenntnis, "dass sprachliche Vielfalt zu einem besseren Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturen beitragen kann und zu den zentralen Bestandteilen des kulturellen Erbes unseres Kontinents zählt." So heißt es offiziell auf der Webseite des Europäischen Fremdsprachenzentrums in Graz. Diese zwischenstaatliche Einrichtung unterstützt die Mitgliedsstaaten des Europarats bei der Sprachenbildung.

Die Schule kann abschrecken

Eine aufzeigende Hand und eine Lehrerin in der Oberstufe von einem Gymnasium (Foto: Rainer Unkel)

Nicht jeder hat gute Erinnerungen an den Sprachunterricht in der Schule

Ihr Leiter ist der Pole Waldemar Martyniuk. Er selbst ist Vorbild im Sprachenlernen. Er erklärt im Interview mit der DW - in einwandfreiem Deutsch -, wie er sich im Laufe des Lebens außerdem ins Russische, Schwedische, Englische, Französische und jüngst ins Mazedonische eingearbeitet hat, allerdings mit unterschiedlichem Niveau. Er sei als Schüler geradezu "sprachenbesessen" gewesen, habe damals Sprachen "als Schlüssel zur weiten Welt" verstanden. Dabei habe ihn der Deutschunterricht in der Schule abgeschreckt. So habe er sich die deutsche Sprache zuhause selbst beigebracht. Beim Thema Schule seufzt Martyniuk. Nicht immer sei sie der beste Sprachvermittler: "Sprachen zu entwickeln ist eigentlich eine natürliche Freude, die einem oft vergeht, wenn es zu einem Schulfach gemacht wird." Der Brite Dennis Abbott spricht Französisch, wie es von einem Kommissionsvertreter erwartet wird, etwas Deutsch, Polnisch und Griechisch, aber sogar Walisisch.

Ist die Vielfalt in Gefahr?

Ein Mann hält ein Oxford- Wörterbuch (Foto: Ian Nicholson/dpa)

Lässt Englisch den anderen Sprachen überhaupt noch Platz?

Walisisch gehört zu den Sprachen, die innerhalb eines EU-Mitgliedsstaates von einer Minderheit gesprochen werden, wie zum Beispiel auch Baskisch oder Okzitanisch. Aber selbst mittelgroße nationale Sprachen scheinen inzwischen Mühe zu haben, sich gegen das allmächtige Englisch zu behaupten. Verdrängt das Englische am Ende alle anderen Sprachen? In den europäischen Institutionen beispielsweise werden zwar offizielle Dokumente in alle offizielle Sprachen der Mitgliedsstaaten übersetzt. Aber in der täglichen Praxis der EU setzt sich das Englische auch dort immer mehr durch.

Trotzdem sind sich sowohl Dennis Abbott als auch Waldemar Martyniuk sicher, dass die sprachliche Vielfalt bleiben wird. Die kleineren Sprachen würden sogar an Bedeutung gewinnen, meint Martyniuk. "Auf dem Arbeitsmarkt wird oft nicht mehr nach Englisch gefragt, weil das als selbstverständlich angenommen wird, sondern nach anderen Sprachen, die man anbieten kann." Auch Abbott sagt, ein spanisches Unternehmen, das in Deutschland verkaufen wolle, könne sich nicht allein auf Englisch als internationale Verkehrssprache verlassen.

Zugangstor zu neuen Welten

Doch den beiden 'offiziellen Sprachvertretern' ist es ganz wichtig, dass es beim Sprachenlernen nicht nur darum geht, dass die Europäer ihre Beschäftigungsmöglichkeiten und ihre Mobilität verbessern. So redet Waldemar Martyniuk von der "Freude" beim Sprachenlernen, Dennis Abbott vom "Spaß". Als junger Mensch habe er den Wert von Sprachen völlig unterschätzt, gibt Abbott zu. Aber "indem ich Französisch und Deutsch lernte, habe ich auch angefangen, mich für französische und deutsche Filme zu interessieren, denen ich wahrscheinlich nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wenn nicht die beiden Sprachen diese Türen aufgestoßen hätten." Eine Sprache bringe einem "ein ganzes Paket".

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