Die Qual der Wahl - Johnson gegen Corbyn | Europa | DW | 20.11.2019
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Großbritannien

Die Qual der Wahl - Johnson gegen Corbyn

Die einzige TV-Debatte zwischen den Kandidaten der beiden großen Parteien endete unentschieden. Weder Boris Johnson noch Jeremy Corbyn konnten persönlich überzeugen oder dem Gegner den entscheidenden Schlag verpassen.

Boris Johnson ließ sich vor dem einzigen Fernsehduell der beiden Spitzenkandidaten im britischen Wahlkampf erst noch im Fitnessstudio bei einem fiktiven Boxtraining filmen. Welcher PR-Guru hatte sich wohl ausgedacht, den sichtlich unfitten Premier in Schlips und Kragen schwächliche Schläge gegen einen Sparrings-Partner vorführen  zu lassen? Allerdings waren die Bilder von Jeremy Corbyn beim Barbier auch nicht viel besser - sollte die Rasur darauf hinweisen, dass der Labour-Führer bereit sei, alte Bärte endlich abzuschneiden?

Wie das Vorgeplänkel so die Debatte: Keiner der beiden Kandidaten landete einen entscheidenden Schlag beim Gegner. Boris Johnson ist längst kein so guter Debattierer, wie er selbst und seine Anhänger glauben, und Jeremy Corbyn fehlen Witz und Wendigkeit, um einen nur mäßig starken Johnson in die Ecke zu drängen. 

Boris Johnson (picture-alliance/AP Photo/F. Augstein)

Warm-up fürs TV-Duell - Premierminister Boris Johnson

Gelächter für die Kandidaten

Es ging um persönliche Integrität, das Ende der Sparpolitik und natürlich um den Brexit. Und da erwischte Boris Johnson den Oppositionsführer bei seiner größten Schwäche - seiner unklaren Brexit-Politik. Corbyn versprach, er werde nach seinem Wahlsieg einen besseren Deal mit der EU aushandeln, um ihn dann in einem zweiten Referendum zur Abstimmung zu stellen. Alternative wäre der Verbleib in der EU. Bloß wollte der Labour-Chef um keinen Preis sagen, ob er dabei für den Brexit oder für "Remain" kämpfen würde.

TV-Duell im Wahlkampf in Großbritannien (picture-alliance/dpa/PA Wire/S. Rousseau)

Gut gelaunt mit den Anhängern - Labourchef Jeremy Corbyn

"Warum sagt er nicht, wo er beim Brexit steht", griff Johnson immer wieder an, so dass schließlich das Publikum Corbyns Ausweichversuche mit spöttischem Gelächter quittierte. Ähnlich erging es dann allerdings dem Premierminister in punkto Ehrlichkeit. Ein Zuschauer hatte sehr ernsthaft nach Glaubwürdigkeit und Integrität der beiden Kandidaten gefragt, und Boris Johnson sah sich schließlich gezwungen zu behaupten, er finde Ehrlichkeit in der Politik sehr wichtig. Was wiederum ihm eine Runde Hohngelächter eintrug. Die Zuschauer im Saal kannten die Schwächen  beider Kandidaten durchaus, und die Debatte schien eher nicht geeignet, ihnen die Qual der Wahl zu erleichtern.  

Erst den Brexit erledigen…

Erinnert man sich noch an Theresa Mays monotones Versprechen, ihre Politik werde "stark und stabil" sein? Boris Johnson überflügelt seine Vorgängerin noch, indem er  unentwegt wiederholt, dass man erst den "Brexit hinter sich bringen" müsse, dann werde alles gut. Dann werde es mit der britischen Wirtschaft bergauf gehen, man werde Milliarden in die Infrastruktur investieren, das geteilte Land wieder zusammen führen, und es werde am Ende sogar aufhören zu regnen - alles, wenn erst "der Brexit erledigt" sei. All seine "phantastischen"  Wahlversprechen verband der Premier mit der magischen Kraft des Brexit, dem Wundermittel der Konservativen Partei. 

 Boris Johnson's Brexit Battlebus (Getty Images/J. Taylor)

Der Slogan für das Brexit-Referendum 2016: "Wir schicken wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU"

Außerdem legte der Premier sich kühn einmal mehr darauf fest, er werde es bis Ende nächsten Jahres schaffen, einen Handelsvertrag mit der EU abzuschließen, schließlich sei man ja perfekt angeglichen bei der Regulierung. Allerdings verschwieg er, dass er die europäischen Regeln ja gerade über Bord werfen will, so dass ein Vertrag entweder viel länger dauern oder ganz minimal ausfallen wird. Die Moderatorin musste ihn dabei daran erinnern, dass er auch ganze vierzig Mal den Brexit für den 31.Oktober versprochen hatte, was am Ende nicht klappte.

Kampfplatz Gesundheitssystem

Der Kampf um das Gesundheitssystem (NHS) kann in Großbritannien Wahlen entscheiden. Es ist ständig unterfinanziert, skandalgeplagt und ein politischer Krisenherd. Boris Johnson behauptete einmal mehr, seine Regierung werde 40 neue Krankenhäuser bauen. Da hätte ihn Corbyn gleich festnageln müssen - es sind nämlich nur sechs, das übrige Geld wird für Renovierungen und laufenden Unterhalt gebraucht. Dieses konservative Wahlversprechen ist längst entblättert, warum aber lässt der Oppositionsführer es einmal mehr durchgehen?

Video ansehen 04:29

NHS - Ärzte dringend gesucht

Das NHS ist trotz seiner Schwächen die heilige Kuh der britischen Politik. Die längst bekannte Lüge auf dem Brexit-Bus vor drei Jahren half zumindest dabei, das Referendum zu gewinnen. Und so verbrachten beide Kandidaten viel Zeit damit, den Wählern das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen, Milliardeninvestitionen und jede Menge neues Personal. Wobei Boris Johnson unterschlug zu erklären, wo die Tausende von Krankenschwestern und Ärzten herkommen sollen, die er einstellen will, um den Personalmangel zu beheben. Aus der EU können sie nach dem Brexit schließlich nicht mehr kommen.

Jeremy Corbyn wiederum landete einen Punkt, als er Mitschnitte von geheimen Gesprächen über einen Handelsvertrag mit den USA erwähnte, wonach die USA als Wettbewerber Zugang zum britischen Gesundheitssystem bekommen wollen. Das gehört tatsächlich zu den Forderungen der Trump-Regierung. Boris Johnson schwor dagegen, das werde er nie und nimmer zulassen. Noch ein Versprechen, dass an dem Gelächter über die Frage nach seiner Ehrlichkeit zerschellen dürfte.

Eine Kurzumfrage nach der Debatte sah Boris Johnson ganz knapp vor Jeremy Corbyn - im Prinzip aber ging das Duell wohl unentschieden aus, war eher langweilig und konnte unentschiedenen Wählern die Qual der Wahl kaum erleichtern.

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