Wenn Arbeitskleidung für Frauen zum Sicherheitsrisiko wird
20. April 2026
Jennifer Herb ist viel bei Wind und Wetter entlang der Gleise unterwegs. Die Rangierbegleiterin bei DB Cargo, einer Tochter der Deutschen Bahn, prüft Bremsen, inspiziert Fahrwerke, kuppelt und entkuppelt Güterwagen. Ihre Arbeitskleidung muss dabei jede Bewegung mitmachen: Bücken, Klettern, Drehen und kilometerlang auf unebenem Boden laufen. Sie muss bei Tag und Nacht gut sichtbar sein und vor Schnee, Wind, Sonne und Regen schützen.
Herb trägt eine taillierte Warnschutz-Jacke und Hose in knalligem Orange mit Leuchtstreifen und einem hohen Stretch-Anteil. "Die Kleidung ist freundlich zu mir, wie ein weiterer Arbeitskollege", sagt die Rangierbegleiterin im Blog von Berufsbekleidungshersteller Bierbaum-Proenen (BP). Früher war Warnschutz eher steif und schwer. Erst recht für Frauen, die Männerkleidung trugen - in kleinen Größen.
Nicht passende Kleidung kann zu Arbeitsunfällen führen
Diese Kleidung war oft an den Hüften zu eng: Die Jacke blieb offen. Zu lange Ärmel mussten aufgekrempelt werden. Frauen stecken in Brusttaschen ungern Werkzeug. Die Hosen zwickten an den Oberschenkeln oder schlabberten in der Taille. Auch Sicherheitsschuhe für Männer passten den schmaleren Frauenfüßen häufig nicht richtig.
Laut einer britischen Studie der Womens Engineering Society (WES) von 2010 fühlte sich über die Hälfte der Befragten durch ihre Persönliche Schutzausrüstung (PSA) bei der Arbeit nicht geschützt, sondern behindert. Das stört die Konzentration, kann Fehler und im schlimmsten Fall Arbeitsunfälle verursachen.
Ausrüster produziert für Frauen
Larissa Zeichhardt führt zusammen mit ihrer Schwester die LAT Fernmelde-Montagen und Tiefbau GmbH, die auf die Verlegung von Starkstromkabeln im Gleisbereich spezialisiert ist. Vor gut zehn Jahren übernahmen die Schwestern den Familienbetrieb.
Die Elektroingenieurin Zeichhardt musste in Schutzkleidung für Männer, wie es damals Standard war, die Baustellen inspizieren. "Das sah nicht nur optisch nicht schön aus, es war auch unpraktisch. Mir war ständig kalt und es war nicht sicher, weil ich ständig hängen geblieben bin. Das kann beispielsweise bei Arbeiten in Tunneln lebensgefährlich sein, wenn ein Zug kommt und man es nicht rechtzeitig in die Tunnelnischen schafft, weil die Jacke an der Wand festhängt."
Daher suchte die Firmenchefin für sich und die Mitarbeiterinnen nach Kleidung in Damenpassform und fand sie beim Kölner Hersteller Bierbaum-Proenen: Es war wie "eine Befreiung", erinnert sie sich.
Berufskleidung muss angenehm sein
Heike Altenhofen ist Produktmanagerin für Berufsbekleidung bei Bierbaum-Proenen. Das 1788 gegründete Unternehmen ist seit sieben Generationen inhabergeführt und stellt seit Ende des 19. Jahrhunderts Berufsbekleidung her. "Damenpassformen gab es für den medizinischen Bereich schon immer", erzählt Altenhofen. Dort würden nun mal die meisten weiblichen Beschäftigten arbeiten.
In den männerdominierten Branchen hätten Frauen aber das Fehlen passender Arbeitskleidung lange klaglos hingenommen. Es hätte eben nur Angebote für Männer gegeben - Frauen kannten es nicht anders. "Außerdem hatte Arbeitskleidung in der Vergangenheit einen anderen Stellenwert als heute: Man trug sie, weil man sie eben tragen musste."
Heute wollen sich Trägerinnen mindestens so wohl fühlen wie in ihrer Freizeit-Outdoorkleidung, meint sie. In den Arbeitssachen verbringt man schließlich bis zu 40 Stunden pro Woche.
Manchmal sind kleine Details entscheidend
Durch eine Kooperation mit der Deutschen Bahn (DB) kam der Kölner Ausrüster vor rund 15 Jahren dazu, Warnschutzkleidung auch auf die weibliche Anatomie zuzuschneiden. Altenhofen: "Die Frauen haben uns zum Teil erzählt, dass sie in Männersachen nicht ernst genommen werden". Die DB-Ingenieurinnen oder Rangiererinnen brachten ihre Ideen ein und probierten die Entwürfe an.
Brustabnäher, Zwei-Wege-Zipper oder ein Gummizug hinten am Hosenbund: Es sind oft kleine Details, die den Unterschied ausmachen. "Die Kundinnen haben uns gespiegelt, es soll wie die Herrenkleidung aussehen. Wir nehmen auch dieselben Materialien", erzählt die Produktmanagerin.
Die Persönliche Schutzausrüstung muss den Anforderungen des jeweiligen Arbeitsplatzes genügen: Sichtbarkeit, Bewegungsfreiheit, Temperatur- und Feuchtigkeitsregulierung, Robustheit, Flammschutz und ähnliches. Heute näht Bierbaum-Proenen für Firmen in der Bau-, Chemie-, Energie-, Verkehrs- und Abfallentsorgungsbranche.
In diesen Bereichen gibt es immer noch relativ wenig Frauen. Im Unterschied zu den Herrenbekleidungsmodellen werden die Damenpassformen nicht alle auf Vorrat hergestellt, so Altenhofen. "Aber sie werden mit konzipiert und von Prüfinstituten zertifiziert. Deswegen können wir sie auch anbieten."
Der Umsatz damit sei nicht groß. Es sei jedoch wichtig, sie im Sortiment zu haben, um die Kunden zufriedenzustellen. "Selbst wenn es nur eine Frau ist, die dort arbeitet, sie muss auch passend gekleidet sein."
Arbeitgeber verbessern ihr Image mit Berufsbekleidung für Frauen
Mittlerweile forderten auch einige Unternehmen in ihren Ausschreibungen, dass Frauenkleidung angeboten wird, so die Produktmanagerin: "Wir haben deswegen schon Projekte gewonnen". Arbeitgeber, die auf gendergerechte Berufsbekleidung achten, verbessern ihr Image. Das trage sehr zur Identifikation mit dem Beruf und dem Arbeitgeber bei, so Altenhofen. Besonders die Großunternehmen würden darauf achten und oft auch die Betriebsräte.
Zeichhardt, die Chefin der LAT Fernmelde-Montagen und Tiefbau GmbH, ist überzeugt, dass die modische und bequeme Arbeitskleidung mit ein Grund sei, dass LAT mehr Bewerbungen von jungen Frauen bekomme als es in der Branche üblich ist. Auch Sina Klein, Influencerin und Dachdecker-Meisterin, betont die Notwendigkeit einer "vernünftig sitzenden" und attraktiven Berufsbekleidung, um Frauen für das Handwerk zu gewinnen.
Frauenberufskleidung als Alleinstellungsmerkmal
"Nur Schutzkleidung, die gerne getragen wird, weil sie bequem ist, kann auch im Ernstfall schützen", sagt Lena Hojland, Produktdirektorin beim dänischen Workwear-Produzenten Fristads, in einem Interview für das Fachportal Bausicherheit. "Sperrige Kleidung wird gerne mal abgelegt, auch in riskanten Arbeitsbereichen."
Das Thema spezielle Berufsbekleidung für Frauen wird immer präsenter. Inzwischen haben einige Ausrüster ein Sortiment für Frauen in ihrem Programm, beispielsweise die Unternehmen Mascot, Kübler, Carhartt, Fristads, Diadora.
"Viele Großkunden wünschen sich eine Workwear-Lösung für die ganze Belegschaft aus "einem Guss". Auch wenn der Frauenanteil vielleicht nur bei zehn Prozent liegt", so Hojland. "Wer hier nicht geschlechterübergreifend anbieten kann, ist oft raus aus dem Projekt."