Die neue Stärke der Hisbollah | Nahost | DW | 03.09.2019
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Nahostkonflikt

Die neue Stärke der Hisbollah

Hisbollah-Chef Nasrallah hat Israel offen mit Angriffen gedroht. Tatsächlich hat die Hisbollah massiv aufgerüstet. Zwei Wochen vor den Knesset-Wahlen wächst die Kriegsgefahr zwischen Israel und der Miliz.

Libanon Hisbollah | Hassan Nasrallah (picture alliance/dpa/M. Naamani)

Hisbollah-Anhänger verfolgen eine Videobotschaft von Hisbollah-Generalsekretär Nasrallah

Die Warnung war deutlich: "Bei Attacken gegen den Libanon werden alle eure Soldaten und eure Siedlungen bedroht werden", sagte der Chef der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, am Montag in einer Video-Ansprache. Die Warnung richtete sich an Israel. Die Hisbollah könne auch Angriffe "im Herzen" des Nachbarlandes ausführen, sollte dieses den Libanon erneut angreifen. Die "roten Linien", die Israel an seiner Grenze gezogen habe, existierten nicht mehr.

Die Warnung folgte kurz nach einer Äußerung des israelischen Außenministers Israel Katz. Nach Darstellung seines Ministeriums bat er seinen deutschen Amtskollegen, die Regierung in Beirut vor "Schaden" für den gesamten Libanon zu warnen, sollte die Hisbollah ihre Handlungen gegen Israel nicht stoppen.

Katz Äußerung wiederum fiel im Kontext der Entwicklungen am vergangenen Wochenende. Nach eigenen Angaben beschoss die schiitische Miliz israelische Militärfahrzeuge und einen Stützpunkt nahe der Ortschaft Avivim mit mehreren Panterabwehrraketen. Daraufhin attackierte die israelische Armee Ziele im Südlibanon.

Libanon Maroun Al-Ras Grenze Israel Artillerie Beschuß (Reuters/A. Taher)

Libanesisches Territorium südlich der Grenze zu Israel am 1. September unter Beschuss

Hisbollah rüstet auf 

Der Schlagabtausch findet vor dem Hintergrund einer dramatischen Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen Israel und der Hisbollah statt. Die Hisbollah, heißt es in einer Studie des in Washington ansässigen "Center for Strategic and International Studies" (CSIS), sei der weltweit am besten bewaffnete nichtstaatliche Akteur. Besaß die Gruppe während des Libanon-Krieges im Jahr 2006 rund 15.000 Raketen, so verfüge sie mittlerweile über 130.000.

Diese machten vor allem der israelischen Luftwaffe zu schaffen. Sie könne sich insgesamt zwar gegen sie schützen. "Dennoch zwingen sie die israelischen Flugzeuge dazu, höher zu fliegen und schränken so ihre Fähigkeit ein, Ziele am Boden zu beschießen", heißt es in der CSIS-Studie. Das wiederum zwinge das Militär, in einer Auseinandersetzung vor allem auf Bodentruppen zu setzen. Genau darauf lege es die Hisbollah an.

Israel ändert Strategie

Vor dem Hintergrund des neuen Kräfteverhältnisses habe Israel seine bisherige Strategie modifiziert, liest man in einem Ende August 2019 veröffentlichten Papier des israelischen "Institute for National Security Studies" (INSS). So habe Israel den Radius seiner Aktionen kontinuierlich erweitert.

Sah sich die Regierung zunächst veranlasst, gegen iranische Stellungen und Depots in Syrien vorzugehen, hätten sich die Angriffe zuletzt auch auf Ziele im Irak gerichtet. Auch dort habe der Iran - gegen den Willen der irakischen Regierung - militärisches Kapazitäten aufgebaut.

Neu seien in dieser Dichte auch die Attacken gegen Hisbollah-Ziele im Libanon. Beim jüngsten Angriff gegen Hisbollah-Stellungen im Libanon habe das Militär offensichtlich bewusst einige Informationen an die Medien durchsickern lassen - mit dem Ziel, die Hisbollah-Führung über Israels Kalkül und Absichten zu informieren.

Iran Demonstration 40 Jahre Islamische Republik (IRNA)

Waffenbrüder: Hisbollah-Feier im Libanon zum 40. Jahrestag der Gründung der Islamischen Republik Iran im Februar 2019

Die Veränderungen der vergangenen Wochen ließen darauf schließen, dass die israelische Militärführung die Bedrohung durch den Iran und die Hisbollah höher bewertet als bislang, heißt es in der INSS-Studie. Der erhöhte Rhythmus der israelischen Einsätze lasse auf Sorge angesichts der militärischen Fortschritte der Gegenseite schließen.

Zudem seien die jüngsten Einsätze auch eine Botschaft: "Sie demonstrieren Kühnheit, Entschlusskraft und Entschiedenheit des Premierministers angesichts der iranischen Bedrohung ebenso wie seine Risikobereitschaft." Damit solle der Hisbollah gezeigt werden, womit sie im Fall eines Angriffs zu rechnen habe. Wahr sei aber auch, so die Studie weiter, dass die jüngsten Aktionen Premier Netanjahu beim Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 17. September zugute kämen.

Psychologische Kriegsführung

"Furcht ist die stärkste Waffe der Hisbollah", schreibt der Polit-Analyst David Daoud in der Zeitung "Haaretz". In einem kommenden Konflikt stehe darum zu erwarten, dass die Hisbollah Drohungen ausstieße, die über ihr tatsächliches militärisches Potential hinausgingen. Dazu, erwartet Daoud, gehöre etwa die Ankündigung, das Westjordanland zu erobern, Israel mit Präzisionsraketen zu überziehen, und den großen Ammoniak-Tank bei Haifa oder den Atomreaktor bei Dimona zu beschießen.

Die Drohungen dienten der Abschreckung, so Daoud. Die Hisbollah versuche sich auf diesem Weg in die Lage zu bringen, selbst zu entscheiden, ob und wann sie einen Krieg beginne. Zugleich ziele die Propaganda aus dem Libanon darauf, die Bedenken der israelischen Bevölkerung gegen einen Krieg wachsen zu lassen. Damit sei die Schiiten-Miliz durchaus erfolgreich - auch darum, weil die israelischen Medien die Drohungen der Hisbollah großflächig ventilierten. Dieser Umstand "arbeitet für uns", zitiert Daoud den Hisbollah-Chef.

Libanon Beirut Proteste gegen Jerusalem-Entscheidung von Trump (DW/Anchal Vohra)

Kriegsspiele: Kinder in Hisbollah-Kleidung, Dezember 2017

Bewusste Eskalation 

Insgesamt, schlussfolgern die INSS-Autoren, sei eine Eskalation im Libanon durchaus im Bereich des Möglichen. Das israelische Militär, vermuten sie, baue seine Angriffs- und Verteidigungskapazitäten gerade aus.

Sie schließen nicht aus, dass die Hisbollah derzeit einen Angriff plant, der Israel zwar empfindlich trifft, aber noch nicht zu einem offenen Krieg führt. Allerdings sei das Risiko einer Fehlkalkulation hoch: Israel könne härter zurückschlagen als in Beirut kalkuliert.

Doch auch die Regierung in Jerusalem sehe gewissen Risiken entgegen. Dies gelte vor allem mit Blick auf die USA. Die Trump-Regierung sei vollauf damit beschäftigten das Verhältnis zum Iran unter Kontrolle zu halten und könne zusätzliche Spannungen in der Regien nicht gebrauchen - auch nicht solche, die von Israel kämen. All dies stelle das Land vor schwierige Herausforderungen: "Eine neue Phase hat begonnen."

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Libanon: Hisbollah vor neuen Kämpfen?

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