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Die Musik ist raus

16. August 2004

- Über die Lage der "Wende-Generation" der jungen Leute in Bulgarien

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Bonn, 16.8.2004, DW-RADIO, Thomas Frahm

Nicht nur in Ostdeutschland, auch in Bulgarien hat die junge "Wende"-Generation am schwersten unter der Transformation ihres Landes zu leiden. Vor 1989 eingeschult, nach 1989 einen Weg ins Berufsleben suchend, gilt für viele von ihnen der Spruch: "Du hast keine Chance - nutze sie!" Thomas Frahm hat mit dreien von ihnen gesprochen, die das Land noch nicht verlassen haben.

Michail ist 26 Jahre alt. Er steht kurz vor dem Abschluss seines Musikstudiums und hat diese vitale Interpretation der Simple Symphony von Britten mit einem Jugend-Sinfonie-Orchester eingespielt. Das ist inzwischen - kurz vor einer ersten Auslandstournee - eingegangen: Geldmangel. Wie geht es nun für ihn weiter?

Mihail:

"In der Musik gibt es hier nur wenig Perspektiven. Die meisten meiner Kollegen, die ich kenne, sind schon ins Ausland gegangen oder sie wollen ins Ausland gehen. Das ist ein sehr großer Prozentsatz, zumindest unter den Musikern, ich schätze um die 50 Prozent oder mehr."

Die aussichtslose Lage der hoch qualifizierten jungen Musiker Bulgariens, die zu 50 Prozent im Ausland ihr Glück suchen, ist nur die Spitze eines eisigen Problemberges. Bulgariens Wirtschaft leidet insgesamt an Kapitalmangel. Die Staatskassen sind leer. Da bleibt für die Kulturaufgaben so wenig übrig, dass der Kulturminister neulich sogar gerügt wurde, weil er einen Blumenstrauß zu viel überreicht hat.

Etwa 250 000 Bulgaren haben in den letzten zehn Jahren das Land verlassen, darunter mehr als 150 000 junge Leute.

Der Übergang zur Marktwirtschaft fällt ja selbst dort schwer, wo Geld investiert wird: in den neuen Bundesländern. Wie erst in Bulgarien? Hohe Arbeitslosigkeit - offiziell 13, inoffiziell 30 Prozent -, Massenarmut, überalterte Bevölkerung, die zudem in den letzten 15 Jahren von neun auf unter acht Millionen gesunken ist, fallende Kaufkraft und wachsende Schattenwirtschaft bestimmen das Bild.

Das Elend der Pensionäre und ethnischen Minderheiten Bulgariens springt ins Auge, ist deutschen Medien manchmal sogar eine Reportage wert. Doch was ist mit der nachwachsenden Generation? Über 30 Prozent von ihnen bleiben ohne Arbeit, oder sie werden - das ist fast die Regel - deutlich unter ihrer Qualifikation beschäftigt: als Verkäufer, Taxifahrer, Hilfsarbeiter. Was sie verdienen, reicht bestenfalls zur Selbsterhaltung. Familiengründung? Nicht nur für Mihajl ein ferner Wunschtraum.

Janetta, zum Beispiel, jetzt 27, hat Betriebswirtschaft studiert, Schwerpunkt "Management"; aber sie arbeitet bei einer Reiseagentur, verkauft Fahrkarten und begleitet die Busreisenden als Stewardess. Warum hat sie nicht den Einstieg in den erlernten Beruf geschafft?

Janetta:

"Es gibt einfach keine Firmen mehr. Wir haben Unternehmensleitung gelernt, aber da ist nichts mehr zu leiten. Die unternehmerischen Einheiten sind auf Null heruntergewirtschaftet, so dass mein Mann und ich nach der Heirat entschieden haben, dass unsere einzige Chance darin besteht, nach Sofia, in die Hauptstadt zu gehen, wo Angebot und Nachfrage von Arbeit natürlich am höchsten sind."

Janetta hat den Schritt zur Familiengründung also trotzdem gewagt. Sie hatte Glück. Sie lernte während des Studiums Ilko kennen. Der 31-Jährige ist ein Genie im Aufspüren von Arbeit. Er hat Elektroniker gelernt und dann mit Janetta Ökonomie studiert. Jetzt haben sie ein Kind zusammen, und Ilko sagt:

Ilko

: "Im Moment arbeite ich für einen Griechen und für einen Österreicher, mit der Tendenz, für noch jemanden zu arbeiten. Das heißt, ich habe zwei Arbeitsplätze und erziele dadurch ein für bulgarische Verhältnisse vergleichsweise gutes Einkommen, 600, 700, 800 Lewa. Das ist das Minimum, das eine Familie mit einem Kind und einer arbeitenden Ehefrau braucht, um über die Runden zu kommen."

Kurz flammte Hoffnung in Bulgarien auf, als Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha, der als Kind zum Zaren gekrönt worden war, 2001 ins Land zurückkehrte, in die Politik einstieg und den Menschen versprach, es werde ihnen bald besser gehen. Er wurde wie ein Messias empfangen. Er wurde Ministerpräsident. Er holte junge Wirtschaftsprofis als Minister ins Land. Doch er hat die Schwierigkeiten wohl unterschätzt.

Seine Arbeitsförderungsprogramme für junge Leute greifen noch nicht. Janetta zum Beispiel meint auf die Frage, was denn der Staat für sie tue und was sie von der Zukunft erwarte:

Janetta:

"Der Staat hebt die Hände und sagt: 'Ist halt so! Rette dich, so gut du kannst!' Das ist einer der Gründe, warum der Staat ein Interesse daran hat, dass so viele Leute weglaufen wie möglich. Wenn wir überhaupt je Pläne für die Zukunft hätten haben können, wären die wie Türme einer nach dem anderen mit jedem Tag eingestürzt."

Ilko fasst denn auch - obwohl er so ein Überlebenskünstler ist - die Lage für seine Generation kurz und trocken so zusammen:

Ilko:

"In Bulgarien gibt es keine Zukunft für junge Leute." (MK)