Die Mauer des Schweigens bröckelt | Kultur | DW | 16.10.2013
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Kultur

Die Mauer des Schweigens bröckelt

Wenn es um ihr Vermögen ging, hüllten sich die deutschen Bischöfe stets in Schweigen - bis jetzt. Die Affäre um den kostspieligen Bischofsitz von Limburg lässt die katholischen Bistümer die Flucht nach vorne antreten.

Transparenz ist das Gebot der Stunde, denn noch hält die Empörung über das Finanzgebaren des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst an. Mindestens 31 Millionen Euro soll der Aus- und Neubau seines Bischofsitzes gekostet haben, und der Betrag könnte noch wachsen. Aber, und das weckte die Neugierde der Öffentlichkeit wie den Zorn vieler Katholiken: Der Löwenanteil der Bausumme stammte offenkundig aus dem Privatbesitz des Bischofsstuhls, über den der Kirchenobere eigenmächtig verfügte, und zwar, wie es scheint, ohne die vorgeschriebene Kontrolle durch Aufsichtsgremien.

Carsten Frerk (* 24. Oktober 1945 in Dibbersen, heute Buchholz in der Nordheide) ist ein deutscher Politologe, Journalist, Autor und säkularer Humanist. Quelle: Wikipedia

Der Politologe Carsten Frerk schrieb ein "Violettbuch Kirchenfinanzen"

Versteckte Gelder? Geheimvermögen? Verborgene Macht? Der "Fall Limburg" übt die Faszination eines Kirchenkrimis aus. Und so gerieten jetzt - wieder einmal - die Finanzen auch anderer katholischer Bistümer ins Visier. Über ihre Vermögen sprachen die katholischen Bischöfe nie gerne. Noch wer Anfang dieser Woche bei der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn nachfragte, erhielt zur Antwort: "Wir haben keine Übersicht über Vermögen der Bistümer. Dort liegt die Verantwortung." Auf eine Umfrage der Zeitschrift "Der Spiegel" vor drei Jahren verweigerten 25 von 27 katholischen Bistümern die Auskunft. "Das wird nicht veröffentlicht", bekamen die Journalisten zu hören.

Niemand spendet einer reichen Organisation

Auf rund 430 Milliarden Euro schätzt Kirchenkritiker Carsten Frerk das Gesamtvermögen der Kirchen in Deutschland. Der Berliner Politologe hat über Jahre zum Thema Kirchengelder recherchiert und schließlich sein "Violettbuch Kirchenfinanzen" vorgelegt. Frerks Schätzungen sind schwer zu überprüfen: In der Regel wurden und werden nur die Bistumshaushalte öffentlich, also die Einnahmen und Ausgaben der Diözesen. Das eigentliche Vermögen des Bischöflichen Stuhls, gleichzusetzen mit dem Privatvermögen des jeweiligen Bischofs, bleibt indes geheim. "Für die Geschäftsidee der großen Kirchen ist Transparenz sehr schädlich. Einer reichen Organisation spendet niemand Geld", so Frerk im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Bischofssitz in Limburg (Foto: DW)

Hinter einer Mauer des Schweigens - der neugebaute Bischofssitz in Limburg

Einen Sonderetat wie in Limburg gibt es in allen Bistümern. Und er untersteht auch direkt dem jeweiligen Ortsbischof. Zumeist ist das – zum Teil über Jahrhunderte angesammelte Vermögen vielseitig angelegt, "vor allem in Grundstücken, Immobilien, kirchlichen Banken und Tausenden Beteiligungen", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt. "Hinzu kommen Erträge aus Erbschaften und Stiftungen, die häufig auch dem bischöflichen Stuhl zugeordnet werden."

Erste Bistümer legen Vermögen offen

Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Anders als in Limburg, wo eine alte Bruchsteinmauer den neuen Bischofsitz fast schon sinnbildlich umschließt, bröckelt in vielen Diözesen die Mauer des Schweigens. Mutmaßlich in Folge des Limburg-Skandals ändern viele Bistümer ihre Kommunikationsstrategie und halten mit Vermögenszahlen nicht länger hinter dem Berg. Als erste Diözesen kündigten Anfang dieser Woche Essen, Münster und Speyer eine vollständige Offenlegung des Etats an. Das Erzbistum München und Freising bezifferte die Bilanzsumme des Erzbischöflichen Stuhls zum Ende 2012 auf 27,6 Millionen Euro. Wie in vielen anderen Bistümern wird die Bilanz einmal im Jahr von einem externen Wirtschaftsprüfer testiert.

Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle steht am Sonntag (10.01.2010) vor dem Hildesheimer Dom mit einer Broschüre zum geplanten Umbau in der Hand. Die Sanierung und Umgestaltung des Doms sowie der Umbau der St. Antonius-Kirche zum neuen Dommuseum werden voraussichtlich rund 30 Millionen Euro kosten. Mindestens 2,3 Millionen Euro davon sollen durch Spenden aufgebracht werden. Am Sonntag erklangen zudemvorerst letztmalig die Domglocken. Die Bauarbeiten sollen bis 2015, pünktlich zum 1200 Jubiläum des Bistums, abgeschlossen sein. Foto: Jochen Lübke dpa/lni +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle

Das Erzbistum Köln schaltete innerhalb weniger Stunden von Verschwiegenheit auf Auskunftsfreudigkeit um. Zunächst hieß es: "Sowohl das Vermögen des Erzbistums Köln, als auch des Erbischöflichen Stuhls sind derzeit nicht öffentlich. " Kurz darauf ließ die Pressestelle wissen: "Der Erzbischöfliche Stuhl in Köln besitzt mit Datum zum Ende des Jahre 2012 Vermögenswerte in Höhe von 166,2 Millionen Euro." Der Großteil sei in Immobilien angelegt. Die Erträge beliefen sich auf knapp zehn Millionen Euro. Alle Einnahmen und Ausgaben seien in den Bistumshaushalt eingeflossen und als Bericht im Internet veröffentlicht. Dagegen schätzt Kirchenkritiker Frerk das Kölner Bischofsvermögen auf 3 Milliarden Euro: "1,7 Milliarden kann man belegen über verschiedene Wirtschaftsbeteiligungen, die aus Datenbanken abrufbar sind, also überprüfbar sind", so Frerk im DW-Gespräch, "anderes eben nicht."

Als Grund für die bisherige Geheimniskrämerei bekannte ein Mitarbeiter des Bistums auf DW-Anfrage: "Wenn da Summen stehen von 700 Millionen, das wirkt sehr, sehr riesig und sehr reich." Solche Zahlen könnten bei den Gläubigen "falsche Assoziationen auslösen". Immerhin gilt Köln als eine der reichsten Diözesen weltweit. Die katholische Basis am Rhein plagt seit Jahren ein Spardiktat. Kirchen wurden geschlossen, immer weniger Geistliche müssen immer größere Gemeinden betreuen.

Eine Hand steckt eine Ein-Euro-Münze in eine Geldsammelbüchse (Foto: dpa)

Wer spendet gerne für reiche Organisationen?

Sicherlich kein Einzelfall. Doch waren es gerade finanzielle Schwierigkeiten, die das Bistum Hildesheim vor gut zehn Jahren zum Umdenken zwangen. Bischof Norbert Trelle machte aus der Not eine Tugend. "Wir wollten nicht einfach nur sagen, wir haben kein Geld!" erinnert sich Trelles Pressesprecherin Petra Meschede, "sondern es gehört zu jeder Verwaltung dazu, dass man auch offenlegt: Woher kommt das Geld? Wohin geht das Geld? Es geht um Transparenz." Die extern geprüfte und im Internet veröffentlichte Bistumsbilanz, der auch das Vermögen des Bischöflichen Stuhls umfasst, ist seither in Hildesheim ebenso selbstverständlich wie die kircheninterne Kontrolle aller Einnahmen und Ausgaben durch den Diözesan-Vermögensverwaltungsrat. "So etwas wie in Limburg kann bei uns nicht passieren", versichert die Sprecherin im DW-Interview, "bei uns wird nicht getrennt zwischen dem Vermögen des Bischöflichen Stuhls und den Finanzen des Bistums."

Bischofstuhl nicht zur Auskunft verpflichtet

Der Münsteraner Generalvikar Norbert Kleyboldt teilte inzwischen mit, das Geldvermögen des Bischöflichen Stuhls von Münster belaufe sich auf rund 2,37 Millionen Euro. Daneben sei der Bischöfliche Stuhl Eigentümer von Immobilien, die aber nicht als Geldanlage gesehen werden könnten. Viele Gebäude würden für dienstliche Zwecke des Bistums verwendet. Mit dem Vermögen des Bischöflichen Stuhls ließen sich keine großen Investitionen tätigen, fügte Kleybodt hinzu.

Bild 7 Der Falke auf Taubenjagd Laut schreiend schießt links am Turm der Falke vorbei. Sicherlich jagt er den Tauben hinterher.

Die Affäre Limburg - nur Spitze des Eisbergs?

Im Bistum Speyer hat der Bischöfliche Stuhl ein Vermögen von rund 46,5 Millionen Euro. Das sei ein langfristig angelegtes Stammvermögen, das nicht angetastet werde, ließ Bischof Karl-Heinz Wiesemann mitteilen. "Nur die Erträge werden verwendet, und zwar für kirchliche, mildtätige und karitative Zwecke", so das Bistum.

Der Bischöfliche Stuhl ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Das Vermögen wird vom jeweiligen Bischof eines Bistums oder in seinem Auftrag vom Generalvikar verwaltet. Rechtlich sind die Bischöfe über die Einkünfte und Ausgaben des Bischöflichen Stuhls gegenüber staatlichen Stellen nicht zur Rechenschaft verpflichtet. Ob das so bleibt, wird sich zeigen: Die moralische Diskussion unter Deutschlands Katholiken und die politische Debatte über die Kirchenfinanzen hat gerade erst begonnen.

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