Die Männlichkeit auf dem Prüfstand | Kunst | DW | 21.02.2020
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Fotoausstellung in London

Die Männlichkeit auf dem Prüfstand

Was ist ein Mann? Dieser Frage geht die Barbican Art Gallery in London nach. In rund 300 Fotos und Filmen wirft die Ausstellung "Masculinities: Liberation through Photography" so manche Stereotype über den Haufen.

Kaum ein Gebäude-Komplex versinnbildlicht die männliche Dominanz in der Architektur wohl so deutlich wie das Barbican in London. Der brutalistische Komplex aus drei Hochhäusern und flachen Wohnblocks erinnert an die in den 1960er Jahren spielende Kultserie "Mad Men", in der Männer täglich ins Büro pilgern, um vermeintlich die Welt zu retten. Neben überteuerten Wohntürmen, die wie Phallusse in den Himmel ragen, findet sich rund um den Betonplatz auch das Barbican Centre, Londons größtes Kultur- und Konferenzzentrum, in dem auch die Barbican Art Gallery beheimatet ist.

Gebäude-Komplex aus braun-grauen Sichtbeton, das die Barbican Art Gallery zeigt. (Foto: Getty Images/Barbican Art Gallery/T. Fewings).

Britischer Brutalismus: die Barbican Art Gallery in London

Geradezu passend scheint es, dass hier nun die Ausstellung "Männlichkeiten: Befreiung durch Fotografie" zu sehen ist, die anhand von Werken von mehr als 50 Künstlern männliche Identitäten untersucht. Moderne Auffassungen wie die vom Mann und seiner toxischen Männlichkeit, aber auch althergebrachte Vorstellungen wie die vom Mann als Familienoberhaupt werden in den rund 300 Fotografien und Filmen aufgegriffen. Über zwei Stockwerke verteilt zeigen sie alle, wie sich die männliche Identität über die Jahrzehnte hinweg verändert hat, insbesondere dank queerer Bewegungen.

Männer als Objekte

"Im Zuge der #MeToo-Bewegung und des Wiederauflebens des feministischen und männerrechtlichen Aktivismus sind traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit Gegenstand heftiger Debatten geworden", erklärt Jane Alison, Leiterin der Abteilung für Bildende Kunst am Barbican. "Diese Ausstellung könnte nicht relevanter sein und wird sicherlich Gespräche über unser Verständnis von Männlichkeit anregen."

Fotografie eines Footballspielers mit langen schwarzen Haaren und Helm unterm Arm. (Foto: Catherine Opie/Regen Projects/Thomas Dane Gallery).

Lange Haare, harter Sport: Fotografin Catherine Opie fragt nach der Bedeutung vermeintlich männlicher Attribute

Die Fotoarbeiten zielen darauf ab, "Männlichkeit als eine unfixierte, von kulturellen und sozialen Kräften geprägte performative Identität darzustellen", heißt es in der Pressemitteilung. Demzufolge setzen sie sich mit dem Mannsein rund um den Globus in all seinen Facetten auseinander. Und egal, ob es um das Patriarchat oder um das Thema "Black is beautiful" innerhalb der schwarzen männlichen Bevölkerung geht - die Schau zeigt eine Vergegenständlichung der Männer, wie sie sonst eigentlich besonders Frauen im Bereich der Pop-Kultur erfahren.   

Die Werke stellen gängige Vorstellungen von Männlichkeit - aber auch Weiblichkeit - in Frage. Sie erschüttern die Erwartungen des Betrachters. Dadurch wird die Ausstellung zu einem Ort, an dem ein Dialog über Geschlechterrollen beginnen kann, der über weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale oder die Debatte über Pronomen hinausgeht.  

Taliban-Lager und Altherren-Clubs

Zu sehen sind beispielsweise Farbporträts von Taliban, die sich vor blumiger Kulisse zärtlich an den Händen halten. Ihre Augen sind dick mit schwarzem Kajal umrandet. In Afghanistan ist das Händchenhalten unter Männern nichts Ungewöhnliches und das Bemalen der Lider mit schwarzem Kajal ein gesellschaftliches Ritual auch bei Männern. Dennoch regen die Bilder zum Nachdenken darüber an, was einen Mann zum Mann macht. Der Fotograf Thomas Dworzak veröffentlichte die Bilder im Jahr 2001, als sich die Taliban auf den Kampf gegen die von den USA geführte Offensive in Afghanistan vorbereiteten. Was aber aus diesen Kriegern nach fast zwei Jahrzehten Krieg wohl geworden ist, deren Selbstbild zumindest für ein westliches Publikum etwas überraschend wirkt, wird fast zur Nebensache. Der Kajal wirkt wohl bei Männern wie bei Frauen.

Die Londoner Fotoausstellung zeigt aber auch politisch aufgeladene Momente in Europa. Die Serie "Gentlemen" von der in Frankfurt geborenen Fotografin Karen Knorr untersucht private Männerclubs in der britischen Hauptstadt in den frühen 1980er Jahren. Die Fotografien spiegeln nicht nur die damaligen Klassen- und Rassenvorstellungen wider, sondern verdeutlichen auch den Ausschluss von Frauen - und das zu Zeiten Margaret Thatchers.

In einem feudalen Saal sitzt ein Mann im Anzug in einem Sessel, auf dem Schoß eine Zeitung (Foto: Karen Knorr).

Männer unter sich: Altherren-Club in London

Queere Identitäten

Besonders spannend ist die Schau in Hinblick auf die queeren Fotoserien, die zeigen, dass die Homosexuellen-Bewegung den Grundstein für viele Fragen der bis heute anhaltenden Gender-Debatte gelegt hat. Künstler wie Sunil Gupta fingen das Leben Schwuler auf der New Yorker Christopher Street ein, der Ort, an dem sich vor knapp 51 Jahren die Stonewall-Unruhen entzündeten. Die Fotos verzichten auf grelle Paradiesvögel, mit denen Schwulenviertel oft assoziiert werden, und zeigen stattdessen Männer des Alltags, die die Grenzen zwischen homo- und heterosexuell verschwimmen lassen (Artikelfoto). In den 1980er Jahren beschäftigte sich Gupta dann mit der Liebe unter Männern in Indien, wo wiederum seine Bilder das Thema Männlichkeit innerhalb der schwulen Szene verdeutlichen sollen. In einer Gesellschaft, in der bis heute die Homosexualität als Subkultur gilt, schafft Sunil Gupta es, alternativen Männlichkeiten ihren wohlverdienten Platz einzuräumen.

Catherine Opies Serie "Sein und Haben" von 1991 erkundet die LGBTQ-Szene an der Westküste der USA. Die Models - ihre persönlichen Freunde - sind geschmückt mit Tätowierungen und Schnurrbärten. Die Bilder werfen die Frage auf, welche Rolle solche stereotype maskuline Modeaccessoires für die Identität spielen. Machen sich diese Männer über "typisch männliche" Körperattribute lustig? Oder ermöglichen gerade diese es vielen, in einer Männerwelt "durchzukommen", ohne dabei unnötig aufzufallen? Vielleicht sind es gerade die Perspektiven von Frauen wie Opie und Knorr, die es ermöglichen, den Wandel der Maskulinitäten über die Jahrzehnte hinweg besser und ganzheitlicher zu verstehen. 

Makellose Männer

Die Ausstellung setzt vor allem auf die Werke bekannter Fotografen und Filmemacher wie Herb Ritts, Isaac Julien oder Robert Mapplethorpe. Aber auch weniger bekannte Künstler wie Sam Contis, Paul Mpagi und Karlheinz Weinberger, von denen einige noch nie in Großbritannien ausgestellt haben, sind vertreten.

Modefoto von Model Marcus Schenkenberg in Unterhosen auf einem Eis-Sessel sitzend (Foto: picture-alliance/dpa/MMK Absolut Vodka).

Eines der ersten männlichen Starmodels: Marcus Schenkenberg, 1997 von Herb Ritts fotografiert

Dabei dominiert zwar eine unverhältnismäßig große Anzahl makelloser Körper und heroischer Darstellungen die Schau, doch am Ende zeigt die Ausstellung mit ihrem breiten Spektrum an vermittelten Emotionen und Ansätzen eine besondere Dimension der Männlichkeit, die in der Debatte über Geschlecht und Identität oft übersehen wird: Männer sind in ihrem Kern verwundbar. 

"Masculinities: Liberation through Photography" ist vom 20. Februar bis zum 17. Mai 2020 in der Barbican Art Gallery in London zu sehen.

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