Die Liebe der Deutschen zu Vincent van Gogh | Kunst | DW | 23.10.2019
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Ausstellung

Die Liebe der Deutschen zu Vincent van Gogh

Er schnitt sich ein Ohr ab. Aber war er wirklich ein verkanntes Genie am Rande des Wahnsinns? Den Mythos rückt jetzt die größte Vincent- van-Gogh-Schau der letzten Jahre zurecht - im Frankfurter Städel Museum.

Der Mythos van Gogh verkaufte sich zu allen Zeiten gut. Das gilt besonders für Deutschland, wo der menschenscheue Niederländer (1853-1890) mit der farbverliebten, rhythmischen, pastosen Malweise, mit seinen kühnen Kompositionen und Motiven einer ganzen Künstlergeneration den Kopf verdrehte – eingeschlossen die Maler der Brücke und des Blauen Reiters. Doch begann die Erfolgsgeschichte des Autodidakten van Gogh, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkaufte, nicht erst mit dem Freitod des 37-Jährigen. Man kann sie auch als geschickte Marketingstrategie lesen. Das Städel Museum in Frankfurt jedenfalls illustriert diese - nicht ganz neue - These mit einer opulenten Bilderschau. Der Titel: "Making van Gogh – Geschichte einer Liebe". Zu sehen ist sie vom 23. Oktober bis zum 16. Februar 2020.

Gut 120 Gemälde und Zeichnungen hängen an den Wänden, davon 50 Werke van Goghs aus allen Schaffensphasen. Flankiert werden sie von Arbeiten seiner Bewunderer, Nachahmer, Fälscher und Kritiker - darunter Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und Paula Modersohn-Becker, aber auch von heute wiederentdeckten Künstlern wie Peter August Böckstiegel, Elsa Tischner-von Durant oder Heinrich Nauen.

Selbstporträt Vincent van Goghs von 1887 (The Art Institute of Chicago, Joseph Winterbotham Collection, 1954.326)

Selbstporträt Vincent van Goghs von 1887

Herausgekommen ist eine Schau der Superlative und ein Publikumsmagnet in spe. Von der "aufwendigsten Städel-Schau aller Zeiten" schwärmt denn auch Direktor Philipp Demandt. Einen "mittleren einstelligen Millionenbetrag", verrät er, hätten Freunde und Sponsoren des Museums dafür aufgebracht. 

Ungebremster Siegeszug in Deutschland

Mythos, Wirkung, Malweise - in drei Kapiteln fächern die Kuratoren Alexander Elling und Felix Krämer ihre Rechercheergebnisse auf. "Van Gogh hat zuerst Deutschland erobert", erläutert Ideengeber Krämer, vor Jahren noch Schirn-Kurator in Frankfurt und heute Direktor des Kunstpalastes Düsseldorf. Erste Architektin dieses Erfolgs war die gut vernetzte Schwägerin des Malers, Johanna van Gogh-Bonger (1862-1925). Sie warb gezielt für das Bildererbe van Goghs, knüpfte grenzübergreifend Kontakte zu Galeristen und Museumsleuten und verschaffte ihrem Schwager posthum Aufmerksamkeit. Vor allem in Deutschland fiel ihr Werben auf fruchtbaren Boden: "Grund war die lähmende Situation der Kunst im Kaiserreich", erläutert Krämer mit Blick auf die dominierende Historien-, Landschafts- und Porträtmalerei jener Zeit, "da stand die expressive Malerei van Goghs im Kontrast zum aktuellen Kunstschaffen." Die Rolle von Galeristen, etwa von Paul Cassierer in Berlin, die Kunstkäufe von Privatsammlern, die Arbeit von Kunstkritikern - all das legt die Städel-Schau nun mit akribisch recherchierten Belegen dar.

Revolver, mit dem van Gogh sich erschoss
Auktion zu Lefaucheux-Revolver (picture-alliance/dpa/MAXPPP/Mousse)

Mit diesem Revolver soll der Maler van Gogh sein Leben 37-jährig beendet haben

Van Gogh als Leidensapostel zwischen Wahnsinn und Genie - dieses Image verdankt der Maler mit dem abgeschnittenen Ohr dem einflussreichen deutschen Kunstkritiker Julius Meier-Graefe und seinem Roman "Vincent" (1921). Man könnte sagen, der Ruf van Gogh als "Vater der Moderne" entstand nicht zufällig. Viele hatten ein Interesse und nicht wenige verdienten daran.

"Gestrichelte Absonderlichkeiten"

So waren van Goghs Werke bis zum ersten Weltkrieg in fast 120 Ausstellungen in Deutschland vertreten. Van Goghs Präsenz in der legendären Kölner Sonderbund-Ausstellung von 1912, wo neue und althergebrache Kunstströmungen wie rasende Züge aufeinander prallten, festigte seinen Ruf als Vorreiter der Moderne. Sammler kauften Werke des Niederländers, allen voran der Hagener Industrielle Karl Ernst Osthaus. Öffentliche Museen folgten. Und selbst Künstlerproteste – wie in Bremen gegen den Einzug der Moderne in deutsche Museumssammlungen – konnten van Goghs Siegeszug in Deutschland nicht aufhalten.

Skizze zum Hauptwerk van Goghs Bildnis des Dr. Gachet, das die Nazis im Städel beschlagnahmten. (Städel Museum, Frankfurt am Main)

Skizze zum Hauptwerk van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet", das die Nazis im Städel beschlagnahmten.

Während seine "gestrichtelten Absonderlichkeiten" anfangs noch so manchen Kritiker erzürnten, versetzten sie andere immer mehr in Euphorie. Heute ist Vincent van Gogh ein Weltstar. Doch ohne die deutsche Kunstgeschichte wäre das nicht möglich. "Und", so Städel-Direktor Demandt, "ohne van Gogh wäre die Geschichte der Moderne in Deutschland vollkommen anders verlaufen." 

Dass auch van Gogh unter den Nationalsozialisten als "entartet" eingestuft wurde, bekam übrigens auch das Städel Museum schmerzhaft zu spüren: Van Goghs "Das Bildnis des Doktor Gachet", 1911 erworben und heute eines seiner Hauptwerke, wurde beschlagnahmt. An das düstere Kapitel deutscher Kunstgeschichte erinnert jetzt in der Ausstellung ein leerer Bilderrahmen. Wer mag, kann darin ein Selfie machen. Van Goghs Ruhm mehrt es allemal.

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