Die Lehren aus dem Sherbini-Mord | Deutschland | DW | 01.07.2010
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Deutschland

Die Lehren aus dem Sherbini-Mord

Der Mord an Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 schockte Deutschland und löste Proteste in der islamischen Welt aus. Nach der Bluttat am Dresdner Landgericht entflammten Debatten um die Sicherheit in deutschen Gerichten.

Marwa El-Sherbini auf einem Hochzeitsfoto in Kairo. (Foto: dpa)

Marwa El-Sherbini auf ihrem Hochzeitsfoto

Marwa El-Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz waren 2004 nach Europa gekommen. Der Molekularbiologe hatte ein Stipendium als Doktorand am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden. Seine Frau, eine studierte Pharmazeutin aus einer angesehenen Familie in Alexandria, arbeitete in einer Apotheke. Der 2006 in Dresden geborene Sohn Mustafa ging in den Kindergarten. Marwa El-Sherbini hatte sich mit ihrem Kopftuch auch in Deutschland offen zum muslimischen Glauben bekannt.

Als die Ägypterin den späteren Täter Alex W. im August 2008 auf einem Spielplatz um einen Sitz auf der Kinderschaukel bat, beleidigte und beschimpfte er sie unter anderem als "Islamistin" und "Terroristin". Zeugen riefen die Polizei, der Fall landete vor Gericht. Alex W. sah die Beleidigung nicht ein, machte auch vor Gericht ausländerfeindliche Bemerkungen und wehrte sich gegen die verhängte Strafe.

Mut mit dem Leben bezahlt

Der Angeklagte Alex W. wird in Dresden in den Verhandlungssaal gebracht. (Foto: ap)

Der Mörder Alex W. im November 2009 am Dresdner Landgericht

In der Berufungsverhandlung am 1. Juli 2009 war Marwa El-Sherbini, nun mit dem zweiten Kind schwanger, als Zeugin geladen. Ihr Mann und der gemeinsame Sohn begleiteten sie. Augenzeugen berichteten, wie der Angeklagte sich plötzlich auf die Frau stürzte und mit einem Messer auf sie einstach. Marwa El-Sherbini starb vor den Augen ihres Sohnes noch im Gerichtssaal. Den Mut, sich gegen ausländerfeindliche Beleidigungen eines Russlanddeutschen zu wehren, bezahlte die 31-Jährige mit dem Leben.

Auch der Ehemann lag blutend am Boden, er hatte seiner Frau zu Hilfe kommen wollen. Bei der Rettungstat wurde er lebensgefährlich verletzt, als ein Bundesbeamter ihn irrtümlich anschoss. Sein Leben konnte mit einer Not-OP gerettet werden. Viele der Augenzeugen - Richter, Staats- und Rechtsanwälte sowie Schöffen - erlitten einen Schock.

Internationales Entsetzen

Die Bluttat löste bei Muslimverbänden Empörung über Islamfeindlichkeit in Deutschland aus, auch international war das Entsetzen groß. Es gab Proteste gegen Deutschland im Iran und der Heimat des Opfers in Ägypten. In Dresden wurden seitdem gemeinsam mit dem Ausländerrat neue Initiativen gegen Fremdenhass und Rechtsextremismus angeschoben.

Vier Monate nach der Tat wurde Alex W. im Landgericht Dresden wegen Mordes zur Höchststrafe verurteilt: lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren praktisch ausgeschlossen. Das Urteil ist rechtskräftig, die Revision des 29-Jährigen wurde vom Bundesgerichtshof verworfen. Der Prozess fand unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen und internationalem Medieninteresse statt. Das Gericht glich einem Hochsicherheitstrakt.

Vor dem Dresdner Rathaus sind weiße Rosen und Beileidsbekundungen für die am 01.07.2009 im Dresdner Landgericht erstochenen Ägypterin Marwa El-Sherbini niedergelegt. (Foto: dpa)

Vor dem Dresdner Rathaus wurden weiße Rosen und Beileidsbekundungen für Marwa El-Sherbini niedergelegt.


Der Mord löste auch eine Debatte über die Sicherheit an deutschen Gerichten aus. Mehrere Bundesländer beschlossen schärfere Kontrollen. Auch Sachsen verstärkte die Vorkehrungen. Die Familie des Opfers, aber auch Verbände hatten den Behörden wegen der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen eine Mitschuld am Tod der Ägypterin gegeben. Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung gegen den Gerichtspräsidenten und einen Richter wurden später jedoch ebenso eingestellt wie Ermittlungen gegen einen Bundespolizisten, der den Ehemann der Ägypterin bei der Rangelei mit dem Täter irrtümlich angeschossen hatte.

Ehemann und Sohn kehrten Deutschland den Rücken

Witwer und Sohn von Marwa El-Sherbini leben inzwischen in England, wo der Zellforscher an einem Universitätsinstitut arbeitet. "Es geht ihm gut", berichtet ein ehemaliger Kollege aus Dresden, der noch Kontakt zu dem jetzt 32-jährigen Okaz hat. Die Doktorarbeit hatte der junge Wissenschaftler noch in Dresden abgeschlossen. Seit dem Prozess hat er die Stadt gemieden. Auch sein Kommen zum Gedenken am Jahrestag der Bluttat hat Elwy Ali Okaz abgesagt. Deshalb gibt es nur einen Akt des stillen Gedenkens im Landgericht. Dort wurde nun im Foyer eine Bronzetafel enthüllt, die in Deutsch und Arabisch an die brutale Gewalttat erinnert. "Es steht in unserer Macht, alles daran zu setzen, dass so etwas nie wieder geschieht", sagt Oberbürgermeisterin Helma Orosz.

Autor: Arne Lichtenberg
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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